Diverses Mit Gefühl entlassen

Job weg, Partner weg, Zukunft ungewiss: Der Halbleiterhersteller NXP lässt Mitarbeiter von externen Beratern betreuen – auch wenn sie bereits die Firma verlassen haben.

Als er hereinkommt, in Wollpullover,
weiten Jeans und bequemen
Schuhen, wirkt Lorenz Francke*
noch ganz gefasst. Er lächelt sogar, als er
in einem lachsfarbenen Wildledersessel
Platz nimmt. Schaut sich interessiert um
im Raum mit den hohen Fenstern und
der malerischen Stuckdecke. Doch schon
wenig später ist es vorbei mit seiner
Selbstbeherrschung: „Bei mir ist alles
blockiert“, sagt der 48-jährige Ingenieur, und Tränen schießen ihm in die Augen.
„Ich kann nicht mehr schlafen. Ich habe
zu nichts Lust.“

Ute Zander im Sessel gegenüber bleibt
gelassen, weinende Männer ist sie gewohnt.
Die 46-jährige Psychologin hat
lange als Personalberaterin für Unternehmen
gearbeitet, viele Krisen und
Konflikte
miterlebt. Die derzeitige Wirtschaftskrise
aber verschärft die Situation,
schafft ein Klima der Verunsicherung
und der Angst. Drohender Jobverlust,
überall Stellenstreichungen und Insolvenzen,
immer mehr Arbeit, die von
immer
weniger Mitarbeitern bewältigt
werden muss – das alles belastet enorm.
Menschen, die Hilfe brauchen, finden sie
hier im Fürstenberg Institut nahe der
Alster.
Externe Mitarbeiterberatung heißt
der Fachbegriff. Unternehmen zahlen
dem Institut eine Pauschale dafür, dass
ihre Angestellten dort Sorgen jedweder
Art loswerden können.

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Viele Chefs wissen
nicht, wie viel Frust und Angst etwa
eine betriebliche Umstrukturierung auslösen
kann. Was in den Büros und Werkhallen
mühsam zurückgehalten wird,
darf in der geschützten Atmosphäre der
Beratung, zwischen Grünpflanzen und
Aquarellen, ungehemmt ausbrechen. Bei
Ute Zander und ihren Kollegen können
Mitarbeiter Dampf ablassen, sich ihre
Existenzängste von der Seele reden, neue
Zuversicht fassen.

*Name von der Redaktion geändert

Teil 2: Ohne Arbeit scheint nichts mehr sicher

Lorenz Francke, der eigentlich anders
heißt, aber lieber anonym bleiben möchte,
arbeitet seit gut 20 Jahren bei dem
Halbleiterhersteller NXP. Immer habe er
sich dort wohlgefühlt, sagt er, und darauf
gesetzt, dass er dort bleiben könne.
Er sei einfach nicht der Typ, der Abwechslung
brauche, er wolle Sicherheit. Schon
allein wegen des Kredits, den er abbezahlen
muss.

Vor zehn Jahren hat sich Francke
ein Doppelhaus gekauft, in einer Vorortsiedlung, die eine Hälfte für ihn,
die andere für seine Eltern. Er erzählt,
dass er in der Freizeit bisher gern am
Haus gebastelt hat, sich in der Jugendabteilung
des Tischtennisvereins engagierte.
Dass bei ihm viel los war, die Familie
seines Bruders wohnt ja in der Nähe, und
die Kinder kamen oft zu ihm. Er war zufrieden
mit seinem Leben. Es hätte ruhig
so weitergehen können. Doch dann kam
dieser Tag im September 2008.

Außerordentliche Betriebsversammlung
von NXP Deutschland. Es ist eng in
der Werkkantine in Hamburg-Lokstedt.
Unter den Mitarbeitern hat sich längst
herumgesprochen, dass wieder Entlassungen
anstehen. Die bange Frage lautet
nur: Wie viele Arbeitsplätze werden
diesmal
gestrichen? Und welche? Als Geschäftsführer
Volker Kuckhermann dann
die Zahlen verkündet, geht ein ungläubiges
Raunen durch den Raum: 850 von
2500 Stellen werden abgebaut, jeder
Dritte muss gehen. Damit hat keiner
gerechnet.

In den folgenden Wochen und Monaten
liegen die Nerven blank. In den Produktionshallen,
den Büros, der Kantine,
der Kaffeeküche – überall dasselbe Thema.
„Hast du schon gehört? Jetzt hat es
den Klaus erwischt.“ Ständig wird gerechnet:
„Von den 60 Leuten aus unserer
Gruppe müssen 19 gehen, 14 wissen Bescheid,
zwei haben schlechte Karten, weil
sie erst seit Kurzem im Unternehmen und
kinderlos sind. Fehlen noch drei.“

Teil 3: Miese Stimmung macht unproduktiv

Der Schwebezustand macht die Mitarbeiter
mürbe, die Stimmung ist gereizt. In
Internetforen wird gegen das Management
gewettert, manchmal auch lautstark
im Werk. „Die Situation hat uns alle
emotional belastet“, drückt es Personalchef
Frank Tomforde vorsichtig aus. „Die
Effektivität hat verständlicherweise darunter
gelitten.“ Tomforde ist seit 15 Jahren
bei NXP. Im vergangenen Dezember
bekam er den Auftrag, den Stellenabbau zu managen. Seit Mitte März herrscht
Klarheit, das Team um den Personalchef
hat die Gespräche mit allen 850 vom
Stellenabbau betroffenen Mitarbeitern
hinter sich gebracht.

Zu jeder Hiobsbotschaft
gehörte auch das Angebot der
externen
Beratung. „Uns wurde bewusst,
dass wir für die Betroffenen etwas tun
müssen. Und auch für die Mitarbeiter,
die bleiben. Über das Finanzielle hinaus.
Damit sie nicht in ein tiefes Loch fallen“,
sagt Tomforde. Es wurde vereinbart, dass
die Gekündigten das Beratungsangebot
bei Fürstenberg auch noch zwölf Monate,
nachdem sie das Unternehmen verlassen
haben, nutzen dürfen.

Rat von aussen

Die Idee stammt aus den USA: Nach
Ende der Alkoholprohibition in den
30er-Jahren fielen etliche Beschäftigte
wegen Suchtproblemen aus. Die
Konsequenz:
Im angelsächsischen Raum
gehört bis heute ein Employee Assistance
Program (EAP) zum Gesundheitsmanagement
vieler Firmen. Mitarbeiter
können sich bei beruflichen, persönlichen
und familiären Problemen von externen
Profis kostenlos betreuen lassen.

Die Anbieter

Zu den führenden Anbietern zählen
neben dem internationalen Unternehmen
Icas (www.icas-eap.com) die
auf Deutschland fokussierten Beratungsdienste
Fürstenberg Institut
(www.fuerstenberg-institut.de),
Corrente (www.corrente.de) und Insite
(www.eap.de). Bei Fürstenberg und
Insite überwiegt die Beratung von Angesicht
zu Angesicht. Fürstenberg nutzt
dafür eigene Räume in Hamburg, Berlin,
Düsseldorf, Köln und Münster. Weitere
Standorte sind im Aufbau. Insite führt die
Beratung in der Nähe der Kundenstandorte
durch. Icas und Corrente beraten
hauptsächlich am Telefon – mit einer
Crew aus Psychologen, Medizinern und
Sozialarbeitern, aber auch Vier-Augen-
Gespräche sind möglich. Auf Wunsch
werden die Anrufer an niedergelassene
Psychotherapeuten weitervermittelt,
mit denen die Anbieter kooperieren.

Die Kosten

Die Kosten für den Service tragen allein
die Unternehmen. Die Höhe hängt von
der Zahl ihrer Mitarbeiter ab. Das Fürstenberg
Institut nimmt monatlich je nach
Firmengröße drei bis vier Euro pro Mitarbeiter,
Icas und Corrente zwei bis fünf
Euro. Insite verlangt jährlich einen Euro-
Betrag im unteren zweistelligen Bereich.

Der Nutzen

Er liegt in der höheren Arbeitsleistung.
Mitarbeiter mit freiem Kopf seien effektiver,
so das Kalkül. Eine Studie der Confederation
of British Industry (CBI) hat
zudem gezeigt, dass in Unternehmen
mit einem EAP der Krankenstand geringer
ist; um durchschnittlich 2,6 Tage reduziert
sich der Ausfall pro Mitarbeiter. Wer den
Service nutzt, erfahren die Unternehmen
nicht. Sie erhalten aber eine Auswertung
der Beratung – und damit einen Hinweis
auf die Häufung bestimmter Fälle.

Lorenz Francke, der Ende dieses Jahres
bei NXP aufhört, merkte bald, dass er
Hilfe braucht. Er erzählt Ute Zander von
der Angst, die vor allem nachts hochkommt.
Dass er sich vorstellt, wie man
ihm in einem Bewerbungsgespräch wegen
seines Alters eine Absage erteilt,
wie er von seinem Bankberater zu hören
bekommt,
dass er sein Haus verkaufen
muss, wie er als Arbeitsloser von Maklern
abgewiesen wird und im Etagenbett
eines
Obdachlosenheims landet. Er sei
immer schweißgebadet, wenn ihm diese
Bilder durch den Kopf schießen, sagt
Francke.

Sein Vorgesetzter habe ihn kürzlich
dafür gelobt, dass er die Kündigung
so gut wegstecke. „In Wahrheit bin ich
wie gelähmt. Die Gedanken lassen sich
einfach nicht abstellen. An den Wochenenden
liege ich den ganzen Tag auf dem
Sofa, und ständig sind sie da.“

Teil 4: Hier ist es erlaubt, sich fallen zu lassen

Obwohl Lorenz Francke immer wieder in
Tränen ausbricht, versucht die Psychologin
zunächst nicht, ihn zu beruhigen.
Später erklärt sie, dass es in der Beratungsstunde
Raum für das Fallenlassen
der Seele geben müsse. Dass es aber
wichtig sei, den Klienten spätestens nach
einer halben Stunde wieder aus dem Tal
herauszuholen.

Nicht allen geht es so schlecht wie
Lorenz
Francke, doch viele haben neben
den beruflichen auch familiäre Probleme.
Zum Beispiel Andreas Berg*: Der
40-jährige Technikfreak und Posaunenspieler
kam vor drei Monaten zum ersten
Mal ins Fürstenberg Institut und erzählte
mit versteinerter Miene, dass ihm
der Verlust seines Arbeitsplatzes drohe.
„Aber das ist nicht das Hauptproblem.
Viel schlimmer ist, dass meine Frau mich
mit den Kindern verlassen will.“

Beraterin Karin Krautzig erfährt, dass
sich die Ehefrau in einen anderen Mann
verliebt und Andreas Berg aufgefordert
hat, auszuziehen. Doch das will er nicht,
beteuert er, er hoffe auf eine Versöhnung.
„Sie hat ja recht. Ich habe zu wenig
gesprochen. Als in der Firma die Entlassungen
anstanden, war ich noch verschlossener
als sonst“, gesteht Wülbern
kleinlaut.

Der Schock über die Trennung
sitzt tief: „Ich kann immer noch nicht
fassen,
dass mir so etwas passiert!“ Karin
Krautzig lässt ihn reden und erklärt ihm
die Phasen, die jede Trennung durchläuft.
„Sie sind in Phase eins. Am An fang steht das Nicht-wahrhaben-Wollen,
danach brechen die Gefühle auf, die Wut
auf den Partner und sich selbst. In der
dritten Phase findet eine Neuorientierung
statt, und zuletzt kommt das Vertrauen
zurück und die Bereitschaft, eine
neue Beziehung anzufangen.“

„Papa zieht bald aus“

Vier Beratungsstunden später befindet
sich Wülbern irgendwo zwischen Phase
zwei und drei. Er erzählt, dass er offener
geworden sei; die Trennung jetzt auch
wolle, dass er eine Wohnung gefunden
habe und die Kinder Bescheid wüssten.
„Wie haben sie reagiert?“, will die Beraterin
wissen. „Wir saßen alle im Wohnzimmer,
dann hat meine Frau gesagt,
dass wir uns trennen und Papa bald
auszieht.
Meine zehnjährige Tochter hat
sofort
angefangen zu weinen, mein acht
Jahre alter Sohn hat sich in die Ecke
verzogen
und gespielt. Er wollte nicht
reden.

Später hat er mich gefragt, ob ich
den Computer mitnehme, wenn ich ausziehe.“
Das sei eine normale Reaktion,
beruhigt die Psychologin, auf diese Weise
verarbeite der Sohn die neue Situation.
Krautzig erklärt, warum sie im Fall Wülbern
auf die Bremse drückt. „Er tendiert
dazu, weit in die Zukunft zu planen. Er
wollte die Trennung so schnell wie möglich
abwickeln. Wir haben vereinbart,
dass er sich für jeden Schritt die nötige
Zeit nimmt.“

*Name von der Redaktion geändert

Teil 5: Die ganze Belegschaft ist betroffen

Nicht nur gekündigte Mitarbeiter können
die externe Beratung im Fürstenberg
Institut
nutzen, das Angebot gilt auch für
die übrige Belegschaft. Die Ingenieurin
Gaby Bothe, seit 30 Jahren bei NXP, hatte
Glück: Sie kann ihren Job behalten.
Unter der Entlassungswelle leidet sie
trotzdem. Sie hat Probleme, sich zu konzentrieren.
Ihre Gedanken schweifen ab,
und wenn sie sich dabei ertappt, weiß sie
nicht mehr, was sie gerade tun wollte.

Auch die sonst so in sich ruhende Frau
bricht im Gespräch mit der Psychologin
Uta Oberbeck in Tränen aus, etwa als sie
von ihrer Frühstücksrunde im Betrieb berichtet:
Zehn bis zwölf nette Kollegen
waren es einmal. Jetzt gehen einige in
Altersteilzeit,
andere werden entlassen.
„Wenn das so weitergeht, bin ich die Einzige,
die übrig bleibt.“

Kein großes Drama, den gekündigten
Kollegen dürfte sie damit nicht kommen,
sagt sie, aber in der Beratung gibt es
keine
Tabus. „Die Klienten konzentrieren
sich hier auf ihre Befindlichkeit“, sagt Beraterin
Uta Oberbeck, „beim Formulieren
ihrer Gefühle wird ihnen vieles klarer.“
Bereits nach dem ersten Termin weiß
Gaby
Bothe, wie sie ihr Tief überwinden
will: Sie wird den Frühstückskollegen
vorschlagen, ihre Treffen fortzusetzen –
nun eben privat, in der Freizeit.

Nicht aufgeben, trotz aller Probleme

In der Sitzung mit Lorenz Francke macht
Ute Zander gerade das, was sie „Ressourcen
anzapfen“ nennt. Am Ende jeder
Beratungsstunde
soll der Klient optimistisch
in die Zukunft schauen, auch wenn
sich seine Probleme natürlich nicht in
Luft aufgelöst haben. Die Beraterin fragt
Francke, woran er Freude habe. Gemeinsam
planen sie sein Wochenende: ein Regal
lasieren, die Rede für die Mitgliederversammlung
des Tischtennisvereins vorbereiten,
Radio hören, mit den Neffen
auf Fahrradtour gehen.

„Und was machen
Sie, wenn Sie sich den Fuß verstauchen?“,
will Zander wissen. Der
Ingenieur
stutzt, antwortet unsicher:
„Ich lege das Bein hoch.“ „Richtig. Sie
schonen den Fuß. Genau das braucht
Ihre Seele jetzt auch.“ Francke schaut sie
erst ein wenig skeptisch an, dann muss
er grinsen. „Das gefällt mir“, sagt er, „das
ist etwas Handfestes.“

Die 60 Minuten im lachsfarbenen
Wildledersessel sind vorüber. Unterdessen
meldet der Flurfunk bei NXP, dass es
womöglich weitere Entlassungen geben
wird. Die Angst geht wieder um.

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