Diverses Mit aktueller Technik Kosten reduzieren

Moderne Messgeräte ermitteln im 15-Minuten-Takt exakt den Stromverbrauch. Mit diesen Daten lässt sich der Bedarf preisbewusst steuern. Ein Chance für Unternehmer ihre Stromkosten zu senken.

Der Stromzähler lief. Ohne Unterlass. Kilowattstunde um Kilowattstunde. Nur: Das rasende Rädchen versetzte zunächst niemanden in Erstaunen, denn es blieb unbemerkt. Erst als Ralf Bolten die jährliche Abrechnung seines Energieversorgers bekam, erkannte er, dass etwas nicht stimmen konnte. In einer der 32 Bäckereien, die unter seinem Namen in Duisburg und Umgebung Brötchen und Kuchen verkaufen, wurde teilweise 50 Prozent mehr Strom verbraucht als in anderen Filialen vergleichbarer Größe. Wie konnte das sein?

Über Monate machte sich sein Hauselektriker immer wieder mit Strommessgerät und Spannungsprüfer auf die Suche nach dem Energiefresser. Kühltheke, Lampen, Backofen – jedes einzelne Gerät testete der Fachmann. Nur durch Zufall fiel ihm schließlich auf, was die Ursache war: Eine Zeitschaltuhr für die Außenwerbung war defekt. Die Leuchtreklame zog 24 Stunden am Tag Strom. Niemandem war aufgefallen, dass sie auch bei Tageslicht eingeschaltet blieb.

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Doch die Sache hatte auch ein Gutes. Während der Suche sprach Bolten immer wieder mit den Stadtwerken, um sich Abrechnungen und Verbrauchsdaten zu besorgen. Dabei bekam er einen Tipp, wie er künftig genau feststellen könnte, welches Gerät wann wie viel Strom verbraucht: „Irgendwann meinte ein Sachbearbeiter: Herr Bolten, wir machen da bald ein Pilotprojekt – vielleicht wäre das auch etwas für Sie.“

Jetzt läuft das Projekt. Und Großbäcker Bolten ist einer der ersten Unternehmer in Deutschland, der digitale Stromzähler der neuesten Generation erprobt – die sogenannten Smart Meter.

Anders als die amtlich verplombten schwarzen Drehstromkästen, die jeder aus seinem Keller kennt, speichern die neuen Geräte im 15-Minuten-Takt den Verbrauch und errechnen daraus den „Lastgang“, so nennen Fachleute die Verbrauchskurve. Den können die Kunden dann selbst ablesen – am Zähler, von einem Terminal, das die Daten per Funk aus dem Keller empfängt, oder mit einem speziellen Auswertungsprogramm am PC. Die Apparate versetzen Unternehmen in die Lage, ihren Verbrauch gezielt zu steuern – und so viel Geld zu sparen.

Stromsparen bei Flaute

Bislang erhielten solche Geräte ausschließlich Großbetriebe, die mehr als 100.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauchen. Das ist fast 30-mal so viel wie in einem durchschnittlichen Privathaushalt. Zwar war Boltens Hauptquartier, von dem aus die vorgebackenen Teigwaren ausgeliefert werden, längst mit einem modernen Messgerät ausgestattet, nicht aber seine Filialen. Die Bäckereien mit ein paar Lampen, einer Mikrowelle, einem Ofen zum Aufbacken, Kühltheken und maximal 14 Mitarbeitern galten zählertechnisch als Privatkunden.

Doch seit Beginn des Jahres ändert sich einiges auf dem Markt für Elektrizität: Eine EU-Verordnung schreibt vor, dass überall in Deutschland die klugen Zähler eingebaut werden müssen. Vorerst allerdings nur in Neubauten und nach Komplettrenovierungen.

Eine Zeitenwende. Punktgenau können Privatleute und Unternehmen ihren Verbrauch messen und steuern. Das spart bares Geld. Wie viel genau – das sollen jetzt Pilotprojekte zeigen. So tauscht etwa der Energiekonzern RWE seit Mitte 2008 die alten schwarzen Kästen in den Kellern von Mülheim an der Ruhr gegen 100.000 Smart Meter aus, die Telekom stellt gemeinsam mit dem Elektronikkonzern ABB in Friedrichshafen zwei Stadtteile auf die neue Technik um. Pilotprojekte mit Gewerbebetrieben sind jedoch die Ausnahme. Und so gehören die Stadtwerke Duisburg mit ihrem Pilotkunden Ralf Bolten zu den Ersten, die erproben, was die Smart Meter einem Kleinunternehmen bringen.

Die Zurückhaltung der meisten Versorger hat einen Grund: Sie planen für die Gewerbekundschaft bereits Größeres. Unternehmen sollen in Smart Grids – also intelligenten Netzen – zusammengeschaltet werden, die Angebot und Nachfrage steuern. Das Steuerungssystem eines solchen Grids kann beispielsweise feststellen, wenn Strom wegen kräftigen Windes gerade besonders billig ist, die Wettervorhersage für den folgenden Tag aber Flaute prognostiziert.

Automatisch würden dann die digitalen Schalter aller Kühlhäuser im Smart Grid die Temperaturen für 24 Stunden herunterfahren und tags darauf den Strom komplett abschalten – das würde ausreichen, um Lebensmittel weiterhin kühl zu halten. Weil derartige Steuersysteme mehr Technik erfordern als nur kluge Stromzähler, wird es bis dahin allerdings noch etwas dauern.

Doch schon der schlaue Zählkasten allein kann bereits zu deutlich niedrigeren Stromrechnungen führen. Bäcker Bolten ist jedenfalls begeistert. Die detaillierten Auswertungen über den Verbrauch seiner Filialen, die er regelmäßig erhält, sind für ihn geldwerte Informationen. „Ich kann Montage mit Dienstagen vergleichen und prüfen, ob der Verbrauch sonntags sinkt.“ Er plant bereits Konsequenzen: Nachts, wenn Strom günstig ist, will er die Öfen anheizen und die Kühlaggregate hochfahren lassen. „Mein Ziel ist es, mindestens 20 Prozent Stromkosten einzusparen“, sagt er. „Das wäre immerhin ein Prozent des Umsatzes.“

Damit seine Beschäftigten mitziehen, lässt er die Auswertungen in den Filialen aushängen – so können die Mitarbeiter sehen, welches Team am sparsamsten wirtschaftet. Allein die Kenntnis der Zahlen, glauben Experten, senkt den Verbrauch bereits um bis zu fünf Prozent. Und wenn kleine Unternehmen wie das von Bolten die Smart Meter clever einsetzen, können sie bis zu 30 Prozent ihrer Stromkosten einsparen, schätzen Fachleute.

Tarifvielfalt wie beim Handy

Unternehmen, die es dem Duisburger Bäcker nachtun wollen, sollten allerdings nicht darauf bauen, dass ihnen Versorger von sich aus bald intelligente Stromzähler einbauen. Experten bezweifeln, dass es überhaupt genügend Installateure gibt, um die gesetzliche Vorgabe zu erfüllen. Die lautet: Bis 2020 müssen alle 42 Millionen Stromzähler in Deutschland ausgetauscht sein. Auf jeden Fall sind aber alle Stromanbieter vom 30. Dezember 2010 an dazu verpflichtet, lastvariable und tageszeitabhängige Tarife anzubieten – Stromlieferverträge, wie es sie bislang nur in der Industrie gibt: mit niedrigen Preisen für einen festgelegten Anfangsverbrauch, Strafzuschlägen bei Überschreitungen und sinkenden Preisen für Zeiten, in denen die allgemeine Nachfrage zurückgeht.

„Es wird ähnlich viele Preisvarianten geben wie heute bei Handyverträgen“, sagt Wolfgang Prinz, Smart-Meter-Experte des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik in Sankt Augustin. Doch diese neue Vielfalt kann nur dann effektiv genutzt werden, wenn Firmen ihre Verbräuche mit einem Smart Meter laufend exakt analysieren.

Grid-System amortisiert sich schnell

Drei Möglichkeiten haben Unternehmer, sich schon jetzt auf das neue Stromzeitalter einzustellen, sagt Prinz: Sie können zu einem Anbieter wechseln, der bereits Smart Meter und variable Verträge anbietet. Wie der Versorger Yello Strom beispielsweise, der sich mit Google zusammengetan hat: Die Smart Meter senden Verbrauchsdaten per Internet an elektronische Sammelstellen, Kunden können ihren Lastgang dann über dasselbe Google-Konto abrufen, in dem auch ihre E-Mails und Adressen gespeichert sind. Die zweite Möglichkeit: Der Unternehmer fordert einen Smart Meter bei seinem jetzigen Versorger an. Zum Einbau ist dieser verpflichtet – allerdings muss der Verbraucher das neue Gerät bezahlen.

Dritte Möglichkeit: den Zähler selbst einbauen. Einfache Geräte gibt es im Elektromarkt ab 120 Euro, Smart Meter mit Anschlüssen für die Auswertung am Computer kosten um die 1000 Euro. Durch Ausschalten aller Geräte können Firmeninhaber den Ruhestrom ermitteln – und so analysieren, wie sich der Verbrauch über den Tag verteilt. „Steigt der Verbrauch zu bestimmten Zeiten sprunghaft an, sollte man überlegen, nicht alle Geräte gleichzeitig einzuschalten, sondern den Betrieb zu verteilen“, sagt Fraunhofer-Experte Prinz.

Noch effizienter ist ein internes Smart-Grid-System – dafür muss ein Gebäudetechnikanbieter die Zähler mit einem Steuerungssystem verbinden. „Bei so einer Investition kommt eine fünfstellige Summe zusammen“, sagt Ingolf Jakobi vom Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke. Aber das Unternehmen spare dadurch bis zu 40 Prozent der Kosten: „Das hat sich in drei bis fünf Jahren amortisiert.“ Und die nervige Suche nach Energiefressern hat sich auch erledigt.

So verhandeln sie optimal
Intransparenz Wer im Betrieb viel Strom verbraucht, findet nur schwer einen günstigen Anbieter. Ab 100.000 Kilowattstunden jährlich bieten Versorger keine Standardtarife mehr an, die man vergleichen könnte, sondern berechnen für jeden Betrieb einen eigenen Preis. Wie der zustande kommt, ist für den Kunden kaum nachvollziehbar. Denn es zählt nicht nur, zu welcher Tageszeit er wie viel Strom verbraucht, sondern auch, welche Kapazitäten der Anbieter zu dieser Zeit gerade absetzen muss. Außerdem werden feste Zuschläge wie die Durchleitungsgebühren des örtlichen Netzbetreibers oft in Mischkalkulationen versteckt.
Ausschreibung Mehrere Tausend Euro jährlich können Unternehmen sparen, wenn sie ihren Strombedarf jedes Jahr neu ausschreiben, verspricht das Dienstleistungsportal Energiemarktplatz.de. Dort geben Kunden ihre Basisdaten ein und laden ihren „Lastgang“ hoch. Diese Tabelle, in der viertelstundengenau der Stromverbrauch festgehalten ist, muss der bisherige Versorger zur Verfügung stellen. Bei Neugründern reichen auch Schätzwerte. Interessierte Stromanbieter erstellen dann ein Angebot, das von Energiemarktplatz.de einheitlich und nachvollziehbar aufbereitet wird. Auch der bisherige Versorger kann mitbieten.
Pokerspiel „Welcher Anbieter das beste Angebot vorlegt, ist unberechenbar“, sagt Sven Bauer, Aufsichtsratschef von Energiemarktplatz.de. Mal ist es der örtliche Großversorger, mal ein Ökostromanbieter, mal ein Stadtwerk, das seine Kundenbasis aufpäppeln möchte. Wer einen guten Preis erzielen will, sollte sich möglichst sofort für ein Angebot entscheiden: Anbieter kalkulieren auf der Basis der aktuellen Preise an den Energiebörsen – je mehr Bedenkzeit ein Kunde bei der Ausschreibung anmeldet, desto mehr Risikopuffer kalkulieren sie ein.
Gebühren Die Versorger geben kein Geld an Energiemarktplatz.de, der Kunde zahlt 200 Euro pro Ausschreibung, bei größeren Strommengen mehr. Die Gebühr wird erstattet, wenn die Ausschreibung zu keinem nennenswerten Preisvorteil führt. Das Verbraucherportal Verivox.de lässt sich von den Stromversorgern bezahlen, Gewerbetreibende können ihren Lastgang kostenlos zur Ausschreibung einreichen.
Alternativen Der Unternehmensverein VEA (www.vea.de) veranstaltet Stromauktionen für seine Mitglieder, die pro Jahr je nach Energiebedarf ab 285 Euro Beitrag zahlen. Der Dienstleister Ispex führt Auktionen und Ausschreibungen im Kundenauftrag durch und kassiert ein erfolgsabhängiges Honorar (www.ispex.de).
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 07/2010.

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