Diverses Post expandiert mit Billigtochter

Die Deutschen schreiben immer weniger Briefe und zum Juli entfällt auch noch das Umsatzsteuerprivileg. Mit der Tochter First Mail startet die Post daher einen Vorstoß auf Ballungsräume. Und sucht dafür noch Personal.

In den Regionen Berlin, Halle-Leipzig, Ludwigshafen-Karlsruhe, Lübeck-Schwerin und Gießen sucht First Mail zahlreiche Auszubildende. Das geht aus einer Mitteilung der Post von Anfang Juni hervor, die bisher weitgehend unbeachtet blieb. Bekannt war nur, dass First Mail die Zahl der Lehrlinge massiv steigern will – von heute 15 auf fast 1000.

Die bundesweite Anwerbung von Auszubildenden wird von Post-Kennern als Vorzeichen für eine Ausweitung des Zustellgebiets von First Mail gewertet. Wenn Ende 2011 bei der Post ein Tarifvertrag ausläuft, der die Auslagerung von Zustellbezirken an fremde oder eigene Firmen verbietet, stehen bei First Mail in den genannten Regionen Briefträger mit geringeren Lohnkosten als im Mutterkonzern bereit. „Die Ausdehnung von First Mail wäre eine natürliche Entwicklung“, sagte Branchenexperte Horst Manner-Romberg.

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„Ein auf das Ruhrgebiet begrenztes Billigangebot ist dauerhaft nicht sinnvoll.“ Ein Konzernsprecher verwies darauf, dass es keinen Beschluss gebe, das Zustellgebiet von First Mail auszuweiten. Klar sei aber, dass nicht alle Azubis, die nun anheuern, nach der Ausbildung von der Post-Tochter in der Region Rhein-Ruhr beschäftigt werden könnten.

Die Briefsparte der Post steht unter hohem Kostendruck. Zum 1. Juli entzieht der Bund dem Konzern sein Umsatzsteuerprivileg, was ihn jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag kosten wird. Hinzu kommen stetig sinkende Briefmengen. Zugleich ist das Lohnniveau der 80.000 Post-Zusteller mit fast 14E pro Stunde deutlich höher als bei kleinen Konkurrenten, die teils nur 6 Euro bezahlen. First Mail zahlt 9,80 Euro und verringert damit die Lohndifferenz zu den Wettbewerbern.

Auf den Margendruck reagiert die Post mit einem Sparpaket, das den operativen Gewinn der Briefsparte bei 1 Milliarden Euro stabilisieren soll. Die Aufstockung der Ausbildungsplätze bei First Mail ist ein Teil davon. Fiele Ende 2011 das Verbot der Fremdzustellung – wie die Post-Spitze dies bei der Pakettochter DHL teils schon durchgesetzt hat – könnte First Mail zum Vehikel für die generelle Absenkung des Lohnniveaus im Briefnetz der Post werden.

Per-Ola Hellgren, Analyst bei der LBBW, sieht in der Ausbildungsoffensive daher einen taktischen Nutzen für die Post: „1000 ausgebildete Zusteller bei First Mail sind ein mächtiges Drohinstrument in der nächsten Tarifrunde.“ Andrea Kocsis, Vizechefin der Gewerkschaft Verdi, will den Druck auf die Post-Zusteller parieren. Schon 2009 hatte sie einen Angriff von Konzernchef Frank Appel auf die Löhne abgewehrt. Auch die nun drohende Ausdehnung von First Mail über das aktuelle Geschäftsgebiet hinaus sei „nicht ausgemacht“, sagte Kocsis. Dass die Post dauerhaft sogar zwei Briefnetze betreiben könnte, hält sie für ausgeschlossen: „Zwei Netze sind teurer als eines.“

Briefvorstand Jürgen Gerdes bezeichnete es kürzlich allerdings als gängige Strategie großer Konzerne, sich eine Zweitmarke zu halten. Erklärtes Ziel sei, mit First Mail Aufträge von Behörden zu erhalten, die sonst an günstigere Wettbewerber gehen. „Wenn First Mail in einigen Jahren das Gros der Zustellung besorgen und die Post sich auf hochpreisige Leistungen zurückziehen würde, hätte das Sinn“, sagte Branchenexperte Manner-Romberg.

First Mail hat zurzeit 700 Mitarbeiter. Ende des Jahres wird die Firma zudem 300 Azubis haben, 2011 kommen weitere 690 hinzu. First Mail wird dann ebenso viele Lehrlinge beschäftigen wie die Briefsparte des Mutterkonzerns. Die praktische Ausbildung des First-Mail-Nachwuchses findet bei der Post statt.

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