Diverses Mit diesem Autoboom hat niemand gerechnet

Kaum aus der Krise, kommen die deutschen Hersteller an ihre Kapazitätsgrenzen. Sonderschichten reichen nicht mehr. Jetzt werden sogar wieder viele Mitarbeiter gesucht, zeigt eine Studie. Dabei sang man jüngst in der Branche noch den Blues.

Nach einem Jahr des Personalabbaus sucht die deutsche Automobilbranche händeringend Fachkräfte. Laut einer Studie des Personaldienstleisters Adecco stieg die Zahl der öffentlich ausgeschriebenen Stellen im Kraftfahrzeugbau und -handel zwischen Januar und Mai im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Drittel auf 2210. Gesucht werden vor allen Dingen Ingenieure, aber auch Handwerker und Facharbeiter.

Die Zahlen sind ein weiterer Hinweis darauf, dass der plötzliche Anstieg der Nachfrage die Autobranche vor Kapazitätsprobleme stellt. Vor allem das Geschäft von Premiumherstellern wie Daimler, BMW und der VW-Tochter Audi profitiert vom niedrigen Euro-Kurs und einem überraschend starken Kaufinteresse aus den USA sowie aus China. In dem asiatischen Land bevorzugt die neue Oberschicht teure Autos aus Deutschland.

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Die Gesellschaft Adecco mit Hauptsitz in der Schweiz wertet regelmäßig Stellenanzeigen in 40 deutschen Printmedien aus und fasst sie in einem Index zusammen, der der FTD exklusiv vorliegt. Danach hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der von Autofirmen gesuchten Betriebswirte und Ingenieure hierzulande in den ersten fünf Monaten um 76 Prozent auf 427 erhöht.

Auch das Angebot für Karrosseriebauer, Mechaniker, Dreher und Schweißer legte erheblich zu. Der Index ist repräsentativ für Deutschland. Erfasst werden pro Jahr über alle Branchen Hunderttausende Jobangebote, 2008 waren es rund eine halbe Million Offerten, danach sank die Zahl der Inserate aufgrund der Wirtschaftskrise.

Ein Sprecher von BMW bestätigte, dass die Auftragslage besser sei als erwartet. Am Standort Dingolfing würden Zusatzschichten gefahren, dort gab es bis vor einiger Zeit noch Kurzarbeit. Im Leipziger BMW-Werk soll ab August jeden Samstag gearbeitet werden. Dort wird der kleine Geländewagen X 1 gebaut.

Probleme machen dem Münchner Hersteller auch die Zulieferer. Sie können die geforderten Komponenten nur mit Mühe liefern. „Wir leben von der Hand in den Mund“, so der Sprecher. BMW hat bereits wieder 5000 Leiharbeiter unter Vertrag.

Leiharbeit und Samstagsschichten

Ähnliche Verhältnisse herrschen bei Daimler. In den Fabriken sind rund 1800 Leiharbeiter tätig. Noch im Herbst hatte der Konzern nicht ausgeschlossen, dass auch in Teilen in der Personenwagen-Produktion das ganze Jahr hindurch kurz gearbeitet werden muss. Nun läuft vor allem die Fertigung der neuen S- und E-Klasse an der Kapazitätsobergrenze. Auch Audi legt für das neue Modell A8 eine zusätzliche Samstagsschicht ein.

Dass Autobauer die sprunghaft gestiegene Nachfrage so unerwartet getroffen hat, verwundert Beobachter aus der Branche. „Die Dauer des Abschwungs wurde falsch eingeschätzt“, sagt Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. So hätten sich bereits im vergangenen Jahr die ersten Zeichen eines Aufschwungs in der Autobranche verfestigt. Es gab positive Signale vor allem aus China, aber auch aus den USA.

Dass der Nachfrageanstieg so deutlich ausfällt, liegt jedoch auch am Absturz des Euro, der europäische Waren billiger machte. „Das konnte so niemand vorhersehen“, sagt Diez. Nicht auszuschließen sei auch ein gewisser Zweckpessimismus der Konzerne. So nutzten sie das Krisenjahr, um umfangreiche Sparprogramme durchzuboxen.

Dennoch: Einige Volkswirte sahen früh die Rückkehr eines Booms in der Autoindustrie. Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit prognostizierte schon im November, dass die Branche die Gesamtwirtschaft aus der Krise ziehe.

Schlecht geplant

Kritiker bemängeln fehlenden Weitblick der Hersteller. Der Münchner Autoexperte Helmut Becker sieht eine Ursache dafür in den 90er-Jahren, als die Konzerne ihre volkswirtschaftlichen Abteilungen ausdünnten. „Das rächt sich nun.“

Schon der Abschwung nach der Lehman-Pleite erwischte die Hersteller unvorbereitet. Die Konzerne fertigten Tausende Fahrzeuge auf Halde, wodurch Kapital sinnlos gebunden wurde. „Der Schock sitzt tief“, sagt Jürgen Pieper, Analyst vom Bankhaus Metzler. Diese Erfahrung erschwere jetzt die Einschätzung der Lage.

Mehr Inserate für Verkäufer

Ganz trauen die Hersteller dem Aufschwung noch nicht. Zwar erhöhte Mercedes seine Prognose in den vergangenen Monaten deutlich. BMW-Chef Norbert Reithofer hingegen zeichnete noch auf der Hauptversammlung vor vier Wochen ein zurückhaltendes Konjunkturbild. Dabei konnte sich der Konzern schon da vor Aufträgen kaum retten.

Auf den Arbeitsmarkt schlägt der Boom jetzt durch, zeigen die von Adecco ausgewerteten Stellenanzeigen. Noch im Winter war das nicht abzusehen, denn von Januar auf Februar ging die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern in der Autobranche sogar leicht zurück. Seit März jedoch schalteten die Arbeitgeber verstärkt Anzeigen.

Nicht nur die Produktion sucht Mitarbeiter, auch der Autoverkauf rüstet sich für eine verstärkte Nachfrage. Trotz rückläufiger Neuzulassungen stieg auch die Zahl der Inserate für das Verkaufspersonals jüngst an.

Und auch in der Forschung und Entwicklung werden wieder deutlich mehr Fachleute gesucht. In absoluten Zahlen war die Zahl der Jobangebote klein: Es waren 58. Das sind aber immerhin 23 mehr als noch vor einem Jahr.

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