Diverses Luxus undercover

Seinen Reichtum offen zur Schau zu stellen gilt in Krisenzeiten als unanständig. impulse.de tischt bei einer fiktiven Tafelrunde edle Produkte auf, deren Wert nur der Connaisseur erkennt.

Draußen stürmt es. Drinnen nehmen gerade der Firmenchef, nennen wir ihn Dr. Schmolzer, und seine engsten Mitarbeiter an einer Festtafel Platz.
Noch ahnt niemand, welch perfides Spiel
der Unternehmer treibt: Werden seine
Gäste überhaupt bemerken, welchen
Luxus er ihnen bietet? Nichts von dem,
was bereits auf dem Tisch
steht und noch aus der
Küche kommen wird,
trägt die typischen Insignien
des Reichtums.

Dr.
Schmolzer hat sich entschlossen,
in dieser Zeit wirtschaftlicher
Unwetter eine neue Zurückhaltung an
den Tag zu legen. Vordergründig jedenfalls.
Denn wer will schon als politisch unkorrekt dastehen? Deshalb lautet
seine Strategie: gehobene Lebensart –
unbedingt! Aber bitte erst auf den zweiten
Blick. Die ahnungslosen Anwesen-
den freuen sich
auf ein Dinner
in einem Rahmen,
der besondere
Exklusivität
verspricht.

Anzeige

Zum ersten Mal hat Dr. Schmolzer zum
Geschäftsessen nicht in ein Sterne-Restaurant
geladen, sondern in sein Privathaus.
Zwei, drei Gläschen Champagner
haben die Stimmung bereits gelockert.
Man setzt sich. Doch was ist das? Eigentlich
geht es unserer Firma doch noch ganz
gut, denken die Geladenen. Wie lässt sich
da nur dieses Besteck erklären? Löffel,
Messer und Gabeln sind von einem
stumpfen Grau-Braun. Das Material und
der schmucklose Stil lassen den gewohnten
Hochglanz eines prestigeträchtigen
Tafelsilbers vollkommen vermissen.

Erinnert stark an Eisenteile aus dem
Mittelalter, denkt so mancher. Der Hausherr
räuspert sich: „Was Sie vor sich
haben“, flüstert er konspirativ, „nennt
sich Titan.“ Er nimmt eine der schweren
Gabeln in die Hand: „Purismus pur.“

Teil 2: Schlichtheit siegt über Opulenz

Laurenz Lenffer, Inhaber eines Hamburger
Fachgeschäfts für Tableware, weiß
genau, wie wirkungsvoll sich so ein Titanbesteck
in seiner optischen Schlichtheit
gegen die bislang so beliebten kunstvollsten
Dessins abgrenzt. Und dennoch
reinen Luxus darstellt: „Das französische
Puiforcat-Besteck mit Silberrandgeschirr
und Gläsern etwa kostet für zehn Personen
60.000 bis 70.000 Euro. Doch nur der
Kenner erkennt den Wert“, sagt er. Bestecke
etwa aus dem Haus Christofle, die
sich seit jeher durch ausgeprägte Repräsentativität
auszeichneten, hätten es im
Moment eher schwer, Käufer zu finden.

„Es gibt eine Serie, in der jede Gabel und
jedes Messer mit Diamanten besetzt ist,
ein Einzelteil kostet bis zu 1000 Euro.“
Gerüchten zufolge hat sich der Popstar
Madonna für eine Million Euro damit eingedeckt.
Oder die Kollektionen
von
Versace: „Die
sind alle etwas
überladen. Potenzielle
Käufer
solcher Artikel
fragen sich,
ob sie damit
ihr Umfeld gestalten
wollen.“

Auch wer etwa statt prunkvoller Lalique-
Gläser mit matt geschliffenen Reliefs etwas
Dezenteres auf den Tisch stellen
möchte, kann fündig werden: Die Gläser
von Saint-Louis oder Theresienthal sind
eine stilvolle Alternative, die auch in
gehobenen Gesellschaftskreisen Klasse
beweist.

Die Zeiten des Goldglanzes sind erstmal vorbei

Die Zeiten, in denen beispielsweise
reiche Russen es nicht goldglänzend und
teuer genug haben konnten, seien erst
einmal vorbei, sagt Lenffer. Dennoch
könne von einer neuen Bescheidenheit
nicht die Rede sein. Wer Geld habe, bringe
es meist auch gern unters Volk. Aber:
„Die Leute wollen beim Geldausgeben an
der Kasse nicht mehr gesehen werden.
Jedenfalls nicht dort, wo man sie kennt.
Viele weichen auf andere Städte aus oder
kaufen gar im Ausland ein.“ Luxusartikel
seien auch weiterhin gefragt, doch bei
der Kaufentscheidung „spielen Kriterien
wie Wertbeständigkeit und handwerkliche
Perfektion eine immer größere
Rolle als bloßes Imagedenken“.

Zurück zu Dr. Schmolzers kleiner
Abendgesellschaft. Die Serviererin – der
Gastgeber legt Wert darauf, dass es sich
nicht um die Tochter des Hauses handelt,
die sich ein Zubrot für ihr Kunstgeschichtsstudium
verdienen möchte, sondern
um eine professionelle Mietkellnerin
– kommt schon beim Einschenken des
Begrüßungschampagners in den Genuss
besonderer Aufmerksamkeit. Nicht wegen
ihres Liebreizes, sondern wegen der
Flasche, aus der sie einschenkt.

„Das ist“, raunt ein Gast einem anderen
verschwörerisch zu, „aber kein Louis
Roederer Cristal wie im vergangenen
Jahr.“ Um Eindruck zu schinden, setzt er
vorsichtshalber noch eins drauf: „Nicht
einmal Veuve Clicquot!“ Der Angesprochene,
der Dr. Schmolzers Spiel offenbar
bereits durchschaut hat, zieht daraufhin
nur die Augenbrauen hoch und antwortet
mitleidig: „Ach, wissen Sie, 200 Euro
für eine Flasche Roederer geben doch
heute nur noch die Neureichen aus. Ein
Pol Roger oder ein Moët & Chandon
Rosé,
wie wir ihn im Glas haben, kann
sich durchaus sehen lassen.“

Teil 3: Der Trend geht zum Genuss im Privaten

„Mit einem Rosé von Moët & Chandon
oder einem aus dem Haus Veuve Clicquot,
bei denen die Produktionsmengen
nicht so groß sind, kann man in der Tat
beeindrucken“, bestätigt Nikolas von
Haugwitz, Geschäftsführer von Europas
größtem Weinhändler Hawesko.
Häufig werde die Qualität dieser Produkte
nicht richtig wahrgenommen, weil
Deutschland „sehr markenorientiert ist
und mehr auf das Label als auf den In-
halt der Flasche schaut. Wenn der Name
nicht richtig klingt, werden hochwertige
Produkte oft gar nicht gekauft“. Die Folge
seien „Mode-Champagner“, so von
Haugwitz. So habe es zum Beispiel der
Roederer Cristal bei wichtigen Firmenevents
zu großer Beliebtheit gebracht. Obwohl – schlecht sei der nicht, nur teuer
eben.

Jetzt, in der Krise, sei eine Trendwende
erkennbar: „Der Cocooning-Effekt
zeichnet sich nicht mehr nur im privaten,
sondern auch im Businessbereich ab.
Immer mehr Privatleute und Firmen
verlegen ihre Essen vom Restaurant in
die privaten Räumlichkeiten.“ Das bedeutet
aber keineswegs, dass gespart
wird.

„Sterneköche und Mietpersonal
werden engagiert, und es werden bessere
Weine getrunken als im Restaurant, wo
einfachere Weine trotzdem noch deutlich
teurer wären. Von den Kosten her
steht man sich in den eigenen vier Wänden
also immer noch günstiger, als wenn
man in einen Gourmettempel ginge.“

Deshalb, so der Weinexperte, „findet de
facto eine Aufwertung im Vergleich zu
vorher statt, doch optisch wird der Luxus
verdeckt“. Diese privaten Events hätten
überdies den Effekt, dass die Beteiligten
etwas mehr von ihrer Persönlichkeit
preisgeben, „und das erzeugt dauerhafte
Erinnerungen“.

Teil 4: Lokalpatriotismus beginnt in der Küche

Was wird der Traiteur, also der von Dr.
Schmolzer angemietete Koch, der Runde
wohl servieren, damit der Abend nachhaltig
in Erinnerung bleibt? Hummer?
Bretonischen Steinbutt? Russischen Osietra-
oder gar Beluga-Kaviar, das Kilo für
2000 Euro oder mehr? „Kluge Köche“, so
Thomas Martin, Küchenchef im renommierten
Hamburger Hotel Louis C. Jacob,
„haben längst auf regionale Produkte
umgeschaltet und servieren trotzdem etwas
Exquisites.“ Manchmal würden ihn
seinen Gäste sogar fragen, ob er statt
des Hummers „mal etwas anderes“ auftischen
könne.

Da trifft es sich gut, dass unser Einlader
offenbar einen ziemlich cleveren
Koch engagiert hat: Der bringt statt der
bisher üblichen Krustentiere einen fangfrischen,
aromatischen Saibling aus der
Region mit. Und dort, wo sonst die teuren
Perlen des wild lebenden Störs auf
dem Teller liegen würden, häufelt er den
sehr feinen Zuchtkaviar von Prunier aus
der Nähe von Bordeaux an. So vermeidet
er nicht nur typische Millionärsklischees,
sondern tut auch gleich noch etwas für
die armen Störe, um deren Bestände es
alles andere als gut bestellt ist.

„Wir haben allen Grund auf unseren Spargel stolz zu sein“

„Ohnehin“, so Martin, „besinnen sich
immer mehr Köche auf die deutsche Regionalküche.“ Ein bisschen Patriotismus
in der Feinschmeckerei kann ja nicht
schaden, zumal die deutsche Küche momentan
sowieso dabei ist, der ewigen
Nummer eins in der Gunst der essenden
Allgemeinheit, der Cucina italiana, in
manchen Bereichen den Rang abzulaufen.
„Wir haben allen Grund, auf unseren
weißen deutschen Spargel stolz zu sein.
Er ist einfach erstklassig. Warum den
grünen französischen nehmen, nur weil
er sich vordergründig auf der Speisekarte
vielleicht besser macht?“, sagt Martin.

Dasselbe gilt für die Wahl der Kartoffel:
„Alle schwärmen von der festkochenden
französischen La Ratte. Das heimische
Bamberger Hörnle hat vielleicht nicht so
viel Glamour, kann in puncto Qualität
aber bestens mithalten“ Thomas Martin,
der 2002 den Titel „Koch des Jahres“ erhielt
und derzeit mit 18 Gault-Millau-
Punkten bewertet wird, nennt weitere
Beispiele für heimische Produkte, die nach
seiner Erfahrung mehr Wertschätzung verdient
hätten: die Sylter Auster im Vergleich
zur hoch gehandelten französischen
Felsenauster, deutsche Flusskrebse
statt iranischer Tiere oder norddeutsches
Deichlamm anstelle des Pauillac-Lamms.

Aber der Küchenchef
weiß
auch, „dass
manche Luxusprodukte
einfach
unverzichtbar
sind“:
weiße Albatrüffeln, Fleisch und Schinken
vom spanischen Ibérico-Schwein oder
Sardinen und Bouchot-Muscheln aus der
Bretagne.

Weniger Alkohol, mehr Feinheit

Zur Vorspeise aus dem Meer erwarten
Dr. Schmolzers Besucher selbstverständlich
einen schicken Weißwein. Früher
delektierte man sich bei solchen Gelegenheiten
an mitunter recht wuchtigen,
fruchtbetonten Weinen aus Übersee.
Australien, Südafrika und Amerika bestimmten
lange Zeit den Weingeschmack.
„Doch“, so Nikolas von Haugwitz, „viele
Weinliebhaber wollen nicht mehr so viel
Alkohol und möchten gern auch mal
wieder mehr schmecken, sie legen Wert
auf mehr Feinheit.“

Da der Gastgeber
die Zeichen der Zeit erkannt hat, lässt er seine Servicekraft einen deutschen
Luxustropfen erster Güte einschenken,
dessen Etikett aber nicht danach aussieht:
Einen Riesling von Knipser, es
könnte auch einer von Künstler sein. Bei
Aldi gibt es die nicht, schließlich kostet
eine Flasche zwischen 50 und 120 Euro.
Und siehe da, an einigen zustimmenden
Mienen bei Tisch erkennt man wieder die
Kenner.

Teil 5: Rind von nebenan statt Fleisch aus Fernost

Zum Hauptgang gibt es rotes Fleisch. Angeber
würden jetzt Kobe- beziehungsweise
Wagyu-Rind auffahren lassen.
Zum einen, weil es richtig Geld kostet –
bereits in Japan bezahlt man für ein Kilo
bis zu 600 Euro. Zum anderen, weil sich
rund um das Schlachtvieh aufmerksamkeitsheischende
Geschichten erzählen
lassen. Dass es nur ganz wenige Exemplare
gibt zum Beispiel. Oder dass diese
Rinder eine Mischung aus Bier und Sake
schlürfen dürfen, regelmäßig massiert
und mit klassischer Musik verwöhnt werden.

Aber ein Mann vom Format eines
Dr. Schmolzer ahnt, dass er damit derzeit
nicht punkten kann. Bio-Rindfleisch aus
der Region, sorgfältig abgehangen und
von Tieren, die mit viel Bewegungsfreiheit
auf der Weide gelebt und sich an
gutem Futter gelabt haben, verwöhnt
den Gaumen ebenfalls aufs Beste. In den
Verdacht, billig davongekommen zu sein,
gerät man damit auch nicht.

Dazu gehört natürlich ein Rotwein. Im
Rahmen seiner neuen Zurückhaltung
schweigt Dr. Schmolzer, doch am liebsten
würde er ihn mit einer Rede ankündigen.
Wenn der Rote an der Reihe ist,
geht eben manchem Gastgeber die Zunge
über vor Stolz. Der Firmenchef hätte
allen Grund dazu. Nicht obwohl, sondern
weil er sich nicht hat verführen lassen,
eine der üblichen Ikonen entkorken zu
lassen, etwa einen Château Lafite Rothschild
oder einen Château Mouton Rothschild.
Für eine Flasche davon verlangt
der Weinhändler rund 400 Euro – wobei
er je nach Jahrgang mit diesem Betrag
noch keineswegs zufrieden ist.

Stattdessen
korrumpiert Dr. Schmolzer die Runde
mit einem Château La Fleur Saint-
Emilion Grand Cru oder einem Château
Lynch-Bages Grand Cru Classé Pauillac.
Understatement, das gar keines ist, hat
seinen besonderen Charme.

Großspurige Stumpen qualmten gestern

Und zum Abschluss? Keine Cohibas,
keine Partagas, keine Montecristos.
Großspurige Stumpen wie diese qualmten
gestern. Heute brennen Dr. Schmolzer
und seine Mannen eine Fonseca oder
eine El Rey del Mundo ab. Auch kein Cognac
Martell Cordon Bleu und kein Hennessy
Louis XIII für über 1000 Euro – der
wäre schon allein wegen seiner massiven
Luxuskaraffe zu protzig. „Lasst uns das
Glas erheben auf bessere Zeiten“, sagt
der Gastgeber, und ein Winzer-Cognac
aus der Charente, einer der sogenannten
Récoltants, bezaubert die Gaumen. Dass
auch Firmen wie Hennessy, Martell und
andere oft auf Récoltants zurückgreifen,
um ihren Produktionsbedarf decken zu
können, weiß in diesem Moment nur
Dr. Schmolzer, der alte Fuchs.

Und noch etwas
weiß er:
Demnächst,
wenn die neue
Bescheidenheit
wieder Schnee
von gestern ist,
wird er sich der erlauchten Genießergemeinde
Epicurean Masters of the World
anschließen. Die veranstaltet einmal im
Jahr ein topexklusives Dinner, natürlich
mit Kobe, Hummer, Trüffeln und Konsorten.
2008 kostete das Vergnügen im
Bangkoker Luxushotel Lebua pro Person
19.000 Euro. Geld genug ist ja da, man
muss den richtigen Zeitpunkt zum Ausgeben
finden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...