Diverses Neues Bilanzrecht birgt Tücken

Die neuen Bilanzregeln finden reichlich Lob. Doch Vorsicht: Frei von Fallen ist das Gesetz nicht. impulse.de zeigt, auf welche Punkte Unternehmer seit der Reform besonders achten sollten.

Wenn Karsten Kisser derzeit an die
Buchhaltung denkt, schwankt
sein Gemütszustand regelmäßig
zwischen Frust und Freude. Schuld ist
ein neues Regelwerk, das den abschreckenden
Namen „Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz“
und die kaum weniger
sperrige
Abkürzung „BilMoG“ trägt.

Durch dieses Gesetz wird der Finanzvorstand
des Braunschweiger IT-Dienstleisters
CKC künftig nicht nur deutlich
mehr Aufwand für den Anhang zum Jahresabschluss
betreiben müssen. Daneben
kommen 30 bis 40 Prozent höhere Rückstellungen
für Pensionen auf die CKC
zu, zudem fallen erhebliche Kosten für
Bewertungsgutachten an. Das ist die
weniger schöne Seite am BilMoG.

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Trotz des neuen Kostenblocks ist
Kisser aber im Grunde mit der Gesetzesreform
ganz zufrieden. Denn die CKCGruppe,
die rund 400 Mitarbeiter zählt,
zuletzt 32 Millionen Euro Umsatz machte
und Konzerne wie VW und die Commerzbank
berät, profitiert in wichtigen
Bereichen von ihr. Eine spürbare Verbesserung
ist es für Kisser etwa, dass es
durch die Reform beim Jahresabschluss
weniger Wahlrecht gibt, wie etwas zu
bilanzieren ist. „Das macht die Bilanzen
eindeutiger und erleichtert uns die Beurteilung
fremder Unternehmen“, sagt
er. Etwa wenn seine Firma Geschäftsbeziehungen
knüpft und wissen will, wie
es wirtschaftlich tatsächlich um den neuen
Partner steht.

Handelsgesetzbuch reloaded

Mit seiner zwiespältigen Haltung zu den
neuen Vorschriften geht es Kisser wie vielen
anderen Unternehmern: Einige Neuerungen
belasten, unterm Strich aber war
die Reform nötig, so der Tenor. Auch Verbandsvertreter
und Steuerberater klatschen
Beifall. Das Gesetz sei „im Ergebnis
gelungen und praxistauglich“, lobte
etwa die Bundessteuerberaterkammer.
Und das ist alles andere als selbstverständlich,
denn die größte Bilanzrechtsreform
seit 20 Jahren hat weitreichende
Auswirkungen auf Unternehmen.

Das BilMoG baut das traditionelle
deutsche Bilanzrecht des Handelsgesetzbuchs
(HGB) zu einem Regelwerk aus,
das sich den internationalen Rechnungslegungsstandards
– allen voran den International
Financial Reporting Standards
(IFRS) – annähert. Dabei ist es
aber deutlich kostengünstiger und in der
Praxis einfacher zu handhaben.

Noch vor einem Jahr hätten sich Unternehmer
die Augen gerieben: Die gute
alte Bilanz nach HGB, die lange Zeit als
Auslaufmodell galt, ist in neuem Gewand
plötzlich wieder topaktuell. Undenkbar
in Boomzeiten, als die internationalen
Bilanzierungsregeln als Maß aller Dinge
galten. Und das HGB als verstaubt.
Der Inhalt des Gesetzentwurfs – erstellt
in guten Zeiten – orientierte
sich deswegen auch noch deutlich stärker
an den internationalen Vorschriften.

Schließlich fertigen deutsche Gesellschaften,
die an der Börse gelistet sind,
schon lange zusätzlich zur HGB-Bilanz
eine internationale IFRS-Bilanz an. Sie
dient allerdings hauptsächlich der Information
von angloamerikanisch geprägten
Investoren – während die HGB-Bilanz
das traditionelle deutsche Vorsichtsprinzip
und den Gläubigerschutz in den Mittelpunkt
stellt. So sind Gewinne erst nach
ihrer Realisierung zu bilanzieren, Verluste
dagegen, sobald sie erkannt werden.
Daneben erstellen Unternehmen auch eine
Steuerbilanz, also die Aufstellung des
Betriebsvermögens für das Finanzamt.

Um mehr Transparenz zu schaffen,
wollte das BilMoG ursprünglich die „Einheitsbilanz“
fördern. Das ist eine Bilanz,
in der die Posten der Handels- und der
Steuerbilanz identisch sind. Dies gelang
den Reformern aber nur zum Teil.

Ein deutlich wichtigeres Ziel wird dagegen
erreicht: Die neuen Vorschriften
bieten nun insbesondere mittelständischen
Unternehmen, die sich ihr Geld
nicht am Kapitalmarkt beschaffen, eine
dauerhafte Alternative zur internationalen
Rechnungslegung. Der Gesetzgeber
will den Firmen damit den Druck
nehmen, für ihr Auslandsgeschäft aufwendige,
komplexe und auch teure IFRSBilanzen
zu formulieren.

Ob groß oder klein – für alle Unternehmen
ist es jetzt höchste Zeit, sich auf
Änderungen vorzubereiten und Optionen
auf ihre Brauchbarkeit für das eigene
Unternehmen
zu prüfen. Die Neuregelungen
sind für alle Geschäftsjahre ab
2010 verbindlich.

Entlastung in Höhe von rund 1,3 Milliarden
Euro stellt Bundesjustizministerin
Brigitte Zypries den Unternehmen
durch die Reform in Aussicht. Das Statistische
Bundesamt prognostiziert sogar
jährlich 2,5 Milliarden Euro. Was einzelne
Unternehmen tatsächlich einsparen,
variiert von Fall zu Fall und ist eher zu
vernachlässigen. Gerade angeschlagene
Betriebe sollten nicht allzu große Hoffnungen
in die Bilanzrechtsreform setzen.
Wenn die Nachfrage in der Krise einbricht,
helfen auch keine Bilanzregeln,
mahnen Experten. Gesundrechnen kann
sich durch die Reform keiner.

Die Änderungen auf einen Blick

Start Die Regeln des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes
(BilMoG) sind verbindlich
für alle Geschäftsjahre, die ab
2010 beginnen. Freiwillig sind sie aber
schon ab dem 1. Januar 2009 anwendbar.

Befreiung Einzelkaufleute, die an zwei
aufeinanderfolgenden Bilanzstichtagen
beim Umsatz nicht über 500 000 Euro
und beim Gewinn nicht über 50 000 Euro
liegen, sind von Buchführung und Jahresabschluss
nach dem Handelsgesetzbuch
befreit. Für Existenzgründer gilt dasselbe,
wenn sie am ersten Stichtag die Grenzen
nicht überschreiten. Gesellschaften können
sich auf die Befreiung nicht berufen.

Neugruppierung Künftig gelten mehr
Kapitalgesellschaften als „klein“ oder
„mittelgroß“. Klein sind nun Betriebe, die
an zwei aufeinanderfolgenden Bilanzstichtagen
zwei der folgenden drei Werte
nicht überschreiten: Bilanzsumme 4,0
(bisher 4,8) Millionen Euro, Umsatz 8,0
(9,8) Millionen, 50 Arbeitnehmer. Mittelgroße
Betriebe: Bilanzsumme 16 (19,2)
Millionen, Umsatzerlöse 32 (38,5) Millionen,
250 Arbeitnehmer.

Anhang Die Bestimmungen über
Erläuterungen,
die im Anhang der Bilanz
aufzuführen sind, wurden von 19 auf
29 Positionen aufgestockt. So müssen
künftig etwa die Bewertungen von Pensionsrückstellungen
erläutert werden.

Bereinigung Das BilMoG hat eine Reihe
von Wahlmöglichkeiten für die
Bilanzierung
von Positionen gestrichen.

Unterm Strich bringt das BilMoG aber
eine Menge echte Gewinner hervor. Zum
einen profitieren kleine Einzelkaufleute,
die nicht mehr als 500 000 Euro Umsatz
und 50 000 Euro Gewinn pro Geschäftsjahr
haben. Sie werden von Buchführung,
Inventur und Bilanzierung nach
Handelsrecht komplett freigestellt. Experten
wie Bernd Keller, Wirtschaftsprüfer
bei Rödl & Partner, erwarten, dass
vor allem Startups von der neuen Freiheit
Gebrauch machen werden.

Für etablierte Kleinunternehmer zahlt
es sich dagegen häufig aus, weiterhin zu
bilanzieren. „Wer bisher einen Jahresabschluss
erstellt hat, wird das vermutlich
auch in Zukunft tun, denn nur die
erstmalige Einrichtung einer kompletten
Finanzbuchhaltung ist mit hohem Aufwand
verbunden“, sagt Wirtschaftsprüfer
Andreas Vogl von der Kanzlei Peters
Schönberger & Partner. Der Fortführungsaufwand
sei eher gering. Zudem
seien Bilanzen wichtig, um den Hausbanken
eine Grundlage für deren Kreditvergabe
zu liefern.

Ein Großteil der Änderungen betrifft ohnehin
Kapitalgesellschaften wie AG und
GmbH. Das BilMoG sieht für sie umfangreiche
Erleichterungen vor. Von ihnen
fallen nun – rückwirkend zum 1. Januar
2008 – deutlich mehr unter die Definition
„kleines“ oder „mittelgroßes“ Unternehmen,
wodurch sie zum Kreis der
Begünstigten
gehören. „Wer davon profitieren
kann, erspart sich teilweise Prüfungspflichten
und erheblichen Aufwand
beim Jahresabschluss“, sagt Wirtschaftsprüfer
Keller. Kleine Kapitalgesellschaften
müssen ihren Abschluss nicht prüfen
lassen, außerdem werden von ihnen
weniger Angaben verlangt, etwa im Anhang
der Bilanz.

Wenn die vom Bundesjustizministerium
prognostizierten Milliardeneinsparungen
tatsächlich Wirklichkeit werden,
dürfte das nach Meinung von Wirtschaftsprüfern
vor allem aus den beiden
Neuerungen – der Bilanzfreiheit und der
Anhebung der Grenzen – resultieren.
Alte sowie neue kleine und mittelgroße
Unternehmen dürfen sich freuen.

Risiken der Fair-Value-Bewertung

Fast schon vergessen scheinen mittlerweile
die erbitterten Kontroversen, die
noch zu Jahresbeginn um den Gesetzentwurf
geführt wurden. Ursprünglich sollte
die sogenannte Fair-Value-Bewertung
in das HGB aufgenommen werden.
Damit kämen Aktien und Anleihen, die
zur vorübergehenden Geldanlage erworben
werden, zu ihrem aktuellen Marktpreis
in die Bilanzen von Unternehmen.
Bislang wurden diese, dem HGB entsprechend,
höchstens mit ihrem Anschaffungswert
aufgeführt, unabhängig von
der Höhe des aktuellen Kurses.

Die Fair-Value-Bewertung birgt aber
Risiken: In Boomzeiten führt sie zu
großen
Gewinnen, die aber oftmals
nicht realisiert werden. Wenn die Kurse
dann abstürzen, wie in der aktuellen
Krise,
müssen Unternehmen massive
Abschreibungen
auf die Aktien und
Anleihen
in ihrem Besitz vornehmen. Und deshalb gilt die Fair-Value-Bewertung
in der aktuellen
Gesetzesfassung
nur noch für Banken, nicht aber für
andere
Unternehmen.

Andere Regelungen, die schließlich
ins Gesetz aufgenommen wurden, stoßen
dagegen auf breite Zustimmung –
was aber nicht heißt, dass in ihnen kein
Sprengstoff steckt. Um Transparenz zu
fördern, wurden einige alte Wahlrechte
gestrichen. Für notwendige künftige Instandhaltungsmaßnahmen
etwa durften
früher Rückstellungen gebildet werden,
mussten aber nicht. „Wer seinen Bilanzgewinn
zu hoch fand, konnte damit
gegensteuern“, sagt Wirtschaftsprüfer
Günter Maier von der Kanzlei Graf von
Westphalen.

Zwar erkannte das Finanzamt
diese Schönfärberei grundsätzlich
nicht an, aber gegenüber Geschäftspartnern
und Banken ließen sich damit
die wahren Verhältnisse verschleiern.
Zudem konnten die Unternehmen ihre
Ausschüttung regulieren. Solche Korrekturen
sind künftig nicht mehr möglich.
Wirtschaftsprüfer Vogl begrüßt das:
„Wahlrechte erschweren die Vergleichbarkeit
von Bilanzen immens.“

Umso erstaunlicher ist es, dass die
Große Koalition mit ihrer Bilanzreform
neue Wahlrechte eingeführt hat. So
haben
Unternehmen jetzt die Wahl, ob
sie selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände
des Anlagevermögens
– wie etwa Know-how oder Patente
– bilanzieren. International ist eine
solche
Bilanzierung zwingend. Der Gesetzesentwurf
zum BilMoG hatte diese
Regelung ursprünglich übernommen. Im
Gesetzgebungsverfahren wurde sie dann
aber verwässert.

Wahlrecht bei immateriellen Vermögensgegenständen

Unternehmen steht es nun frei, ihre
immateriellen Vermögensgegenstände
zu bilanzieren. Das bietet ihnen deutliche
Vorteile: Diese Vermögensgegenstände
werden anhand der für sie angefallenen
Kosten aktiviert. Damit bilden
sie ein Gegengewicht zu den Ausgaben,
die bislang gerade bei längeren Produktentwicklungszeiten
das Bild verdüstern
konnten.

„Gesellschaften mit hohen
Entwicklungskosten können so ihr bilanzielles
Eigenkapital stärken“, sagt Vogl.
Diese Option könne etwa die Bilanzprobleme
von Automobilzulieferern entschärfen,
für die ihr großer Entwicklungsaufwand
bislang eine große Belastung
gewesen sei.

Höhere Rückstellungen

Doch auch hier gilt: Unternehmer müssen
individuell gründlich abwägen, ob
sie Patente und vergleichbare Werte in
die Bilanz aufnehmen. „Es gibt immer
Diskussionsbedarf, wenn der Abschluss
bei der Bank vorgelegt wird“, hat Maier
beobachtet. „Da taucht sofort die Frage
auf: Hat der das nötig?“

Gravierende Änderungen kommen auf
Unternehmen auch bei den Rückstellungen
zu. Diese müssen in der Bilanz etwa
für Produkthaftpflichtrisiken oder Gewährleistungsforderungen
gebildet werden.
Künftige Belastungen sollen realistischer
abgebildet werden. Wie hoch die
Rückstellung sein soll, das wurde bisher
nach den Preisen für Material oder Arbeitsleistung
am Bilanzstichtag ermittelt.
Nach dem BilMoG zählt der Zeitpunkt
der Fälligkeit und damit der Betrag, den
die Firma tatsächlich einmal aufbringen
muss. Die Höhe der Rückstellungen wird
damit wohl bei vielen steigen.

Auch die auszuweisenden Aufwendungen
für Pensionsrückstellungen werden
nach oben schnellen, denn künftig
sind bei ihnen Gehaltsentwicklungen,
Rentenerhöhungen sowie die Fluktuation
einzurechnen. Dies führt zu mehr Aufwand
in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung
und belastet das Eigenkapital.

Unternehmen sollten also ganz genau
prüfen, inwieweit sie von den BilMoGRegeln
betroffen sind. Nur sollten sie
sich an die neuen Vorschriften nicht
allzu
sehr gewöhnen. „Die EU wächst zusammen“,
sagt Wirtschaftsprüfer Maier,
„und da wird irgendwann auch die EUEinheitsbilanz
kommen.“

Glossar

Um das Bilanzrecht kann kaum ein Unternehmer einen Bogen machen. impulse erklärt
wichtige Fachbegriffe rund um die Gesetzesreform.

BilMoG
Das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz
(BilMoG) soll das deutsche Bilanzrecht
international
konkurrenzfähig machen.

HGB
Das Handelsgesetzbuch (HGB) regelt das
Recht für Kaufleute und Gesellschaften,
wie etwa die Buchführung oder Jahresabschlüsse
und deren Veröffentlichung.
Das BilMoG ändert insoweit das HGB.

IFRS
Der Abschluss nach den International
Financial Reporting Standards (IFRS) ist
innerhalb der EU verbindlich für kapitalmarktorientierte
Unternehmen, die einen
Konzernabschluss erstellen müssen.

IASB
Das unabhängige International Accounting
Standards Board (IASB) in London erarbeitet
und aktualisiert die IFRS. Ziel: weltweit
einheitliche Rechnungslegungsstandards.

Wahlrecht
Bei der Aufstellung der Bilanz lässt das
HGB Unternehmen die Wahl, ob sie Rückstellungen
vornehmen oder Positionen
aktivieren – wie etwa die immateriellen
Vermögensgegenstände. Das BilMoG hat
diese Möglichkeit aber eingeschränkt
und fördert damit die Vergleichbarkeit der
Jahresabschlüsse.

Immaterielle
Vermögensgegenstände

Hierunter fallen selbst geschaffene
gewerbliche Schutzrechte und ähnliche
Rechte und Werte wie etwa Patente.
Sie können künftig in der Bilanz aktiviert
werden – müssen aber nicht.

Einheitsbilanz
Ursprünglich ein Ziel des BilMoG, aber nur
zum Teil erreicht. Sie liegt vor, wenn die
HGB-Bilanz und die Steuerbilanz deckungsgleich
sind. Für Unternehmen würde
das deutliche Einsparungen bringen.

Fair-Value-Bewertung
Die Bewertung nach dem aktuellen Marktwert.
Da sie bei Wertschwankungen nach
unten zu großen Belastungen in der
Bilanz führen kann, wurde sie im BilMoG
gestrichen – außer für Kreditinstitute.

Bilanzgewinn
Der Gewinn, den die Bilanz ausweist. Muss
nicht identisch sein mit dem zu versteuernden
Gewinn.

Pensionsrückstellungen
Sie werden für Pensionsverpflichtungen
gebildet und berücksichtigen künftige Belastungen.
Das BilMoG schreibt hierfür eine
realitätsgerechtere Bewertung vor, was
generell zu einer Erhöhung führen wird.

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