Diverses Öffentlichkeitsstrategie für den Ernstfall

Kreist der Pleitegeier über der Firma, verstummen viele Unternehmer. Andere reden sich hingegen um Kopf und Kragen. Tipps für die richtige Kommunikation - innerhalb und außerhalb der Firma.

Der Bumerang kam aus Australien.
Dass es die Meldung aus dem
„Hamburger Abendblatt“ vom Februar
bis zu Kunden und Lieferanten ans
andere Ende der Welt schaffen würde,
hätten die Verantwortlichen beim Schleifmittelhersteller
Hermes in Hamburg nie
erwartet. „Drohen Entlassungen?“, fragte
das Blatt – um im Text zwischen Einschätzungen
von Betriebsrat und Gewerkschaft
lapidar zu erklären: „Die Geschäftsleitung
war am Freitag für eine
Stellungnahme nicht zu erreichen.“

Das sei eine „ganz unglückliche Geschichte“
gewesen, sagt Günter Becker,
Mitglied des Gesellschafterbeirats von
Hermes. Der Geschäftsführer des Schleifwerkzeugspezialisten
mit 1300 Beschäftigten
hatte sich schon ins Wochenende
verabschiedet, als die „Abendblatt“-Journalistin
beim Unternehmen nachfragte
und vom Pförtner eine Abfuhr bekam: Es
würden keine Privatnummern von der
Geschäftsleitung herausgegeben.

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Kommunikationspanne mit Folgen

Eine Kommunikationspanne erster
Güte, mit Folgen für das kriselnde Unternehmen.
Denn offenbar übersetzten
Konkurrenten die Zeitungsmeldung und
spielten sie Geschäftspartnern von Hermes
in Übersee zu. Dort sorgte der Text
für Unruhe bei Kunden und Lieferanten
des Schleifmittelherstellers – und für
kritische Nachfragen in der Zentrale.

„Es ist echt erstaunlich: Diese Zeitungsmeldung
hat den Weg um die
ganze Welt und zurück nach Deutschland
geschafft“, sagt Peter Matthews.
Seit Anfang Juli ist er neuer Geschäftsführer
bei Hermes. Vor allem die Kommunikation
mit Kunden und Lieferanten
will er verbessern und sich Zeit für
die Presse nehmen. „Kommunikation ist
zwingend erforderlich“, betont er.

‚Hanseatische‘ Zurückhaltung

Die Rückendeckung der Gesellschafter
hat Matthews jedenfalls. „Unsere
Kontakte zur Presse waren minimal in
den vergangenen Jahrzehnten, das kann
man wohlwollend als ‚hanseatisch‘ bezeichnen“,
resümiert Beiratsmitglied
Becker. Damit sei jetzt Schluss: „Notgedrungen,
aber auch aus einer tiefen
Einsicht heraus.“

Bloß nichts sagen – das scheint das
Motto vieler Mittelständler zu sein, in guten,
vor allem aber in schlechten Zeiten.
Eine Studie der Initiative Unternehmenskultur
bestätigt diesen Eindruck. „Die
zentrale Erkenntnis war sicherlich, dass
viele Mittelständler durchaus daran interessiert
sind, in der Öffentlichkeit wahrgenommen
zu werden – dass sie aber oft
nicht wissen, wie sie das schaffen sollen“,
sagt Wolfgang Exler-Bachinger, Geschäftsführer
der Initiative und Inhaber
einer Frankfurter PR-Agentur.

Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit
auseinander: Vier von fünf Mittelständlern
halten Veröffentlichungen über ihr
Unternehmen demnach für wichtig, aber
nur jedes vierzehnte sieht sich in den
Medien gut repräsentiert. Immerhin: Jeder
zweite Chef findet die Berichterstattung
verbesserungswürdig. „Wir haben
festgestellt,
dass die positiven Auswirkungen
der Unternehmenskommunikation
in der Krise von einem Konto stammen,
auf das ein Unternehmen jahrelang
eingezahlt hat“, sagt PR-Profi Exler-
Bachinger. Wer offen sowohl über Erfolge
als auch über Niederlagen spricht,
profitiert in schwierigen Zeiten von einer
fairen Berichterstattung
– und bleibt von
bösen Überraschungen verschont.

Das könne zum Beispiel bei Verhandlungen
mit der Bank helfen, sagt Exler-
Bachinger. „Banken sind froh, wenn jemand
offen mit ihnen kommuniziert,
und trauen dem Chef dann eher zu, eine Krise zu managen.“ Vor allem dann,
wenn der schon vorher ein oder zwei Krisen
erfolgreich in den Griff bekommen
und darüber offen gesprochen hat. „So
jemanden hält man dann auch für fähig,
die dritte Krise zu managen, und ist vielleicht
mit Krediten etwas großzügiger als
bei jemandem, den man nicht kennt.“

Transparenz ist oberstes Gebot – auch
für Unternehmen, die nicht an der Börse
notiert und nicht verpflichtet sind, Geschäftszahlen
und bedeutende Ereignisse
zu veröffentlichen. „Öffentlichkeitsarbeit
ist keine lästige Pflicht, sondern
Managementaufgabe“, sagt Nicola Leibinger-
Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung
beim Werkzeugmaschinenbauer
Trumpf. Wichtigstes Ziel sei es,
immer glaubwürdig und offen zu sein.
Und zwar nicht nur mit Kunden, Lieferanten
und den Medien. „Die Information
der Mitarbeiter
hat für mich absolut Vorrang“,
betont die Unternehmerin. Besonders
in Krisenzeiten sei das bedeutsam:
„Wenn sie eine Nachricht zuerst aus der
Zeitung erfahren, halte ich das für einen
Fehler, denn das erzeugt Misstrauen.“

Den Maschinenbauer mit seinen 8000
Mitarbeitern weltweit hat die Wirtschaftskrise
auch nicht verschont: Im
Juni kündigte Trumpf Kurzarbeit für vier
deutsche Standorte an, unter anderem
für den Firmensitz in Ditzingen. Fünf
Sätze, klare, schnörkellose Sprache. „So
eine Pressemitteilung muss nicht umfangreich
sein. Sie muss in den ersten
beiden Absätzen alle wichtigen Fragen
beantworten und die Fakten kurz wiedergeben“,
sagt Ingo Schnaitmann, Leiter
der Öffentlichkeitsarbeit bei Trumpf.

Und so war von der Kurzarbeit auch
niemand überrascht. „Wir hatten schon
im Januar kommuniziert, dass der Auftragseingang
rückläufig ist. Die Medien
waren also vorbereitet.“ Die Mitarbeiter
werden ohnehin regelmäßig über die Geschäftsentwicklung
informiert. „Unsere
Meldung fiel dann auch noch in ein Umfeld,
in dem viele andere Firmen bereits
Kurzarbeit angemeldet hatten“, erinnert
sich Schnaitmann. „Wir sind eher gefragt
worden: ‚Was, ihr geht erst jetzt in Kurzarbeit?'“

Ruhe bewahren

„Krisen können durch fehlerhafte Kommunikation
zur Bedrohung für ein Unternehmen
werden“, sagt der PR-Fachmann
Kai vom Hoff. Wer folgende Regeln
beherzigt,
kommt besser durch die Krise:

1. Gehen Sie immer vom schlimmsten
Fall aus. Worst-Case-Denken verhindert
böse Überraschungen.

2. Suchen Sie den Dialog. Probleme
sollten
offen angesprochen und Fragen
beantwortet werden. Weichen Sie unangenehmen
Punkten nicht aus.

3. Definieren Sie Ihre Kommunikationsstrategie.
Schnell, offen, transparent, das
sollten wichtige Grundsätze sein.

4. Informationen sollten sofort und ohne
Verzögerung weitergegeben werden –
wann immer das möglich ist. Bei juristisch
umstrittenen Punkten vorher klären,
was veröffentlicht werden darf.

5. Bleiben Sie ruhig, und handeln Sie
entschlossen
und eindeutig.

6. Sagen Sie besser nichts, ehe Sie etwas
Falsches sagen.

7. Zeigen Sie Mitgefühl – aber kein
geheucheltes
Mitleid.

8. Nach der Krise ist vor der Krise: Nutzen
Sie Erfahrungen, und lernen Sie aus Fehlern
– Ihren eigenen und denen anderer.

Regelmäßig über das Unternehmen
zu berichten und dabei nicht nur die
Erfolge
in den Vordergrund zu stellen,
sondern auch schwierige Situationen
nicht zu verheimlichen hat bei Trumpf
Tradition. „Wer so handelt, den begleiten
die Medien, so meine Erfahrung,
auch in schwierigen Zeiten fair“, sagt
Firmenchefin Leibinger-Kammüller. Zur
Unternehmenskommunikation gehören
auch die Geschäftsberichte, die Trumpf
seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht –
und zwar freiwillig.

Damit findet das Familienunternehmen
zunehmend Nachahmer. „Wir
stellen fest, dass auch nicht börsennotierte
Unternehmen erkennen, dass sie mit
einem gut gemachten Geschäftsbericht
wichtige
strategische Kommunikationsziele
erreichen
können“, sagt Peter
Poppe, geschäftsführender Gesellschafter
der Agentur Hamburger Geschäftsberichte.
Trumpf zählt ebenso zu ihren
Kunden wie die Deutsche Telekom, der
Reisekonzern TUI und der Autozulieferer
ZF Friedrichshafen.

Nichts beschönigen und immer offen
und ehrlich kommunizieren, das ist
Poppes
Ratschlag. Natürlich gebe es auch
immer wieder Situationen, in denen man
noch keine gesicherten Informationen
habe. „Dann ist es gut, wenn man das
auch so sagt, bevor man gar nichts oder –
noch schlimmer – etwas Falsches sagt.“
Und: Der Chef sollte handeln, bevor es zu
spät ist und andere die Kommunikation
an sich gerissen haben, zum Beispiel
Gewerkschaften
oder aufgebrachte Mitarbeiter,
die nicht ausreichend über die
Krise informiert wurden.

Schwierig wird es, wenn Emotionen
im Spiel sind – wie bei der insolventen
Kaufhauskette Hertie. Immer wieder
schöpften die Beschäftigten neue Hoffnung:
Die Verhandlungen über eine Rettung
des Konzerns seien auf einem guten
Weg, hieß es regelmäßig. Bis die potenziellen
Retter Ende Mai überraschend
einen Rückzieher machten – und damit
das endgültige Aus für den Warenhauskonzern
besiegelten. Der Düsseldorfer
Rechtsanwalt und Hertie-Insolvenzverwalter
Biner Bähr musste danach harte
Kritik einstecken. „Der hat meiner Einschätzung
nach monatelang ein zu positives
Bild gezeichnet, was seinen Umgang
mit Investoren angeht“, wetterte
Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin
Christa Thoben nach dem Scheitern
der Gespräche.

Rühriger Insolvenzverwalter

„Richtig ist, dass ich Optimismus erweckt
habe, auch bewusst erweckt habe, weil
ich das Vertrauen und die Zuversicht bei
den Mitarbeitern wieder stärken wollte“,
sagt Insolvenzverwalter Bähr heute.
Auch die Lieferanten habe er so dazu
bewegen wollen, wieder zu liefern. „Es
war schon von großer Bedeutung, dass
ich nach innen und nach außen signalisiert
habe, dass ich davon ausgehe, dass
es langfristig weitergeht.“

Die Mitarbeiter habe er ständig auf
dem Laufenden gehalten und zum Ende
jeder Woche eine Rund-E-Mail mit dem
aktuellen Stand der Dinge verschickt.
Auch über die Pläne für die kommende
Woche, „sodass ich die Hoffnung hatte,
dass die Mitarbeiter sich gut aufgehoben
fühlen und sie nicht denken, da sitzt
einer in der Zentrale und entscheidet
über ihre Köpfe hinweg“.

Wie präsent ein Insolvenzverwalter in
den Medien sein sollte, sei Typsache,
glaubt Bähr. Lieber nicht zu offensiv an
die Öffentlichkeit gehen, lautet sein
Motto. „Sondern nur dann, wenn man
die Öffentlichkeit für den Erfolg des
Insolvenzverfahrens benötigt.“ Und bei
Hertie? Da sei das in gewissem Maße der
Fall gewesen, „weil ich eben über die
Öffentlichkeit auch sehr schnell meine
Ziele kundtun, also insbesondere die
Zuversicht bei Lieferanten, Kunden und
auch den Mitarbeitern erhöhen konnte“.

Dass die Kaufhauskette letztlich doch
nicht gerettet wurde, sei sehr schade,
meint Bähr. Es hänge aber mit aus seiner
Sicht unvernünftigen Entscheidungen
der Gesellschafter zusammen. „Das als
Kommunikationspanne zu bezeichnen –
so weit würde ich nicht gehen.“

Keine falschen Versprechungen

Nur nicht Hoffnungen wecken, die nicht
erfüllt werden können – das gilt für alle
Unternehmenskrisen. Etwas zu versprechen,
was am Ende nicht eintritt, „das ist
gerade in der internen Kommunikation
der Kardinalfehler“, sagt Thomas Schulz.
Mit seiner Kölner Agentur RW Konzept
hat er sich auf die Kommunikation in
Unternehmenskrisen spezialisiert und
spricht für insolvente Firmen und deren
Verwalter. In den vergangenen Jahren
zum Beispiel fungierte Schulz als Sprachrohr
für Agfaphoto, den Anlagenbauer
Babcock Borsig, den Briefdienstleister
Pin, die Kaufhäuser Woolworth und Wehmeyer
– und ganz aktuell für Arcandor.

„Es gibt in einem Insolvenzverfahren
nichts Schlimmeres als enttäuschte Erwartungen“,
warnt er. Seine Philosophie:
„Sehr sachlich bleiben und die Dinge so
kommunizieren, wie sie sind, als reine
Fakten.“ Bei Insolvenzen sei häufig der
Krankenstand in der Anfangsphase sehr
niedrig, die Mitarbeiter seien hochmotiviert.
Diese Motivation aufrechtzuerhalten
sei eine echte Herausforderung.
„Wenn Sie dann mit falschen Versprechungen
arbeiten und zurückrudern
müssen – ich glaube, dann bricht die
Motivation völlig ein.“

Auch für Schulz gilt der Grundsatz:
Immer von innen nach außen kommunizieren.
Erst sind die Mitarbeiter an der
Reihe, dann Kunden, Lieferanten und die
Presse. So lässt sich einer der häufigsten
Vorwürfe vermeiden: „Wir haben es wieder
mal aus der Presse erfahren müssen.“
Entscheidend sei bei einer Insolvenz außerdem
das Auftreten: Nicht werblich,
sondern sehr sachlich über die Fakten
sprechen. „Immerhin befinden wir uns in
einem Verfahren, das durch ein Gericht
kontrolliert wird.“

Überhaupt an die Öffentlichkeit zu
gehen, das hält der Kommunikationsprofi
in den meisten Fällen für sinnvoll.
„Aus meiner Erfahrung heraus macht es
einen deutlichen Unterschied, ob ich
ausschließlich intern kommuniziere
oder ob ich mich traue, das, was ich
den Mitarbeitern sage, auch öffentlich
kundzutun. Es gewinnt dadurch eine
höhere Glaubwürdigkeit.“ Lokale Medien
hält Schulz in diesem Zusammenhang
für besonders wichtig, weil sie von
den Beschäftigten stärker wahrgenommen
werden und so auch einen wichtigen
Teil der Mitarbeiterkommunikation
übernehmen.

Defizite im Mittelstand

Defizite sieht er vor allem bei mittelständischen
Unternehmern. In Insolvenzfällen
räche es sich oft, wenn Firmen
vorher nie mit den Medien gesprochen
hätten. „Dann kommt ein Unternehmen
auf einmal in die Medien, das sogar strategisch
für Kunden und Zulieferer eine
wichtige Rolle spielt, aber keiner weiß,
was die machen, und niemand kennt den
Geschäftsführer.“ Wenn sich eine Firma
dagegen durch eine kontinuierliche
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einen Vertrauensvorsprung erarbeitet habe,
lasse sich auch eine Krisensituation des
Unternehmens besser vermitteln.

Dass sich ein offener Umgang mit Informationen
über das Unternehmen und
eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit
langfristig auszahlen, scheint sich unter
mittelständischen Unternehmern langsam
herumzusprechen. Zumindest zeigt
das die Nachfrage kleiner und mittlerer
Firmen nach Kommunikationsprofis:
„Die ist in den vergangenen Jahren
überproportional gestiegen“, sagt Ulrich
Schuhmann, der sich mit seiner Personalberatung
darauf spezialisiert hat, Experten
für Public Relations an Unternehmen
zu vermitteln. „Es ist deutlich
feststellbar, dass die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit
über Werbung hinaus
im Mittelstand angekommen ist.“ Auch
Firmen, die keinen direkten Kontakt mit
Endverbrauchern haben, hätten ihren
Personalbestand in der Öffentlichkeitsarbeit
deutlich aufgestockt, sagt Schuhmann.
Bei kleineren Firmen ohne eigene
Kommunikationsabteilung sei zudem
häufig festzustellen, dass sie fallweise
PR-Agenturen beauftragen. Gerade in
der aktuellen Krise gebe es einen Trend,
Aufträge an externe Profis zu vergeben.

Sanierung mit offenen Karten

Der Hamburger Schleifmittelhersteller
Hermes ist das beste Beispiel: Nach hanseatischem
Schweigen und Kommunikationspannen
hat der neue Geschäftsführer
Peter Matthews nun einen PR-Profi
mit der Pressearbeit beauftragt – und zudem
einen neuen Kommunikationsstil
eingeführt: offen über Probleme sprechen,
bevor es andere tun. „Wirtschaftskrise
zwingt Hermes zu Umstrukturierungen“,
heißt es in einer Pressemitteilung
Ende Juli, vier Wochen nachdem
Matthews seinen neuen Job angetreten
hat. Im Text werden Details zum Sanierungsplan
genannt, inklusive vorgesehener
Produktionsverlagerung ins Ausland,
der Ausgliederung eines Standorts und
sogar der Ankündigung, dass rund 240
der 1300 Stellen gestrichen werden. Aber
es ist eben auch die verbindliche Zusage
des Chefs zu lesen, den Standort Hamburg
zu erhalten.

Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete
auch über die Sanierung – mit einem
entscheidenden Unterschied: Das Management
erläuterte seine Pläne selbst
und hatte genügend Raum, sein Vorgehen
zu erklären und zu rechtfertigen.
Dieses Mal war die Geschäftsleitung
nicht nur für eine Stellungnahme zu erreichen,
sie trieb die Veröffentlichung sogar
selbst voran. Weil sie mit den Fakten
von sich aus an die Medien herantrat, bevor
es andere taten.

Was tun, wenn es eng wird?

Viele Firmen trifft eine Insolvenz zwar nicht überraschend, aber unvorbereitet. Wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt, kann
entscheidenden Einfluss auf den Verlauf nehmen, sagt Hans Haarmeyer, Direktor des Deutschen Instituts für angewandtes Insolvenzrecht.
Eine Krise muss dann nicht einmal in einer Insolvenz enden. Die beste Strategie – vom ersten Krisentreffen bis zum Insolvenzantrag:

1. Gläubiger informieren

Wenn ein Unternehmen in Schieflage gerät,
sollte es mit denjenigen reden, die ihm die
meisten Probleme bereiten oder am besten
helfen können, diese zu lösen: mit den
Gläubigern,
insbesondere mit den Banken.

2. Perspektiven aufzeigen

Beim Gespräch mit der Bank auf keinen Fall
als Bittsteller auftreten. Für die Gläubiger
muss vielmehr eine klare Perspektive
erkennbar
sein. Tipp des Insolvenzrechtlers
Haarmeyer: „Ein externer Experte sollte
das Unternehmen vor dem Termin mit der
Bank unter die Lupe nehmen und bestätigen,
dass es sanierungswürdig und -fähig
ist.“ Dieser Experte sollte ein ausgewiesener
Restrukturierer sein.

3. Mitarbeiter einbinden

Auch hier spielt die Kommunikation eine
große Rolle: Das Gespräch mit den Mitarbeitern
kann entscheidende Impulse für
eine erfolgreiche Sanierung bringen. Wer
seine Leistungsträger einbindet, profitiert
auf zweierlei Weise: Zum einen kennen die
Verantwortlichen ihre Bereiche und können
eigene Lösungsvorschläge erarbeiten. Zum
anderen verhindert die Geschäftsleitung so
einen „Brain-Drain“, also das Abwandern
qualifizierter Mitarbeiter, das sich in Krisenzeiten
besonders negativ auswirkt.
Wenn diese Punkte
nicht geholfen haben:

4. Insolvenz anmelden

Ein bedeutender Schritt, der für ein Unternehmen
sowohl die Rettung als auch
das endgültige Aus bedeuten kann. Deshalb
ist es wichtig, den Insolvenzantrag gut
vorzubereiten. Wer vor dem gerichtlichen
Verfahren gute Arbeit leistet, wird später
belohnt – indem er einen größeren Einfluss
auf wichtige Entscheidungen nehmen
kann. Trotzdem ist Eile geboten, denn wenn
ein Insolvenzgrund wie Zahlungsunfähigkeit
oder Überschuldung vorliegt, muss der
Antrag innerhalb von drei Wochen beim zuständigen
Amtsgericht eingereicht werden.

5. Insolvenzverfahren

Wenn der Schuldner selbst den Insolvenzantrag
stellt, kann er eine Planinsolvenz
in Eigenverwaltung beantragen. Dabei hat
die Geschäftsleitung weiterhin das Sagen
und repräsentiert das Unternehmen auch
nach außen. Alle Vorgänge werden gerichtlich
überwacht und von einem Sachwalter
beaufsichtigt. Auch ein Insolvenzplan bietet
viele Vorteile und macht das Verfahren
schneller und flexibler. So können etwa Vereinbarungen
über die Befriedigung der
Gläubiger getroffen werden, die von den
strengeren Vorschriften des Regelinsolvenzverfahrens
abweichen. Ein Planverfahren
lässt sich oft innerhalb weniger Monate abwickeln,
also deutlich schneller als eine
Regelinsolvenz. Außerdem kann der Unternehmer
Einfluss auf die Rahmenbedingungen
nehmen und ist oft in einer besseren
Verhandlungsposition. Die Gläubiger können
bei einem Insolvenzplan auf höhere Quoten
(teilweise zehnmal so hoch wie bei einer
Regelinsolvenz) und auf eine schnellere
Rückzahlung der offenen Beträge hoffen.

Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, mit offenen Karten zu spielen. Kleinere Unternehmen können sich häufig keinen Mitarbeiter leisten,
der eigens für die Unternehmenskommunikation zuständig ist. impulse hat die wichtigsten Krisentipps von PR-Profis zusammengestellt.

Die Belegschaft zuerst

Grundsätzlich gilt: Erst kommen die Mitarbeiter,
dann die Öffentlichkeit. Wenn die
Presse informiert wird, darf sie nicht mehr
wissen als die Beschäftigten. Umgekehrt
schon: „Es kann durchaus sein, dass die
Mitarbeiter
mehr Informationen haben als
die Öffentlichkeit“, sagt Ingo Schnaitmann,
Leiter der Öffentlichkeitsarbeit beim Maschinenbauer
Trumpf. Zweiter Grundsatz
aus seiner Sicht: Kontinuierlich informieren
und die Öffentlichkeit so am Wohl (und Wehe!)
des Unternehmens teilhaben lassen.
Das schafft Vertrauen und Bekanntheit.

Tacheles reden

Die Lage sollte nicht beschönigt, aber auch
nicht dramatisiert werden. Außerdem
sollten
Chefs nur Fakten kommunizieren.
Mutmaßungen, die sich am Ende vielleicht
als falsch herausstellen, können sich zu fatalen
Pannen entwickeln. „Wer zu werblich
an die Sache geht, läuft Gefahr, dass er
falsche
Hoffnungen weckt und Dinge
verspricht,
die er später nicht halten kann“,
sagt PR-Profi Thomas Schulz von RW
Konzept.
Und: „Keine Wasserstandsmeldungen
geben.“ Es ist zwar sinnvoll, die Mitarbeiter
kontinuierlich zu informieren, aber
nur, wenn es auch etwas zu sagen gibt.

Hiobsbotschaften
überbringt der Chef

„Optimal ist es, wenn in der Krise nur einer
spricht“, sagt Schulz. Deshalb sind einheitliche
Sprachregelungen so wichtig. Grundsätzlich
solle der Chef möglichst oft selbst
das Wort ergreifen, ergänzt Trumpf-Sprecher
Schnaitmann: „Am glaubwürdigsten ist ein
Familienunternehmen, wenn der Inhaber
oder die Geschäftsführung für dieses
spricht.“

Keine Angst vor
der Presse

Wer keine Medienerfahrung hat, sollte bei
der lokalen Presse anfangen. „Die halte ich
für entscheidend, denn sie ist an dem Ort,
an dem das Unternehmen seinen Sitz hat
und die Mitarbeiter zu Hause sind“, sagt
Schnaitmann. Zweiter wichtiger Ansprechpartner:
die Fachmedien. Die Angst, dass
Konkurrenten über die Presse zu viele interne
Details über das eigene Unternehmen
erfahren, ist unbegründet, findet Schnaitmann.
Wer auf Messen präsent sei, seine
Firma im elektronischen Bundesanzeiger
präsentiere und in der Branche mit Kollegen
über die Geschäftsentwicklung spreche,
könne sich und sein Unternehmen auch in
der weiteren Öffentlichkeit positionieren.

Die Öffentlichkeit
suchen und finden

„Das Internet ist heute unverzichtbar, das
muss ein absoluter Standard sein“, sagt
Peter
Poppe, Gesellschafter der Agentur
Hamburger Geschäftsberichte. Insbesondere
Firmen, über die ohnehin in Onlineforen
oder Blogs diskutiert wird, sollten selbst
auch im weltweiten
Netz präsent sein. Nie
sollten Firmenchefs allerdings selbst versuchen,
ihr Image in Diskussionsbeiträgen aufzupolieren
oder Dinge im Sinne des Unternehmens
„richtigzustellen“. So etwas fliegt
meist auf. Weitere Kommunikationswege:
Pressemitteilungen, Einzelgespräche mit
Journalisten oder Pressekonferenzen.

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