Diverses Nostalgie ist ein schlechter Ratgeber

Wer schwierige Entscheidungen in die Tat umsetzen will, braucht Mut zu Veränderungen - das gilt gleichermaßen für Unternehmer wie für Politiker.

In Deutschland mangelt es nicht an Analysen der Probleme, vor denen wir stehen. Was uns oft fehlt, ist der Wille, mit vermeintlichen Tabus zu brechen und notwendige Entscheidungen auch wirklich in die Tat umzusetzen. Ganz wichtig ist dabei die Erkenntnis: Tradition ist zwar eine wichtige Handlungsbasis, Nostalgie jedoch ist ein schlechter Ratgeber!

Der grundlegende Umbau des Bayer-Konzerns in den vergangenen fünf Jahren ist ein gutes Beispiel dafür, dass Veränderungen belohnt werden – auch wenn sie viel Kraft und Überzeugungsarbeit kosten. Wir haben das gesamte Unternehmen restrukturiert und konsequent auf Innovation und Wachstum ausgerichtet. Unsere Kerngeschäfte sind durch bedeutende Akquisitionen vorangebracht worden – und wir arbeiten weiter daran, den Konzern durch Übernahmen zu stärken und für die Zukunft fit zu machen.

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Für die meisten Bayer-Mitarbeiter hat die Neuorganisation zu tief greifenden Veränderungen geführt. Ich denke da besonders an die Abspaltung von Lanxess Anfang 2005, mit der wir uns vom klassischen Chemiegeschäft und von etwa einem Drittel des Polymergeschäfts getrennt haben. Sie bedeutete nicht weniger als die Kappung unserer historischen Wurzeln. Besonders für langjährige Mitarbeiter war ein solcher Traditionsbruch nicht leicht nachzuvollziehen.

Von Anfang an aber war klar, dass sich solch groß angelegte Vorhaben nur mit den Mitarbeitern verwirklichen lassen, nicht gegen sie. Deshalb haben wir viel Zeit darauf verwendet, ihnen zu vermitteln, weshalb wir die Maßnahmen ergreifen müssen, und aufgezeigt, wohin der Weg führen soll. Bei diesem Veränderungsprozess haben wir durchaus gute Erfahrungen mit der betrieblichen Mitbestimmung gemacht, und er hat gezeigt, wie man schwierige Herausforderungen auch dann gemeinsam lösen kann, wenn die Interessen nicht immer gleichgerichtet sind. Alles in allem haben wir in den vergangenen Jahren mehr als die Hälfte unseres gesamten Portfolios ausgetauscht. Ein solcher Umbau wäre nicht möglich gewesen, wenn wir uns von nostalgischen Gefühlen hätten leiten lassen.

Jetzt hat uns der Erfolg dieser Maßnahmen Recht gegeben: Bayer hat für seinen Kurs breite Zustimmung bei Aktionären, Kunden und Mitarbeitern gewonnen und 2005 eines der besten Geschäftsjahre seiner Geschichte erlebt. Wir sind heute in der Lage, uns neue Ziele zu setzen und eine so große Herausforderung anzunehmen wie die geplante Übernahme von Schering. Mit einem Volumen von rund 16,5 Milliarden Euro soll dies die bisher größte Akquisition in der Geschichte des Konzerns werden und Bayer wieder zu einem Health-Care-Schwergewicht von internationalem Rang machen.

Der reflexartige Widerstand gegen notwendigen Wandel ist ein in Deutschland sehr verbreitetes Phänomen. Generell mangelt es vielen Entscheidungsträgern nach wie vor an der nötigen Reformbereitschaft. Und diese Zurückhaltung ist oft gepaart mit der Neigung, Konfliktthemen zu tabuisieren. Auch das hat etwas mit falscher Nostalgie zu tun. Vielleicht ist dies der Hauptgrund für den mangelnden Mut, Verkrustungen aufzubrechen und durch mehr Freiheitsräume zu ersetzen. Deshalb werden in erster Linie „schmerzlose“ Reformen unterstützt – also Reformen, mit denen die Symptome, aber nicht die Ursachen der Probleme bekämpft werden. Genau das ist jedoch bitter nötig.

Sicherlich ist in Deutschland schon einiges in Gang gekommen, doch es bleibt viel zu tun. Wir müssen generell hin zu weniger Staat und mehr Eigenverantwortung kommen. Und wir brauchen zukunftsweisende Rahmenbedingungen für unsere Wirtschaft. Vor dem Hintergrund der guten Erfahrungen, die wir bei Bayer gemacht haben, kann ich uns alle nur darin bestärken, mehr Mut zu Veränderungen zu zeigen. Lamentieren bringt keine Lösung, stattdessen ist der Wille zum Aufbruch gefragt. Dabei darf man nicht nur auf die Risiken schauen, sonst könnten bahnbrechende Chancen verpasst werden.

Werner Wenning, 59, ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender der Bayer AG. Als Präsident des Verbands der chemischen Industrie vertritt er zugleich die Interessen von mehr als 1600 überwiegend mittelständischen Unternehmen.

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