Diverses Lohnfrage spaltet Experten

Nach dem starken Wirtschaftswachstum im Frühling fordern erste Ökonomen höhere Löhne. Andere Stimmen mahnen zur Zurückhaltung. Drei Volkswirte geben eine Einschätzung.

Kaum eine wirtschaftspolitische Debatte birgt hierzulande mehr Sprengstoff als die Entwicklung der Löhne. Befeuert wird dieser Streit unter Politikern und Ökonomen jetzt vom sagenhaften Anstieg der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal. Das Bruttoinlandsprodukt legte mit mehr als zwei Prozent so stark wie nie seit der Wiedervereinigung zu.

Kein Wunder, dass Ökonomen bereits zusätzliche Lohnerhöhungen fordern. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger etwa plädiert dafür, dass ein Plus von durchschnittlich drei Prozent für deutsche Unternehmen durchaus zu stemmen sei. Nach einer ökonomischen Faustregel sollten die Löhne so stark steigen wie Produktivitätszuwachs plus Teuerungsrate. Daran gemessen liegt die Forderung Bofingers im Rahmen der volkswirtschaftlichen Lehrbücher. Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank liegt bei knapp zwei Prozent, der Produktivitätszuwachs bei etwas über einem Prozent.

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Kritiker von Lohnerhöhungen lässt diese Rechnung weitgehend kalt – vor allem, weil der derzeitige Aufschwung als fragil gilt. Hinzu kommt, dass die Produktivität im Krisenjahr 2009 gesunken ist, weil die Unternehmen kaum Beschäftigte entlassen haben, so ihre Argumentation. Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, beispielsweise mahnt, dass zu starke Lohnsteigerungen die Chancen auf zusätzliche Produktionskapazitäten und zusätzliche Beschäftigung verbauen könnten. Dies zeigt, wie unterschiedlich die Meinungen zu diesem Thema ausfallen.

Neben der Frage der Verteilung sprechen nach Ansicht einiger Ökonomen aber noch weitere Argumente für Lohnsteigerungen. Der Binnenkonsum ist hierzulande beinahe schon chronisch schwach, die Wirtschaftsentwicklung hängt stark von den Exporten ab. Hätten die Deutschen mehr Geld in der Tasche, könnten sie den Konsum anschieben und der Konjunktur zusätzliche Impulse geben – ähnlich, wie es der französische Verbraucher bereits seit Jahren macht.

Der Lohnfindungsprozess wird allerdings von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestimmt. Volkswirte liefern dafür den theoretischen Rahmen. Die FTD hat zu dem kontroversen Thema drei Vertreter der Zunft befragt.

Sollen die Löhne in Deutschland jetzt steigen?

Der deutsche Boom weckt Begehrlichkeiten bei den Arbeitnehmern. Doch die Ökonomen streiten darüber, ob es der richtige Zeitpunkt für Lohnzuwächse ist.

Gustav Horn – Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

Die Arbeitnehmer haben jahrelang auf starke Lohnanstiege verzichtet. Ist es jetzt nicht an der Zeit, sie am Aufschwung teilhaben zu lassen?

Überfällig Ja, es ist dringend notwendig, um die Ära der Umverteilung von Niedrigeinkommen zu hohen Einkommen zu beenden. Nur so lässt sich die zähe Konsumschwäche in Deutschland überwinden. Zugleich wird sich die Performance der deutschen Wirtschaft bezüglich Wachstum und Beschäftigung verbessern.

Der Aufschwung gilt unter manchen Ökonomen noch nicht als selbsttragend. Sind die Gewinne der Unternehmen überhaupt schon stabil genug für Lohnanstiege?

Bald Der sogenannte Aufschwung ist derzeit bislang sogar nur eine Erholung, denn das Produktionsniveau der Vorkrisenzeit ist noch nicht erreicht. Das dürfte aber im kommenden Jahr der Fall sein, und dann sollten auch die Löhne wieder auf einen an der Produktivität orientierten Pfad einschwenken.

Die deutschen Lohnstückkosten sind im Krisenjahr 2009 stark angestiegen, Deutschland hat an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sollten die Löhne aus diesem Grund nur marginal ansteigen?

Verzerrtes Bild Der starke Lohnstückkostenanstieg 2009 ist eine rechnerische Folge der Kurzarbeit und überzeichnet damit die Lohndynamik künstlich. In diesem Jahr korrigiert sich dies mit dem Abbau der Kurzarbeit durch einen ebenso starken Rückgang der Lohnstückkosten, der die Lohndynamik entsprechend unterzeichnet.

Sollte die deutsche Wirtschaftspolitik mit höheren Löhnen nicht auch die Binnenwirtschaft fördern, um so die Exportabhängigkeit etwas zu verringern?

Sinnvolles Ziel Ja, das muss die mittelfristige Strategie sein. Da der Überschuss im Außenhandel in den vergangenen Jahren die wesentliche Quelle des Wachstums war, ist Deutschland in zu starkem Ausmaß von außenwirtschaftlichen Tendenzen abhängig. Ein stabileres Wachstum geht anders: Siehe Frankreich.

Dennis Snower – Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft

Die Arbeitnehmer haben jahrelang auf starke Lohnanstiege verzichtet. Ist es jetzt nicht an der Zeit, sie am Aufschwung teilhaben zu lassen?

Kein Anstieg Natürlich haben die deutschen Arbeitnehmer vom Produktivitätsfortschritt profitiert: durch höhere Beschäftigungsraten und niedrigere Arbeitslosenraten. Der jetzige Aufschwung ist nicht sicher, aber ein Lohnanstieg könnte nicht rückgängig gemacht werden, wenn die Konjunktur abflaut.

Der Aufschwung gilt unter manchen Ökonomen noch nicht als selbsttragend. Sind die Gewinne der Unternehmen überhaupt schon stabil genug für Lohnanstiege?

Fragiler Aufschwung Der Aufschwung ist tatsächlich fragil. Wenn Unternehmen einen längerfristigen Arbeitsengpass vorhersehen würden, dann würden die Löhne von allein steigen.

Die deutschen Lohnstückkosten sind im Krisenjahr 2009 stark angestiegen, Deutschland hat an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sollten die Löhne aus diesem Grund nur marginal ansteigen?

Euro sei Dank Wegen der krisenbedingten Abwertung des Euro hat die deutsche Wettbewerbsfähigkeit nicht eingebüßt. Doch das Abflauen der Konjunktur in den Schwellenländern und langsame Wachstumsraten in Europa und Amerika könnten zukünftig die deutsche Beschäftigung bremsen.

Sollte die deutsche Wirtschaftspolitik mit höheren Löhnen nicht auch die Binnenwirtschaft fördern, um so die Exportabhängigkeit etwas zu verringern?

Nur bei Arbeitsknappheit Lohnerhöhungen fördern die Binnenwirtschaft nicht. Eine Lohnerhöhung hat diverse Effekte: Die Einkommen der Beschäftigten steigen, die Beschäftigung und das Gewinneinkommen nehmen aber ab. Lohnerhöhungen, die nicht aus Arbeitsknappheit entstehen, können Beschäftigung, Wachstum und Binnennachfrage langfristig nur schaden.

Ulrich Kater – Chefvolkswirt der Dekabank

Die Arbeitnehmer haben jahrelang auf starke Lohnanstiege verzichtet. Ist es jetzt nicht an der Zeit, sie am Aufschwung teilhaben zu lassen?

Maßvoll Deutschland hat durch Lohnübertreibungen in den 90er-Jahren sehr gelitten. Heute ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gut und die Arbeitsmarktlage besser. Im Rahmen des Verteilungsspielraums kann man an eine maßvolle Lockerung der Lohnzurückhaltung denken, ohne größere Kollateralschäden zu befürchten.

Der Aufschwung gilt unter manchen Ökonomen noch nicht als selbsttragend. Sind die Gewinne der Unternehmen überhaupt schon stabil genug für Lohnanstiege?

Unsicherheit Der Aufschwung ist unsicher. An den Kapitalmärkten stehen sich mit steigenden Aktienkursen und extrem niedrigen Renditen an Rentenmärkten zwei Konjunkturmeinungen diametral gegenüber. Bezieht man solche Risiken ein, kann man zunächst auf flexible Arrangements zurückgreifen wie zusätzliche Einmalzahlungen.

Die deutschen Lohnstückkosten sind im Krisenjahr 2009 stark angestiegen, Deutschland hat an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sollten die Löhne aus diesem Grund nur marginal ansteigen?

Längerfristig Auslastungsschwankungen haben Auswirkungen auf Lohnstückkosten, erst recht die extreme Zyklik 2009 mit Besonderheiten wie Kurzarbeit. Die Lohnpolitik sollte sich aber weniger an kurzfristigen zyklischen Schwankungen als an längeren Trends orientieren, also langfristigem Produktivitätsfortschritt und Inflationsrate.

Sollte die deutsche Wirtschaftspolitik mit höheren Löhnen nicht auch die Binnenwirtschaft fördern, um so die Exportabhängigkeit etwas zu verringern?

Nur ein Baustein Mit der Binnennachfrage ein zweites Standbein im deutschen „Geschäftsmodell“ zu entwickeln ist aus verschiedenen Gründen sinnvoll. Höhere Löhne können einen Baustein darstellen, aber nur, wenn die Steigerungen nicht arbeitsplatzgefährdend wirken. Ein weiterer Baustein wäre etwa ein möglichst investitions- und gründungsfreundliches Umfeld.

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