Diverses Messen wollen mit Rahmenprogramm punkten

Viele Messeveranstalter organisieren parallel zu ihren Branchenschauen Festivals oder Präsentationen in der Stadt. Für Unternehmer eine lukrative Kombination.

Als die Macher der Möbelmesse
IMM Cologne nach der Veranstaltung
im Frühjahr für sich Bilanz
zogen, stand an einer Stelle schon wieder
ein Minus: Die Zahl der Besucher war
abermals deutlich gesunken. Seit 2005
hat die Einrichtungsschau in der Domstadt
fast 25.000 Gäste verloren. Ein
Schwund von bald 20 Prozent.

Besonders bitter: Ein veritabler Teil
der Abtrünnigen kommt weiterhin nach
Köln, wenn die IMM steigt. Nur eben
nicht aufs Messegelände, sondern in die
privaten Showrooms der Möbelfirmen
entlang dem Innenstadtring. Und auf das
Festival Passagen, wo Hersteller, Künstler
und Designer moderne Wohnkonzepte
vorstellen: Die Reihe verzeichnete in
diesem Jahr stolze 150.000 Besucher. Etliche
Möbelproduzenten wie der italienische
Küchenlieferant Boffi gehen lieber
gleich in die Stadt und buchen keinen
Messestand mehr.

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Die Koelnmesse hat auf den Trend reagiert:
Seit diesem Jahr arbeitet die IMM
offiziell mit den Festivalorganisatoren
zusammen. Sie hat sich erstmals mit einem
eigenen Event an dem Fest beteiligt.
„Wir haben erkannt, dass wir eine große
Chance auslassen“, gibt Udo Traeger zu,
der bei der Koelnmesse für die IMM
zuständig
ist. „Ein Messebesuch ist auch
immer
der Besuch einer Stadt. Ein attraktiver
Rahmen ist für uns wichtig.“

Mit der neuen Kooperation steht Köln
nicht allein da: Immer mehr Messen ergänzen
ihre Veranstaltungen um Kunstevents,
Festivals oder andere Spektakel
abseits des Geländes. Hauptgrund: Aussteller
laden parallel zur Messe ohnehin
zu Produktpräsentationen oder Abendgalas
in die City ein. Auf das reine Messegelände
wollen sich immer weniger
Unternehmer beschränken.

Metropolen als Gastgeber

Seit Mitte des Jahrzehnts, als die Besucherzahlen
der Messen erstmals stagnierten,
beobachtet Norbert Stoeck diese
Entwicklung: „An der Anzahl interessanter
Nebenveranstaltungen erkennen
Aussteller, ob sich eine
Messe um ihre Kundschaft bemüht“,
sagt der Branchenexperte
von Roland Berger.

Vorteil für Unternehmer: Jede
Messe wird noch attraktiver,
wenn sich die Stadt gastlich
zeigt – und im Zeichen der
Veranstaltung steht. „Auf der
IMM präsentieren wir die
Neuheiten, im innerstädtischen
Showroom zeigen wir
unsere Marke“, erklärt Leo
Lübke, Geschäftsführer des
Möbelherstellers Interlübke,
wie er mit dem neuen
Trend umgeht. „Anfangs haben wir noch überlegt, unseren Messestand
vollständig aufzugeben“, sagt der
Unternehmer. Inzwischen sieht er IMM
und die Veranstaltung Passagen als Kombipackung:
„Auf der Messe machen wir
Geschäfte, das Off-Event ist die Kür.“

Andere Unternehmen verfahren ähnlich:
Der Elektronikkonzern Philips präsentiert
seine Leuchten nicht nur auf der
Fachmesse Light + Building, sondern
auch auf der Luminale, bei der parallel
zur Branchenschau 220 Lichtinstallationen
die Frankfurter Bürotürme samt Börse
in leuchtende Kunstobjekte verwandeln.
„Die Light + Building ist eine reine
Fachmesse, das normale Publikum hat
keinen Zugang“, erklärt Messechef Michael
Peters. Zur Luminale allerdings
strömten allein 2008 rund 100 000 potenzielle
Endkunden – und bestaunten die
Leuchten von Philips & Co. Zudem locken
Zusatzevents wie die Lichtschau die
Presse an, betont Berater Stoeck: „Damit
nimmt die Gesellschaft das Thema ganz
anders wahr.“

Das Festival „Leipzig liest“ setzt parallel
zur ostdeutschen Buchmesse ebenfalls
auf das PR-Prinzip – und auch diese
Stadtveranstaltung ist aus der Not geboren.
„Wir konnten gegen die Frankfurter
Konkurrenz nicht ankommen“, sagt
Buchmesse-Direktor Oliver Zille.

„Daher
bieten wir unseren Ausstellern jetzt vor
allem Medienwirkung.“ Inzwischen gilt
die Lesereihe mit 1900 Veranstaltungen
in Bars, Kneipen und im Leipziger Aquarium
als größtes Literaturfestival Europas.
Während der drei Messetage präsentieren
Verleger neue Buchtitel auf
Lesungen
in der ganzen Stadt.0

Unliebsame Konkurrenz

Das Ganze hat allerdings auch eine
Schattenseite: „Off-Events sind gut, solange
sie die Messe unterstützen“, sagt
Peter Neven, Geschäftsführer des Branchenverbands
Ausstellungs- und Messe-
Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.
„Doch das Konzept kann kippen, sobald
die Besucher nicht mehr ausreichend
Zeit auf der Messe verbringen. Das ärgert
Veranstalter und Aussteller.“

Als Vorreiter in Sachen Off-Events gilt
die Messe Frankfurt. Hier stimmt Experten
zufolge auch die Balance zwischen
Parallelveranstaltungen und Fachschau.
Nicht nur beim Lichtspektakel. Parallel
zur Chemieausstellung Achema steigen
Werksführungen in nahe gelegenen Fabriken
von Merck, BASF und Boehringer.
Und bei der Innenausstatterschau Ambiente
organisiert die Messe Präsentationsflächen
für Aussteller in den Einkaufsstraßen
der Innenstadt.

Auffallend wenig passiert bisher beim
Messe-Platzhirsch Hannover. Dabei
könnten die Betreiber des größten Messegeländes
der Welt die City mit Events
aufwerten, sagt Berater Stoeck, wenn Besucher
zur Cebit oder Hannover Messe in
die Landeshauptstadt reisen. Hannover
allein, so beklagen Messegäste gern, sei
eben nicht allzu spannend.

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