Diverses Polit-Engagement: Ab jetzt ohne uns!

Unternehmer in der Politik - das wird zum Auslaufmodell in Deutschland. Es ist ein Rückzug auf breiter Front: Immer weniger Firmenchefs übernehmen politische Ämter in Stadt, Land und Bund. impulse besuchte vier Aussteiger. Ihre Gründe sind ganz unterschiedlich.

Brigitte Kölsch, 63, Unternehmensberaterin, ehemalige
CDU-Landtagsabgeordnete:

Stadtverordnete, Kreistagsmitglied, Sozialausschussvorsitzende und seit Mitte der neunziger im hessischen Landtag: Brigitte Kölsch repräsentiert 30 Jahre geballte politische Erfahrung auf zahlreichen Ebenen – und das neben ihrer geschäftsführenden Tätigkeit zusammen mit ihrem Mann für die Roland Kölsch GmbH. „Wenn mein Mann und ich unsere Firma nicht zusammen aufgebaut hätten, und somit der Partner einen erheblichen Teil meiner Aufgaben mitübernehmen konnte, wäre das Mandat nie möglich gewesen“, blickt sie heute zurück. Dabei hat die Politik enorm von ihrem Wissen profitiert, ihre Stimme wurde in wirtschaftlichen Fragen gerne gehört. Dennoch kann sie verstehen, warum so wenig Unternehmerkollegen den Schritt in die Parlamente wagen. „Es ist nicht nur eine zeitliche Frage. Die Diskussionen in den Parlamenten sind für Unternehmer ungewohnt, die Entscheidungsfreudigkeit wird gebremst“, erklärt sie. Dennoch sieht sie, dass die Politik generell großen Wert darauf legt, die Belange der Wirtschaft mit einzubeziehen. Allerdings könnte dies professioneller und institutionalisierter ablaufen. Für ihre Fraktion stellt sich diese Frage jetzt umso mehr, denn auf den Sachverstand von Kölsch können die Kollegen in der täglichen Arbeit fortan nicht mehr zählen: Für die letzte Wahl trat sie nicht mehr an. Nach so vielen Jahren Doppelbelastung möchte sie jetzt mehr Zeit für private Dinge aufwenden.

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Hermann Eppers, 42, Logistik-Unternehmer aus Salzgitter und aussteigender
CDU-Politiker:

Im Herbst heißt es Abschiednehmen. Nicht nur der Sommer, auch die politische Karriere von Hermann Eppers geht dann zu Ende. Für den neuen Niedersächsischen Landtag trat der 42-jährige Unternehmer schon gar nicht mehr an, im Oktober gibt er dann auch sein Bürgermeisteramt in Salzgitter auf. Der Grund hat sechs Achsen: Er übernimmt den das Logistik-Unternehmen seiner Eltern. „Ich muss mich auf eine Sache konzentrieren – Politik und Wirtschaft, das lässt sich heute schwer kombinieren“, sagt der ehemalige CDU-Abgeordnete Eppers. Aber er sei nicht frustriert von seiner politischen Arbeit. Im Gegenteil: „Für mein Unternehmerleben konnte ich vieles von der Politik lernen.“ Gute Netzwerke und die Fähigkeit zu Kompromissen würden auch in der Wirtschaft helfen: „Die Ich-mach-das-ich-bin-Chef!-Mentalität
ist veraltet.“ Den Politikbetrieb verstand er auch als wertvolle Fortbildung für Teamwork und Netzwerkarbeit.

Frank Williges, 45, CDU, Handwerksunternehmer, bis Anfang 2009 Abgeordneter im hessischen Landtag:

„Man wird nicht als Quereinsteiger zum Politiker.“ Von diesem Satz ist Frank Williges überzeugt und kann ihn eindrucksvoll mit seiner Biografie belegen, die mit Posten als CDU-Kreisvorsitzender und diversen kommunalpolitischen Ämtern gespickt ist und ihn letztlich in den Hessischen Landtag brachte. Dabei führt der 45-Jährige schon seit Jahrzehnten den Handwerksbetrieb, den er einst von seinem Vater übernommen hat. „Es ist schwer, Politik und Beruf zu vereinbaren“, bestätigt er aus eigener Erfahrung und weiß, warum so wenige Unternehmer diesen Weg einschlagen, „ein Mandat ist eine Vollzeitbeschäftigung und das sollte ja auch so sein. Man vernachlässigt also zwangsläufig seine Firma.“ Alleine die Pendelei zwischen seinem Wohnort und der Landeshauptstadt hat mit 200 Kilometern enorm viel Zeit gefressen. Und doch hat Williges für fünf Jahre sein Hobby zum Beruf gemacht, möchte unbedingt wieder in die Politik zurückkehren. Alleine das Wahlergebnis hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn er weiß, dass sein Fachwissen und seine Erfahrung im Parlament gefragt sind: „Ich habe noch auf der Zementtüte neben dem Malerkollegen gesessen und mir dessen Probleme angehört.“

Roland von Hunnius, 63, Marketingberater, ehemaliger FDP-Landespolitiker:

„Im Parlament sind Unternehmer leider noch immer ‚Exoten’“, resümiert Roland von Hunnius nach zwölf Jahren Landtagserfahrung in Wiesbaden. Das wirtschaftliche Fachwissen würde zwar geschätzt, aber auch etwas misstrauisch beäugt. Dennoch hat er jahrelang seinen Sachverstand als Marketingberater in die Landespolitik eingebracht und versucht, das Denken und Handeln in wirtschaftlichen Kategorien zu forcieren – seiner Meinung nach ‚terra incognita‘ für die Schar von Abgeordneten aus dem Beamtenleben im Parlament. Obwohl er die Ochsentour im Vorfeld auf Partei- und Kommunalebene durchlaufen hat, war sein Ziel nie, Politik als Beruf zu betreiben. „Nach 12 Jahren im Landtag nimmt die Routine überhand und leidet die Kreativität. Das Parlament aber lebt vom Wechsel. Der kann aber nur klappen, wenn die Parlamentarier ihn selbst praktizieren. Dazu will ich einen Beitrag leisten“, begründet er sein Ausscheiden. Das Unternehmer sich aber temporär in der Politik engagieren sollten, etwa in den Vorfeldorganisationen wie dem „Liberalen Mittelstand“, hält er hingegen für unverzichtbar.

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