Diverses „Man hält jede Entscheidung für richtig, bis sie einen umbringt“

Wir erleben derzeit, wie der Mythos des einsamen Entscheiders fällt. Der Typus des allwissenden und alles kontrollierenden Patriarchen stirbt aus – die Wirtschaftskrise beschleunigt diesen Prozess. Autokratische Führung kann nicht mehr funktionieren.

Die Welt ist zu kompliziert geworden.
Immer mehr Informationen
prasseln auf den Einzelnen
ein, immer schneller muss er reagieren.
Es ist dem menschlichen
Gehirn, auch einem intelligenten,
inzwischen nahezu unmöglich,
die Informationsflut zu verarbeiten.
Für den Handelnden wird es
immer schwieriger, alle Zusammenhänge
nachzuvollziehen und
mögliche Risiken sicher zu bewerten.
Winzige Ursachen können sich wie Lawinen
zu riesigen Problemen entwickeln.

Rationalität stößt in dieser Welt an ihre
Grenzen. Deshalb neigen die Menschen
dazu, sich emotionaler und intuitiver zu
verhalten als früher. Das Unterbewusstsein
regiert. Man verlässt sich auf lebenslang
gelernte, im limbischen System des
Gehirns verankerte Bewertungskriterien.
Intuition ist gewissermaßen die Summe
der Lernerfahrungen am Rande der
Überforderung – und ein legitimer Weg im Umgang mit zu viel Komplexität.

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Das Problem: Intuitive Entscheidungen
werden weitgehend unbewusst getroffen.
Sie entziehen sich einer Reflexion.
In der eigenen Wahrnehmung ist eine intuitive
Entscheidung immer richtig und
zwar völlig unabhängig davon, ob die
Erfahrungswelt, in der die Intuition
entstanden ist, noch mit der Wirklichkeit
übereinstimmt oder nicht. Man
hält jede Entscheidung für richtig, bis
sie einen umbringt.

Vor allem Unternehmer, die über lange
Zeit erfolgreich waren, laufen Gefahr,
auf die nicht hinterfragbare Überzeugungskraft
der eigenen Intuition hereinzufallen.
In Zeiten des Wandels ist es für
Führungskräfte deshalb enorm
wichtig, skeptisch sich selbst
gegenüber zu sein. Die besten
Entscheider sind diejenigen, die
mit vielen Menschen reden. Sie
nutzen Kommunikationsprozesse
und filtern Informationen. Dafür
muss man Räume schaffen.

Wenn
Chefs zu ihren Angestellten sagen:
„Reden Sie ganz offen mit
mir“, vergessen sie dabei oft, dass
die Hierarchie eine Diskussion
auf Augenhöhe verhindert.
Jeder Unternehmer sollte
sich Gesprächspartner suchen,
die nicht auf seiner
Payroll stehen. Auch wenn
es manchmal wehtut: Führungskräfte
brauchen
Diskussionspartner,
die
sich nicht scheuen,
alles infrage
zu stellen. Sonst
kann eine intuitive
Entscheidung die
letzte sein.

Peter Kruse ist Honorarprofessor für Organisationspsychologie an der Uni Bremen. Mit seiner Firma Nextpractice berät er Unternehmer.

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