Diverses Mehr Freiheit für Freiberufliche

Ein Leichenwagen fährt Reklame für Anwälte, die in Erbrechtsfragen beraten. Warum nicht? Die Liberalisierung des Berufsrechts macht es möglich, der Konkurrenzdruck sogar nötig. Doch auch hier gibt es Grenzen.

Ende 2005 kamen den Steuerberatern in der Region Hannover auffällig viele Mandanten abhanden. In kurzer Zeit wechselten gut 50 Tankstellenbesitzer die Kanzlei. „Das roch nach gezielter Abwerbung“, sagt Steuerberater Carsten Förster, dessen Mandantenkartei auch dünner geworden war. Um seine Klienten zurückzuholen, ging er in die Offensive. In Werbebriefen versprach er: „Wir helfen Ihnen, Ihren Gewinn zu steigern.“ Die Angesprochenen sollten ihre aktuellen Berater unter fünf Gesichtspunkten testen und sich dann in einem unverbindlichen Gespräch über Verbesserungsmöglichkeiten informieren.

Bei Carsten Förster, versteht sich. Anschließende Weinprobe inklusive. Eine Woche später fasste Förster nach: „Sie haben bisher nicht auf unser Angebot reagiert. Verschenken Sie kein Geld! Wir zeigen Ihnen, wie Sie die zu viel gezahlten Steuerberaterhonorare sowie Steuern und Abgaben zumindest für die Zukunft einsparen.“ Das Ergebnis: drei neue Mandanten, ein Rüffel von der Kammer und die Klage eines Kollegen. Das Oberlandesgericht Celle stoppte Försters Aktion: Die Briefe seien reklamehaft, setzten auf Emotionen, hätten nur Anlockfunktion. Kurz: Sie seien unsachlich. So dürfe ein Freiberufler nicht werben.

Anzeige

Darf er doch, entschied der Bundesgerichtshof (BGH). Das Sachlichkeitsgebot für Freiberufler verlange keine Beschränkung auf nüchterne Fakten. Es sei legitimer Werbezweck, Kunden zulasten der Konkurrenz zu gewinnen. Und Anlockwirkung sei schließlich jeder Werbung immanent. Auch die „eindringliche und – im Rahmen des Zulässigen – aufdringliche Erinnerungswerbung“ sei korrekt. Mit Ausnahme des Satzes über die zu viel gezahlten Honorare und Steuern. Das könne Förster gar nicht wissen, er mache die aktuellen Berater pauschal schlecht (Az.: I ZR 77/07). „Jetzt ist klar: Ich darf jeden über unser spezielles Angebot informieren“, sagt Carsten Förster, „mehr will ich nicht.“ Und der vom Gericht verbotene Satz, der sei nur „ein Ausrutscher“.

Es geht viel, aber nicht alles

Der BGH hat sich mit der Formulierung seines Urteils viel Zeit gelassen, fast sechs Monate. Dann aber ist er so deutlich geworden wie nie zuvor: Freiberufler dürfen werben. Punkt. Das betrifft Steuerberater, Ärzte und Zahnärzte, Architekten, Apotheker, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer. Das Urteil ist ein Meilenstein in der Liberalisierung des Berufsrechts. Es macht aber auch deutlich: Alles geht nicht.

Wer die neuen Freiheiten nutzen will, sollte die allgemeinen Regeln des Wettbewerbsrechts und noch einige Spezialvorschriften für die freien Berufe kennen, sonst droht Ärger. Mit Kammern, Konkurrenten und Wettbewerbshütern. Es ist noch nicht lange her, da wäre eine Aktion wie die von Carsten Förster unter Freiberuflern absolut undenkbar gewesen.

Reklame? Auch für Mediziner ein Tabu: „Das verboten bis vor etwa zehn Jahren alle ärztlichen Berufsordnungen“, sagt Berit Jaeger, Anwältin in der Sindelfinger Medizinrechtskanzlei Ratajczak & Partner. In anderen Professionen sah es ähnlich aus. Lieblingssport mancher Mitbewerber war es, das standesgemäße Format der Türschilder von Kollegen mit dem Zollstock zu prüfen. Übergrößen wurden den Kammern gemeldet, die sie mit Eifer aufs rechte Maß zurückstutzten. Dann lockerte das Bundesverfassungsgericht die Regeln Schritt für Schritt. Sein Credo: Das Grundrecht der Berufsfreiheit gilt auch für die Werbung der Freiberufler.

Deshalb „bedarf nicht die Gestattung der Steuerberaterwerbung der Rechtfertigung, sondern ihre Einschränkung“, pflichtet der BGH den Verfassungsrichtern bei. Trotz aller Liberalisierung ist es nach wie vor gerechtfertigt, Freiberufler zu sachlicher und berufsbezogener Information anzuhalten, und so tun das nach wie vor alle Berufsordnungen – mit Ausnahme der für Wirtschaftsprüfer.

Der Zwang zur Sachlichkeit

Der Zwang zur Sachlichkeit folgt dem etwas in die Jahre gekommenen Ideal, dass ein Freiberufler nicht nur rein gewinnorientiert arbeitet, sondern seine Leistungen in erster Linie an den Interessen der Klienten ausrichtet. Außerdem muss das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) beachtet werden, das irreführende Werbung und unzumutbare Belästigung verbietet. Doch was bedeutet das in der Praxis? Wahrt ein Rechtsanwalt noch die geforderte standesgemäße Sachlichkeit, wenn er einen alten Leichenwagen mit der Aufschrift „Erbfall, was tun?“ überall in der Stadt, auch vor Friedhöfen, parkt, um mit seinem Namen, der Telefonnummer und Info-Flyern auf seine erbrechtliche Expertise hinzuweisen?

Der Berliner Anwalt Thomas Geilke fand das juristisch in Ordnung, kein Wunder, es war ja auch seine Idee. „Tod und Erben sind Tabuthemen – alles, was damit zusammenhängt, wird sofort weggeschoben“, sagt er. Da müsse Werbung ein deutliches Zeichen setzen. So deutlich, dass sich Geilke mit dem ausrangierten Leichenwagen eine Beschwerde bei der Kammer einfing. „Ich persönlich fand das geschmacklos“, sagt Jens von Wedel, der im Vorstand der Berliner Anwaltskammer sitzt. „Aber unsachlich? Es gibt einfach einen Zusammenhang von Todesfall und Beratungsbedarf.“

Auch die Form sei noch akzeptabel, schließlich stehe das Fahrzeug nur herum. „Anders wäre das wohl, wenn Flyer direkt an Trauergäste verteilt würden.“ Und so treibt die neue Sachlichkeit wundersame Blüten. TV-Spots für eine kardiologische Praxis? Warum nicht?, fand das Berufsgericht für Heilberufe Gießen (Az.: 21 BG 1275/07). Zahnarztwerbung am Einkaufswagen? Geht in Ordnung, so das Verwaltungsgericht Minden (Az.: 7 K 39/08). Versteigerung von Anwaltsberatung bei Ebay? Hat das Bundesverfassungsgericht abgesegnet (Az.: 1 BvR 1886/06). Allerdings nur, weil Anwälte ihre Beratungshonorare frei vereinbaren und damit auch versteigern können.

Aktuelle Werbe-Urteile
1. Partnerprogramme
Affiliate-Programme funktionieren so: Der Partner setzt auf seine Website einen Link zum Unternehmen. Bringt das einen Kunden, bekommt er eine Provision. Der Haken: Das Unternehmen haftet, wenn sein Werbepartner fremde Marken verletzt, um bei Google seine Seite nach vorn zu bringen. Der Einwand des Unternehmens, es könne nicht alle 6000 Partner kontrollieren, hilft dann auch nicht (BGH, Az.: I ZR 109/06).
2. Adwords
Firmen dürfen bei Google Adwords geschützte Marken oder Unternehmensbezeichnungen als Schlüsselwörter buchen, selbst wenn sie Konkurrenzprodukte anbieten. Wird das Wort gesucht, erscheint ihre Anzeige neben oder über der Google-Trefferliste. Sie müssen aber dafür sorgen, dass die Anzeigen nicht den Eindruck erwecken, sie hätten etwas mit den geschützten Marken zu tun, so der BGH (Az.: I ZR 139/07 und 30/07) und der Europäische Gerichtshof (Az.: C-236/08).
3. Sachlichkeit
„Nur heute Haushaltsgroßgeräte ohne 19 Prozent Mehrwertsteuer“ – so darf eine Firma auch dann werben, wenn die Anzeige am selben Tag erscheint. Die Vorinstanzen kritisierten, der Zeitdruck würde Berufstätigen einen Preisvergleich unmöglich machen. Der BGH aber sagt, damit könnten mündige Verbraucher fertig werden (Az.: I ZR 75/08).
4. Verzeichnisse
Freiberufler dürfen in Telefonbüchern nicht in der falschen Rubrik auftauchen. Ein Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie täuscht über seine Qualifikation, wenn er nur mit Namen und Adresse unter „Plastische und Ästhetische Chirurgie“ wirbt. Der Verbraucher erwarte hier den einschlägigen Facharzt, sagt das OLG Hamm (Az.: I-4 U 59/08).
5. E-Mail-Werbung
Wegen des hohen Lästigkeitswerts von E-Mails könne schon die erste unerwünschte Werbemail eine Abmahnung durch den Empfänger rechtfertigen, so der BGH (Az.: I ZR 218/07). Es ging um einen Newsletter, der einer Anwaltskanzlei unaufgefordert zugesandt wurde.

Beim Honorar hört der Spaß auf

Ansonsten ist beim Geld Schluss mit lustig: Das Oberlandesgericht Celle erklärte die Teilnahme eines Architekten an einer Versteigerung auf der Onlineplattform My-Hammer für rechtswidrig. Nicht etwa, weil sich dergleichen für Architekten nicht gehöre, sondern weil sein Gebot unter den Mindestsätzen der Honorarordnung lag (Az.: 13 U 86/09). Verstöße gegen die Gebührengesetze gehören zu den häufigsten Werbefehlern.

Bei Aussagen über Qualifikation und Spezialisierung ist dagegen fast alles möglich – nur richtig gemacht muss es sein. Ob Westdeutsches Prostatazentrum, Spezialist für Zahnarztrecht oder Praxis für Magnetfeldtherapie: Freiberufler machen sich oft auf sehr kreative Weise zu Spezialisten für enge Fachgebiete, schließlich lässt sich das selbst zugeschriebene Expertentum mit minimalem Aufwand auf Türschild, Homepage oder in den Gelben Seiten verbreiten. Grundsätzlich sei das auch erlaubt, aber die Werbenden müssten „die Qualifikation und Erfahrung nachweisbar haben“, sagt Klaus Ottmann, Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer.

„Wer etwas ab und zu macht, darf das sagen, sich aber nicht als Spezialisten bezeichnen“, präzisiert Anwältin Jaeger. So strich das Oberlandesgericht Stuttgart einer Anwältin den selbst gewählten Titel „Spezialistin für Mietrecht“, weil sie zwar überdurchschnittliche, nicht aber weit überdurchschnittliche Kenntnisse habe. Mehrere Jahre Tätigkeit vor allem im Mietrecht genügten nicht. Den Richtern fehlte ein Nachweis der Beschäftigung mit allen wesentlichen Aspekten des Mietrechts und von vertieften theoretischen Kenntnissen (Az.: 2 U 91/07).

Hätte die Juristin einfach auf ihre Erfahrungen im Mietrecht hingewiesen und dazu Referenzen genannt, hätte das sicher weniger Probleme und vielleicht mehr Eindruck gemacht. Die Glaubwürdigkeit steigt, wenn die Kompetenz durch eine Art Zertifikat von dritter Seite bestätigt wird. Doch da sind die Kammern besonders intolerant. Sie betrachten das als ihr Monopol – selbst wenn sie, wie bei den Steuerberatern, nicht viel Zertifizierung zu bieten haben.

Da gibt es nämlich nur zwei Fachberatertitel in den eher abgelegenen Gebieten „Zölle und Verbrauchssteuern“ und „Internationales Steuerrecht“. Deshalb hat der Deutsche Steuerberaterverband (ein freiwilliger Zusammenschluss außerhalb der Kammern) mit acht eigenen Fachberatertiteln nachgeholfen. Die Kammern sahen das gar nicht gern. Man stritt sich bis vor den Bundesfinanzhof. Der entschied, dass die Steuerexperten den „Fachberater“ nur getrennt von ihrer Berufsbezeichnung führen dürfen, was für ihre Geschäftsbriefe bedeutet: am Fußende (Az.: VII R 24/09). Jetzt dürfen sich alle ein bisschen als Sieger fühlen.

Die Prüforganisation Dekra ist mit einem Prüfsiegel für Anwälte bislang am Kammerwiderstand gescheitert. Zuletzt sprach sich das Landgericht Köln gegen die Dekra-Schöpfung des Zertifizierten Anwalts aus. Die Kriterien für die Titelvergabe seien zu lasch und nicht von geeigneten Gremien festgelegt (Az.: 31 O 607/09).

Darf ich, darf ich nicht – die Grenzen der Werbung

Das geht nicht – diese Einschränkungen müssen Freiberufler beachten: Das geht – um auch mit geringem Etat viele potenzielle Kunden zu erreichen, sollten Freiberufler zielgenau werben:
Preiswerbung Honorargesetze geben Mindestsätze vor, die nicht unterschritten werden dürfen. Da, wo sie Spielräume lassen, richtet sich der Preis nach Kriterien wie der Schwierigkeit der Angelegenheit, was Festpreiswerbung problematisch macht. Profil Kostensparend und effektiv wirbt nur, wer sagen kann: Wofür stehe ich? Wen will ich erreichen? Ein klares Profil verlangt einen Fokus. Der kann nicht nur fachlich sein, infrage kommen etwa auch Service und Qualität, die aus dem Rahmen fallen.
Firmenname Er darf nicht in die Irre führen. So sollte eine „Homecare-Apotheke“ mit häuslicher Pflege zu tun haben, sie eignet sich nicht fürs Versandgeschäft (OLG Düsseldorf, Az.: I-20 U 99/07). Empfehlungsmanagement Die beste Werbung ist die Empfehlung durch Klienten. Die geben Kunden aber nicht für Leistungen, die bloß gut sind. Sondern erst, wenn ihre Erwartungen übertroffen werden, zum Beispiel durch unübliche Garantien.
Fremdwerbung Architekten dürfen nicht für Bauprodukte werben, Zahnärzte nicht für Zusatzversicherungen, so das Fremdwerbungsverbot. Wer etwa auf die Verwendung besonderer Materialien in seiner Praxis hinweisen will, sollte sich Rechtsrat einholen. Suchmedien Wer in den Gelben Seiten inseriert, sollte sicher sein, dass seine Klientel dort auch sucht. Eher uninteressant also für Spezialisten mit bundesweitem Einzugsgebiet. Google dagegen ist ein Muss, einschließlich Suchmaschinenoptimierung.
Werbeverbot Die Werbung von Steuerberatern und Anwälten darf nicht „auf Erteilung eines Auftrags im Einzelfall“ gerichtet sein. Das heißt in der Praxis: Ein Anwalt sollte bei einem Verkehrsunfall den Beteiligten nicht seine Visitenkarte in die Hand drücken. Homepage Ein eigener Internetauftritt ist Pflicht. Landet ein Interessierter auf der Seite, ob nun auf persönliche Empfehlung oder über einen Suchmedientreffer, entscheidet auch die Qualität der Homepage darüber, ob aus dem Besucher ein Kunde wird.
Aktionswerbung Sehr schwierig. So untersagte das Verwaltungsgericht Münster eine „Sommeraktion“ für Zahnersatz: zu viel Verkauf, zu wenig angemessene Information über die Behandlung (Az.: 5 K 777/08). Medienauswahl Am Anfang steht die Kosten-Nutzen-Analyse: Erreicht das Medium meine Zielgruppe? Passt es zum Angebot? Anzeigen etwa sind für Imagewerbung meist zu teuer, eignen sich aber für gezielte Aktionen. Immer gut, um sich einen Namen zu machen: Vorträge oder Fachaufsätze.

Gericht kippt das Kammerverbot

Dabei lässt sich ein Kammermonopol durchaus erschüttern, wie der Fall des Bergkamener Zahnarzts Frank Busch zeigt. Er erreichte, dass er das Logo „MacDent – geprüfte Qualitätsstandards“ führen darf. Das Logo gehört zum Franchisesystem MacDent (das 2007 in TruDent umbenannt wurde, um Verwechslungen mit Discountern wie McZahn zu vermeiden). Zahnarzt Busch setzte es auf sein Praxisschild, auf seine Terminzettel und die Homepage. Er wollte seine Praxis erkennbar profilieren, denn Spezialisierungsmöglichkeiten gibt es in seinem Beruf kaum.

Die Zahnärztekammer leistete erwartungsgemäß Widerstand: Das Logo sei schlagwortartig und irreführend, denn es sage nicht, ob es um die Qualität von Zahnarztarbeit, Material oder Praxisabläufen gehe. Es suggeriere bessere Qualität als in anderen Praxen, das sei nicht gerechtfertigt, da die MacDent-Qualitätskriterien selbst gestrickt seien. Bis das Bundesverwaltungsgericht alles wieder kippte: Das Praxisschild sei ein wichtiger Werbeträger, wegen des knappen Platzes seien Schlagworte mit Hinweis auf leicht zugängliche Informationen im Internet angemessen. Und es sei nicht irreführend, denn die MacDent-Standards gingen deutlich über das gesetzlich Geforderte hinaus (Az.: 3 C 4/09).

„Das Urteil hat die Tendenz zur Liberalisierung des Berufsrechts fortgesetzt“, so Buschs Anwältin Berit Jaeger. Und ein Ende ist nicht abzusehen. „Die Freiberufler-Sonderregelungen im Werberecht werden an Bedeutung verlieren“, prophezeit der Freiburger Anwalt Michael Kleine-Cosack vom Berufsrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins. Auch bei den Kammern gibt es mittlerweile ein moderates Umdenken. „Wir haben den Paradigmenwechsel in der Rechtsprechung anzuerkennen: Sachangemessene Akquise ist nicht berufswidrig“, sagt Till Arens, Jurist bei der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe. Langsam lässt auch der Eifer der Kammerjäger bei der Fahndung nach Werbefehlern nach.

Kein Verfall der Sitten

So greift die Bayerische Landesärztekammer gerade ein- bis zweimal pro Quartal wegen berufswidriger Werbung ein, und das bei 70.000 Mitgliedern. Auch wenn das Werberecht weiter gelockert werden sollte, wäre wohl kaum ein dramatischer Verfall der Sitten zu erwarten. Das zeigt der Praxistest bei den Wirtschaftsprüfern und den vereidigten Buchprüfern. Ihre Spezialwerberegeln wurden 2007 gestrichen, seitdem sind sie nur noch an die allgemeinen Regeln des Wettbewerbsrechts gebunden. Doch das hat – so Reiner Veidt, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüferkammer – „zu keiner spürbaren Änderung der Werbepraxis geführt“.

Geändert hat sich dagegen das Tempo auf dem Markt, bei allen Freiberuflern quer durch die Branchen. Die Kunden sind heute sehr viel schneller weg als früher. „Die bisherige Liberalisierung hat die Situation grundlegend geändert“, sagt der Münchner Anwalt Marc Laukemann von der Sozietät Schaal & Partner. Seine Kanzlei umwarb die Klientel der mittelständischen Unternehmen früher mit einem umfassenden Service nach dem Modell einer „ausgelagerten Rechtsabteilung“. Das war für die Anwälte dank einer Mischkalkulation profitabel: „Wir haben alles gemacht, den Kleinkram und die ertragreichen Mandate“, sagt Laukemann.

Viele der fetten Aufträgen seien aber mittlerweile an hoch spezialisierte Kollegen verloren gegangen, sagt Laukemann: „Durch die Liberalisierung des Werberechts können sie ihr klares, schnell erkennbares Profil sehr gezielt und effektiv zur Akquisition einsetzen.“

Kunden halten nicht mehr viel von Treue

Die Abwerbung wird erleichtert durch die bei allen Freiberuflern gesunkene Kundenbindung. Und das betrifft sogar die Steuerexperten. „Für die galt früher der Spruch, dass der Mandant eher den Ehepartner wechselt als den Steuerberater“, sagt Carsten Förster.

Die Kanzlei Schaal hat ihr Geschäftsmodell dem schnelleren Markt mittlerweile angepasst: Sie wehrt den Angriff der Spezialisten ab, indem sich alle Mitarbeiter selbst spezialisieren. „Was nicht in unser Raster passt, geben wir ab“, sagt Marc Laukemann. Tatsächlich funktionieren die traditionellen Startrezepte für Berufsanfänger – Türschild, Mitgliedschaft in Vereinen oder Parteien und dann auf Kundschaft warten – nicht mehr. Weil die Märkte in allen Branchen ziemlich dicht sind, müssen gerade Einsteiger kräftig auf die Werbetrommel hauen, wenn sie sich selbstständig machen.

„Natürlich ist die beste Werbung die Mandantenempfehlung – aber dazu braucht man erst mal Mandanten“, sagt Jens von Wedel von der Berliner Rechtsanwaltskammer. „Ganz ohne Werbung kann man sich heute kaum etablieren, jedenfalls nicht in einer Stadt wie Berlin.“ Aber Werbung ist nicht nur eine Notwendigkeit für Praxisgründer. Auch etablierte Freiberufler müssen für sich und ihre Dienste Reklame machen.

Zahnärztekammer-Jurist Till Arens: „Die Mehrzahl der Zahnärzte versteht sich als Generalist. Der Trend zur Spezialisierung und der damit einhergehende Bedarf an Information der Patienten nehmen allerdings erkennbar zu.“ Also steigt der Konkurrenzdruck. „Einzelne reagieren hierauf durch eigene Werbemaßnahmen.“ Andere gehen lieber den defensiven Weg und beschweren sich bei der Kammer über die unschickliche Werbung der Konkurrenz.

Marketing funktioniert nicht ohne Qualität

Egal welcher Branche ein Freiberufler angehört, er muss sich anpreisen, und das so zielgenau wie möglich. „Die Kernfrage ist ja: Als was will ich bei welcher Zielgruppe bekannt sein?“, sagt André Brömmel, Spezialist für Architekten bei der Werbeagentur Pro-Art in Essen. Das heiße auch: Nichts machen, was nicht zum Profil passt, denn Glaubwürdigkeit sei Voraussetzung für wirksame Werbung. Also: Aufträge auch mal ablehnen, wenn es nicht passt. Der nächste Schritt: „Das Angebot muss für die Kunden sichtbar gemacht werden“, rät Anke Tripp, Chefin der Spezialagentur für Medizinerwerbung Marketingcase in Münster.

Dazu gehören etwa die Analyse der Konkurrenz, die Auswahl und Schulung des Personals oder auch so Banales wie die Öffnungszeiten. „Marketing funktioniert nur, wenn die Leistung gut ist und wenn die Maßnahmen zur Person des Freiberuflers passen“, so Tripp. Klassische Tugenden wie Qualität und Glaubwürdigkeit sind also nach wie vor gefragt. Auch der Mönchengladbacher Zahnarzt Wolfgang Bröhr versucht, mit seiner Leistung zu werben. Aber „Qualitätsmanagement als Schlagwort interessiert die Patienten nicht“, weshalb er sich nicht nur auf sein TruDent-Logo verlassen mag.

Er macht seine Praxisabläufe für alle Patienten sichtbar. So will er beispielsweise Wartezeiten so gut es geht vermeiden. Er informiert über die sechsjährige Garantie für Zahnersatz, über seine Bereitschaft zu schneller Schlichtung bei Problemen. Und er lässt die Patienten unterschreiben, dass sie bereit sind, seine Arbeit durch einen anderen TruDent-Zahnarzt prüfen zu lassen. „Das imponiert.“ Damit hat der Zahnarzt ein nach allgemeinen Maßstäben einfach nur gut geführtes Geschäft.

Bei den Freiberuflern ist dieser Ansatz hingegen vergleichsweise progressiv. Viele von ihnen haben den entscheidenden Satz noch nicht verinnerlicht, erklärt Werbespezialistin Tripp: „Es reicht nicht, gut zu sein, man muss darüber auch reden.“ 60 Prozent seiner Patienten gewinnt Bröhr allein durch Mundpropaganda. Zudem nutzt der Dentist die neue Werbefreiheit für Unaussprechliches. Gerade hat er die Marktlücke „Mundgeruch“ entdeckt. „Das betrifft 25 Prozent der Bevölkerung und kann in zwei Wochen geheilt werden“, sagt er. Zusätzlich zu einer Internet-Sprechstunde schaltet Bröhr deshalb von Zeit zu Zeit Anzeigen in der Lokalzeitung, fünf mal sechs Zentimeter groß und damit erschwinglich.

Der Text: „Wenn Ihr Partner Mundgeruch hat, schicken Sie ihn zu uns.“ Denn die wenigsten Betroffenen bemerken ihren Mundgeruch selbst. Und wenn sie ihn wahrgenommen haben, sprechen sie darüber nicht gern. Weshalb sich Bröhr bei der Patientenwerbung nicht auf Empfehlungen stützen kann. „Da sind die Anzeigen ein taktvoller Hinweis“, sagt er, „und sie wirken.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...