Diverses „Mehr als Herantasten geht nicht“

Nach Schweden und München ging es für den Gewinner des BMW-Sicherheitstrainings, Andreas Wierse, auf die wohl schwierigste Strecke der Welt: die Nürburgring Nordschleife. Vor allem ihre Länge und die Vielseitigkeit macht es einem Hobby-Fahrer kaum möglich, die Rennstrecke zu verinnerlichen, so Wierses Fazit. Der Erfahrungsbericht mit Bildern.

Nürburgring Nordschleife mit einem BMW M3 – mit dieser Information von Ralf Huber, BMW-Sprecher für Fahrertrainings, fieberte ich dem 23. April entgegen. Zwar durfte ich schon mehrere Trainings mit dem Motorrad auf der Nordschleife genießen, aber noch nie hatte ich dort eine Runde mit dem Auto gedreht. Die Aussicht, dass dieses Auto dann ausgerechnet ein BMW M3 mit 400 PS sein würde, war natürlich sehr verlockend. Und, um es gleich vorweg zu nehmen: ich wurde nicht enttäuscht!

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Zunächst ein paar Worte zur Nordschleife: grüne Hölle, schwierigste Rennstrecke der Welt, 24-Stunden-Rennen, Niki Lauda, Teststrecke für sportliche Fahrzeuge, 72 Kurven, mehr als 20 Kilometer – und das sind nur einige Stichworte. Schon vor dem Fahrertraining haben wir Teilnehmer ein kleines Heft zugeschickt bekommen, in dem der gesamte Streckenverlauf aufgezeichnet ist – mit Ideallinie, empfohlenen Schalt- und Bremspunkten oder den Besonderheiten der Strecke wie etwa Bodenwellen oder Stellen, an denen man lieber das Gas wegnehmen sollte. Damit war klar, dass wir es mit einer wirklich schwierigen Strecke zu tun haben, die noch dazu extrem vielfältig ist (außer einer Spitzkehre gibt es praktisch alle Arten von Kurven) und gerade durch ihre Länge weder nach ein paar Runden, noch innerhalb weniger Tage wirklich verinnerlicht werden kann. An den zwei Tage Fahrertraining konnten wir uns also nur hoch konzentriert und ganz langsam an diese Rennstrecke herantasten.

Fahrtraining im Video

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Stück für Stück ausprobieren: Das Sektionstraining

Dementsprechend war auch der Zeitplan gestaltet: nach ein paar gemütlichen Einführungsrunden wurde die Nordschleife in acht Teile, sogenannte Sektionen aufgeteilt, auf die wir uns verteilten; so konnte jede Gruppe eine Sektion für rund eine Stunde intensiv studieren – natürlich mit Hilfe des Instruktors, der uns mit den Eigenheiten dieser Sektionen vertraut machte.

Das Besondere am Sektionstraining ist unter anderem die Möglichkeit, auch mal aus dem Auto auszusteigen und sich die Strecke zu Fuß anzuschauen. Denn dabei zeigte sich – etwa bei der Sektion von Metzgesfeld bis Wehrseifen – wie steil die Strecke zum Teil ist. Und man bekam eine Ahnung davon, was die Bremsen dort leisten müssen und wieso selbst versierte Fahrer in hochmotorisierten Sportwagen auf diesem Stück ernsthafte Probleme bekommen können.

Durchaus willkommen war da die Erholung, die die Fahrt auf dem Beifahrersitz mit sich bringt. Denn nach 20 Minuten konzentriertem Fahren lässt die Aufmerksamkeit oft spürbar nach (alle Achtung für die Profis, die oft zwei Stunden im Renntempo bei Nacht und/oder schlechtem Wetter unterwegs sind!). Und als Beifahrer hatten wir auch die Möglichkeit, in Ruhe auf ein paar von den Dingen zu achten, für die uns als Fahrer schon mal durchgehen (wie zum Beispiel die genaue Lage von Einlenkpunkten oder wann man am besten schaltet).

Am Nachmittag standen dann die ersten etwas schnelleren Runden auf dem Programm, die wir auch am Stück fahren durften. BMW-Instruktor Kony fuhr vorweg und gab das Tempo vor, das fordernd, aber nicht überfordernd war. Nach jeder Runde wurde die Reihenfolge der Autos gewechselt, so dass jeder mal eine Runde direkt hinter dem Instruktor fahren konnte und den optimalen Blick auf die richtige Linie bekam. Und Kony wiederum konnte uns im Rückspiegel beobachten und über Funk direkt korrigieren. Auch bei dieser Übung fand natürlich immer mal wieder ein Fahrerwechsel statt.

Bei diesen Runden kamen mir die Erfahrungen meiner Motorradtrainings auf der Nordschleife dann doch zugute: Denn die Streckenkenntnis ist das A und O für halbwegs schnelles und sicheres Fahren auf dem Nürburging. Insbesondere im Kurvengeschlängel der zweiten Hälfte (Wippermann, Brünnchen, Pflanzgarten) verliert man als Ringneuling schon mal den Überblick, was sich schnell durch eine verkorkste Linie bemerkbar macht. Hier zeigte sich außerdem, wie hilfreich das Sektionstraining ist: Durch das ständige Wiederholen desselben Streckenabschnittes bleibt doch erheblich mehr hängen, als beim Fahren kompletter Runden, in deren Verlauf man einfach vergisst, worauf man an einer bestimmten Stelle achten wollte. Dementsprechend haben auch unsere Neulinge recht schnell Fortschritte gemacht, so dass sich unsere schnellen Runden am zweiten Nachmittag schon sehen lassen können.

Grenzen ausloten: schnelle Runden

Die schnellen Runden waren natürlich das Salz in der Suppe, aber wir haben in diesen zwei Tagen weit mehr gelernt, als nur das (halbwegs) schnelle Fahren auf der Nordschleife. Das Training auf dem Nürburgring bot mir die Möglichkeit, die Grenzen des Autos auf Asphalt und meine persönlichen Grenzen auszuloten. Außerdem konnte ich das Kurvenverhalten in wirklich jeder Facette ausprobieren – ob in schnellen oder langsamen, engen oder weiten Kurven, mit und ohne Bodenwellen, nach innen oder nach außen hängend, bergauf oder bergab.

Wir hatten die Möglichkeit, die verschiedenen Fahrwerksabstimmungen und die beiden Stufen der Stabilitätskontrolle DSC (abgeschaltet haben wir es nie) auszuprobieren. Und das Mitfahren im Auto des Instruktors zeigte uns außerdem, dass die ruhige und runde Linie deutlich besser funktioniert als die manchmal von uns praktizierte „leistungsorientierte“ Version. Weniger ist hier fast immer mehr.

Und genau das ist auch die Lektion, die ich von diesem Nordschleifentraining mit nach Hause genommen habe: Rund und gleichmäßig ist stressfreier und meist auch schneller; und was im öffentlichen Straßenverkehr noch viel wichtiger ist – es ist auch sicherer, da einfach mehr Reserven vorhanden sind. Und wenn ich es schaffe, diese Reserven zuverlässig einzuschätzen und sie mir auf der Landstraße zu erhalten, bin ich deutlich sicherer unterwegs als zuvor.

Eine Bilderstrecke

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