Diverses Ostdeutschland: „Es wächst tatsächlich ein Mittelstand heran“

Der Ökonom Karl-Heinz Paqué über ostdeutsche Patriarchen, einen amerikanisierten Arbeitsmarkt und die Gründe, warum wir einiges an Wachstum aus den neuen Ländern erwarten können.

Herr Paqué, lange wurde beklagt, Ostdeutschland sei die Werkbank des Westens. Ist es nicht besser, von einer „Werkstatt Ost“ zu reden?

Das ist ein guter Begriff. Die deutsche Einheit ist tatsächlich ein spannendes Experimentierfeld. Vieles wird möglich, was vorher undenkbar war.

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Was ist anders im Osten?

Vor allem die Flexibilität, das ist der zentrale Punkt. Notfalls am Wochenende zu arbeiten, ist kein Thema. Man sucht und findet betriebliche Lösungen, keine zentral gesteuerten. Das liegt natürlich auch an der hohen Arbeitslosigkeit. Sobald Vollbeschäftigung herrscht, könnte sich das ändern. Aber da sind wir noch lange nicht. Noch wird in der Industrie zum Beispiel in Ostdeutschland zehn Prozent länger gearbeitet als im Westen. Überhaupt: Arbeit haben, das ist in der ostdeutschen Gesellschaft extrem wichtig, noch viel mehr als im Westen.

Und die Gewerkschaften spielen da mit?

Die Gewerkschaften sind im Osten schwach, ebenso die Arbeitgeberverbände.
Es gibt, auch wenn man nicht so gerne darüber spricht, eine Amerikanisierung des Arbeitsmarkts.

Aber anders als in den USA oder Westdeutschland gibt es kaum große Unternehmen.

Ja, das ist ein gewaltiger Unterschied: Die Größe der Unternehmen unterscheidet sich deutlich vom Westen. Die Wirtschaft ist im Osten sehr kleinteilig, sogar im Mittelstand überwiegen kleinere Unternehmen.

Wie stark trifft die aktuelle Wirtschaftskrise den Osten?

Wenn es wirklich zu einem massiven Einbruch käme, so wie jetzt in den westdeutschen Industriezentren, dann hätte das noch viel fatalere Auswirkungen als dort. Aber es kommt nicht dazu. Denn die Krise trifft vor allem diejenigen, die besonders stark exportieren. Mittelfristig wird die Krise aber sehr wohl Auswirkungen haben – wenn die Unternehmen ihre Investitionen im Osten zurückfahren, weil sie im Westen noch Kapazitäten brachliegen haben. Bei einem Aufschwung wird es im Osten eine schwächere Erholung geben.

20 Jahre nach dem Mauerfall klagen Unternehmer, die Banken hätten nach der Wende zu restriktiv Kredite vergeben. Stimmt das?

Es gehört fast zum guten Ton, über die Banken zu klagen. Die Banken waren nach der Wende vorsichtig. Und natürlich war die Eigenkapitalbasis der ostdeutschen Unternehmen damals sehr dünn, aber das gilt für alle jungen Unternehmen. Volkswirtschaftlich gab es keinen dramatischen Engpass: Es gab viele Fördergelder. Die Unternehmen, die ein gutes Konzept hatten, kamen auch durch.

Größere Vermögen konnten die Unternehmer dennoch nicht aufbauen.

Das ist der Flurschaden des Sozialismus: Die Vermögen sind zerstört worden. Die Unternehmen brauchen ein oder zwei Generationen, bis sie wieder eine gute Grundlage haben. Ob das aber wirklich das Wachstum behindert hat, da bin ich nicht sicher. Solange die Unternehmen im operativen Geschäft profitabel sind und die Banken das auch erkennen, werden Projekte nicht scheitern.

Warum also tat sich die ostdeutsche Wirtschaft anfangs so schwer?

Der tiefere Engpass liegt eher in der Produktpalette. Die Innovationskraft war zerstört, weil die ostdeutschen Unternehmen keine Markterfahrung hatten. Die Ingenieursleistungen in der DDR waren nicht marktorientiert. Die meisten Industrieprodukte – von Autos über Maschinen bis zu Erzeugnissen der Chemie – waren im Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig.

20 Jahre später hat sich das gewandelt?

Ja. Wer die schwierige Zeit überstanden hat, also die dramatischen Jahre 1997 bis 2004, als der Bauboom zu Ende ging, ist auch jetzt noch gut aufgestellt. Es gab damals eine zweite harte wettbewerbliche Auslese. Nur wer seinen Laden in Ordnung hatte, konnte überleben. Dass es aufwärts geht, sieht man seit Jahren auch an der steigenden Exportquote.

Aber die Wettbewerbsfähigkeit wird erkauft durch ein niedrigeres Lohnniveau.

30 Prozent Lohnunterschied zwischen West und Ost – das hätten wir vor 20 Jahren nie erwartet. Das ist eine Menge, auch wenn die Differenz wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten im Osten real kleiner ist und vielleicht bei etwa 20 Prozent liegt. Andererseits sind auch die Aufstiegschancen im Westen im Allgemeinen größer. Vielleicht ist all dies der Preis der Heimatverbundenheit. Den nimmt ein Arbeitnehmer in Kauf, wenn er im Osten bleiben und nicht nach Düsseldorf oder Hamburg gehen will.

Wie beschreiben Sie die neue Unternehmergeneration in Ostdeutschland?

Ich würde von „robusten Unternehmern“ sprechen. Das sind Selfmademen, die ihren eigenen Weg gehen, oft auch mit einer Portion beharrlichen Eigensinn, nach dem Motto: Ich mache mein eigenes Ding. In den Betrieben geht es patriarchalischer zu als im Westen. Es sind Unternehmer, die auch dahingehen, wo es ganz schlecht aussieht, und einfach anfangen. Politisch sind sie meist ungebunden, pragmatisch, vage liberal, für Verbände und Großorganisationen haben sie nicht viel übrig. So entsteht eine Wirtschaft, die effizient arbeitet und durchaus krisenfest ist. Von ihr kann man durchaus einiges an Wachstum erwarten. Bei ihr liegt auch die Chance, Innovationskraft zurückzugewinnen. Übrigens taucht dieser Typus von Menschen auch zunehmend in der Politik auf.

Die aber auch im Osten keinen großen Zulauf hat.

Der Soziologe Helmut Schelsky hat in den 50er-Jahren das Buch „Die skeptische Generation“ geschrieben. So ist es auch hier: Nach Zeiten totalitärer Regime wächst eine Generation heran, die keinem traut, auch nicht den politischen Parteien. Es gibt ein großes Misstrauen gegenüber Ideologie. Und es entsteht ein großer Pragmatismus, der aber sehr nützlich im wirtschaftlichen Überlebenskampf der Globalisierung sein kann.

Wie autonom entwickelt sich Ostdeutschland?

Es wächst tatsächlich langsam ein Mittelstand heran, ebenso eine bürgerliche Gesellschaft. Die Wirtschaft ist robust und wird nicht mehr subventioniert als andere Regionen im Westen, aber es wird auch in Zukunft noch hohe Transferzahlungen geben. Das liegt aber vor allem an den Renten und Sozialsystemen, nicht an den Unternehmen und ihren Mitarbeitern.

Der Ökonom Karl-Heinz Paqué ist Professor für Internationale Wirtschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Von 2002 bis 2006 war er Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt. Er ist Autor des Buchs „Die Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der Deutschen Einheit“, das gerade im Hanser-Verlag erschienen ist.

Das Interview führte Nikolaus Förster

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