Diverses Produktion aus einer Hand

Es schien clever: Mach nur dein Ding, lass für den Rest andere schwitzen. In China oder wo Zulieferer halt billig sind. Doch in der Krise funktioniert das nicht: Firmen kriegen nicht mehr, was sie brauchen. Selbst Teddys werden wieder in Deutschland produziert.

Seit Wochen wartet Bernhard Rohloff.
Er wartet auf sein Öl, dringend.
Eine Tonne Schmierstoffe pro
Monat, mehr braucht er ja gar nicht für
seine Fahrradgetriebeproduktion. Aber
seine Quelle versiegt: „Was noch da ist,
wird rationiert.“ Kurzarbeit hat der Lieferant,
wegen der Krise. Ausgerechnet:
ein Fahrradausstatter als Opfer der maroden
Autoindustrie. Rohloff kriegt sich
gar nicht wieder ein: „Wir stehen da und
können nicht liefern. Und unsere Kunden
packen sich an den Kopf. Wegen Ölknappheit!
Das ist doch Wahnsinn!“

Dieser Wahnsinn hat Methode. Denn
die Rohloff AG, die der Techniker 1986
mit seiner Frau Barbara gründete,
braucht nicht nur Öl für ihre weltberühmten
Fahrradgetriebe. Sie hängt nahezu
vollständig von den Teilen ab, die
Lieferanten für sie
produzieren: Maschinenbauer
aus
dem Autoumfeld
zumeist. Rohloff
ist ein reiner Montagebetrieb,
angewiesen
auf Zahnräder,
Ritzel und
Achsen, deren Herstellung sich für die
Firma niemals rechnen würde. Damit
hängt das Unternehmen seit diesem
Frühjahr in einer unerfreulichen Zwangslage:
„Wir müssen weniger arbeiten als
eigentlich geplant. Und das, obwohl wir
überhaupt kein Absatzproblem haben.
Und unsere Lieferanten eigentlich auf jeden
Umsatz angewiesen sind.“

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Ende eines Königswegs

Eines ist klar: Wer bislang nicht recht
glaubte, dass sich die Krise langsam, aber
sicher durch die gesamte Wirtschaft
frisst, ändert seine Meinung, wenn er auf
Menschen wie Bernhard Rohloff trifft.
Was dieser Mann erzählt in diesen Tagen
und was er mit vielen anderen Unternehmern
teilt, ist nicht das Lamento eines
Pessimisten. Sondern der realistische
Blick auf jene Schäden, die die schlechte
Lage in so vielen Firmen verursacht. Die
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars
Hemmelrath liefert die Zahlen für einen
bedrohlichen Befund: Nicht nur Umsatzeinbrüche
machen vielen Betrieben zu
schaffen. Auch der Ausfall der Lieferanten
bedroht Firmen.

Zwischen Dezember und Februar haben
die Steuer- und Bilanzexperten 2500
Händler, Dienstleister und Produktionsbetriebe
nach den konkreten Auswirkungen
der Finanzkrise auf ihre Geschäfte
befragt, kleinere Mittelständler zumeist.
Jedes vierte Unternehmen gab an, innerhalb
von nur drei Monaten lieferunfähig
zu sein, wenn die wichtigsten Zulieferer
umkippen. Im produzierenden Gewerbe
greifen die Arbeitsprozesse inzwischen
sogar derart stark ineinander, dass selbst
bei den krisensichersten Firmen die Lichter
nach spätestens einem halben Jahr
ausgehen müssten, wenn keine neuen
Teile mehr zu bekommen wären.

Reale Gefahr

Mazars Hemmelrath verkleidet seine
Umfrage noch in Hypothesen. Daten
der Kölner Einkaufsberatung Inverto, im
April unter 300 Einkäufern mittelständischer
Firmen erhoben, zeigen aber,
dass die Gefahr inzwischen höchst real
ist: 26 Prozent der Befragten sehen ihre
Versorgungslage durch Pleiten wichtiger
Zulieferer akut bedroht.

Matthias Richter, Hamburger Sozius
und zuständig für das Restrukturierungsgeschäft
bei Mazars Hemmelrath,
empfiehlt angesichts solcher Zahlen:
„Unternehmen sollten die Abhängigkeit
von Lieferanten kritischer Komponenten
reduzieren. Entweder, indem sie ihre
Lieferantenbasis erweitern. Oder durch
mehr Eigenproduktion.“ Nach vielen
Jahren des Outsourcings stehen für Richter
die Zeichen auf Insourcing. Was einige
wenige Firmen schon immer beherzigten,
erkennen nun auch andere
Unternehmen: Das Auslagern hat als kostensparender Königsweg endgültig
ausgedient.

Vom Schreibtisch des Beraters aus ist
so etwas allerdings leicht gesagt, findet
Radnabenentwickler Bernhard Rohloff
angesichts der dazu nötigen Investitionen.
Auch die „Erweiterung der Lieferantenbasis“
ist in der Praxis kein leichtes
Unterfangen: „Es dauert Jahre, bis wir
einen Fertigungsbetrieb so weit erzogen
haben, dass er genau in der Präzision liefert,
die wir brauchen“, sagt Rohloff, dessen
Schaltwerke in Radlerkreisen nicht
nur als verschleißfrei gelten, sondern als
weltweit beste ihrer Art.

„Wir müssen umso aufmerksamer sein“

Das Einzige, was Rohloff tun kann,
außer auf bessere Tage zu warten, hat er
denn auch getan: Messinstrumente gekauft,
um die Teile im eigenen Betrieb
prüfen zu können, damit schlechte Qualität
sofort ausgesiebt wird. „Wenn es Lieferanten
wirtschaftlich schlecht geht,
müssen wir umso aufmerksamer sein“,
erklärt er trocken.

Ortswechsel: Duisburg, Holteistraße
8, zehn Minuten vom Hauptbahnhof
entfernt, gleich hinter dem Fitnessstudio
Pilates-Zeit, rattern Webmaschinen. Seit
1901 fertigt die Manufaktur Schulte hier
den „Stoff, aus dem die Teddys sind“, wie
das Logo auf dem Lieferwagen vor dem
Fabrikeingang verrät. Wollfäden von
Angora-
Ziege und Alpaka werden nach
Scheren, Weben und Färben zum Fell für
Kuschel- und Sammlerbären. Das Schild
am Vordereingang ist provisorisch überklebt.
Seit 1. Januar heißt die Firma Steiff
Schulte.

Neue Geschäftsfelder gegen Auftragsrückgänge

Auch im Innern ist die Übernahme
durch den bekanntesten Kunden, den
weltberühmten Stofftierproduzenten aus
Giengen an der Brenz, kaum spürbar. Im
Schauraum der Firma sitzen neben Steiff-
Bären noch immer die Tiere des Konkurrenten
Sigikid. Bernhard Wanning, kaufmännischer
Leiter des Betriebs, verteilt
stolz Prospekte mit Kleidern von Prada
und Marc Jacobs,
die man in den
letzten Jahren der
Eigenständigkeit
als Kunden gewinnen
konnte.

Neue
Geschäftsfelder,
auch um den Rückgang
der Aufträge
von Steiff auszugleichen. Der deutsche
Teddy-Marktführer nämlich hatte 2004
entschieden, Teile der Produktion nach
China zu verlagern. Die Webpelze aus
dem Ruhrpott waren schlicht zu teuer für
den Einstieg ins internationale Billigbärenbusiness.
Vom Outsourcing versprach
sich das Unternehmen neuen Schub.

Mittlerweile ist man bei Steiff geläutert.
Der Ausflug nach Fernost hat das Unternehmen,
das sich damals vom siechenden
Sammler- in den Massenmarkt bewegen
wollte, nur Geld und Nerven gekostet.
Die Lieferwege waren viel zu lang.
Die von Chinesen in großer Zahl produzierte
Ware reichte nie an die Qualität gewebter
Stoffe aus der deutschen Manufaktur
heran. Der Ruf der Marke litt. Der
Plüschteddy Fynn, bisher weitgehend in
China produziert, kann sich freuen: Er
wird zwar teurer werden, bekommt dafür
aber einen neuen, flusenfreien Webpelz
von Steiff Schulte verpasst.

Steiff ging wegen des Lohns nach China.
Eine Näherin dort verdient am Tag so viel wie eine deutsche Näherin pro Stunde.
Im Gegenzug stiegen die Transportkosten.
Die Marge schrumpfte mit jeder
Ölpreiserhöhung. Und ständig musste
Steiff Mitarbeiter schicken, um Näherinnen
anzulernen: „Acht Monate braucht
man, bis jeder Handgriff sitzt“, sagt Martin
Frechen, der sich mit Wilfried Blömeke-
Trox die Steiff-Geschäftsführung
teilt. Dumm nur, dass zum chinesischen
Neujahrsfest immer die halbe Belegschaft
kündigte. In vier Jahren lernten so
300 Steiff-Beschäftigte auf Firmenkosten
den Fernen Osten kennen. Als auch noch
die Löhne in China um ein Fünftel pro
Jahr stiegen, war klar: Globalisiertes
Bären-
Business rechnet sich nicht.

Auf das Outsourcing-Debakel folgt die Insourcing-Welle

Auf das Outsourcing-Debakel folgt bei
Steiff nun die Insourcing-Welle. Was immer
man selbst machen kann, will man
nun im Haus kontrollieren: „Vollstufigkeit“
heißt die neue Firmenphilosophie.
Und so streifen die Steiff-Geschäftsführer
heute nicht mehr als gute Kunden
durch die verwinkelte Duisburger Werkshalle,
sondern als Chefs. „Der Eigentümerwechsel
hat die Beziehung nicht belastet“,
sagt Frechen. „Im Gegenteil: Wir
können noch mehr miteinander ausprobieren.
Und wissen direkt, ob ein neues
Stoffexperiment gelingt.“ Zum Beispiel
der Acrylplüsch für Fynn, der gerade
durch seine Hände gleitet, ein bisschen
steif noch für ein Kuscheltier, aber bald
werde man den Bogen raushaben.

So wird der Teddy-Hersteller unabhängig
von dem, was andere Stoffproduzenten
liefern, von denen es zudem immer
weniger gibt. „Wenn man letztlich
keine Wahl mehr hat, sondern nur noch
einen Anbieter, bei dem man einkaufen
kann, wird jede Geschäftsbeziehung
schwierig“, so Blömeke-Trox. „Und bei
unseren Qualitätsansprüchen war der
Markt zuletzt monopolistisch. Die Übernahme
haben wir also auch aus Risikoerwägungen
eingeleitet.“

Verhindern, dass jemand den Einkaufspreis diktiert

Heißt konkret: Man will verhindern, dass einem irgendwann
jemand Einkaufspreise oder Qualität
diktiert. Dass man die Verhandlungen
mit Schulte bereits 2007 begann, weit vor der Krise, ist für Frechen und
Blömeke-Trox ein Glück. Schließlich sehen
auch die beiden, dass die Weberei in
diesen Tagen nur mit halber Kraft fährt.
„Wir haben die Gespräche damals noch
ohne den Druck der Rezession geführt“,
sagt Blömeke-Trox. Er denkt einen Moment
nach: Was hätte eine wirtschaftliche
Zwangslage beim wichtigsten Zulieferer
für den übernahmewilligen Hauptkunden
wohl bedeutet? „Die Risiken
wären doch weitaus größer gewesen.“

Eine andere Gegend, ein anderes Geschäft.
Aber ganz ähnliche Krisensymptome:
Stahlhändler Axel Bucher sitzt im
Kern des Daimler-Lands, in Rottweil am
Westrand des Heubergs, der Blechhochburg
der Republik. Ein Blick in seinen Betrieb
gleicht einem Blick ins Herz der
deutschen Autoindustrie. Es sieht trostlos
aus am Rand der Schwäbischen Alb.
Seit Januar hat Bucher kaum noch Aufträge,
fährt mittlerweile Kurzarbeit, ein
großer Teil der 115 Mitarbeiter muss immer
wieder tageweise zu Hause bleiben:
„Rund um Pfingsten hatten drei meiner
zehn Hauptkunden drei Wochen dichtgemacht“,
erzählt der Unternehmer. „Wir
stehen satt im Fegefeuer.“

Aber das sei nicht einmal das Schlimmste.
Die wahren Probleme türmen sich
nämlich gerade erst auf, und zwar auf der
Einkaufsseite der Lieferkette. „Die Hälfte
der Hochöfen in Europa steht still. Es
dauert ein Dreiviertel- bis ein Jahr, bis die
wieder anlaufen.“ Die Konsequenzen:
Derzeit verarbeitet die Stahlindustrie
weitgehend Lagerbestände. Auf neue Ware
warten Firmen wie Bucher bereits vier
bis sechs Wochen länger als sonst, manche
Qualitäten sind komplett ausverkauft.
Geliefert wird dann im Zweifelsfall
nur noch ein Teil der Bestellung, streng
nach Dringlichkeit.

Run auf den Stahl

Was passiert, wenn die Lager erst mal
ganz geleert sind und die Nachfrage wieder
anzieht, mag Bucher sich nur ungern
ausmalen: Dann geht der Run auf neuen
Stahl erst richtig los und treibt die Preise
in die Höhe, wie zuletzt im Sommer
2008, auf dem Gipfel der letzten Rohstoffblase.
Mit einem Unterschied: Damals
traf die Knappheit die Blechbetriebe
im Boom. Nun stehen viele vor der
Pleite. In einer Industrie, die wie die
Autoproduktion auf engste Takte und
Just-in-Time-Lieferungen eingerichtet
ist, wären die Folgen verheerend: „Die
fein getunten Lieferketten haben durch
den Crash schon jetzt immensen Schaden
genommen“, sagt Bucher.

Die wahre
Belastungsprobe für die Industrie
könnte jetzt im Herbst oder Winter folgen,
wenn nach der Flaute eine Strohfeuer-Konjunktur losbricht, wie der erfahrene
Stahlhändler es aus früheren Jahren
kennt. Dann geht es der Industrie wie einem
Getriebe mit angeschlagenen Zahnrädern.
Sobald die Maschine wieder auf
Volllast laufen muss, brechen die Zähne
ganz aus und der Rest zusammen: „Das
reißt“, fürchtet er. Wenn das passiert, hilft
nur ein langer Atem, sprich Eigenkapital,
um den Zusammenbruch zu überstehen.
So hofft auch Bucher, mit einem blauen
Auge davonzukommen. Für bessere Zeiten
hat er vorgebaut, so gut es geht. Er hat
kürzlich einen Nachbarbetrieb gekauft,
der bislang für ihn fertigte.

„Gemeinsam sind wir wetterfest“

Die Laun GmbH produziert Brennzuschnitte,
Spezialteile für den Werkzeugmaschinenbau,
die Bucher schon lange
vertreibt, in Ergänzung zum eigenen
Blankstahl. „Wir hatten das Gefühl, dass
sich die Betriebe ergänzen könnten“, sagt
Bucher. Denn für den reinen Händler wäre
das Überleben im Autozulieferermarkt
auf Dauer schwer. Der Zehn-Mann-Betrieb
Laun wiederum verließ sich auf die
Vertriebskraft von Händlern wie Bucher,
schöpfte seine Möglichkeiten nie aus. Die
Fusion entlang der Lieferkette erschien
plötzlich folgerichtig. Als Wolfgang Laun
einen Nachfolger suchte, griff Bucher zu.
Im Januar wurde die Übernahme abgeschlossen.
Heute ist Bucher überzeugt: „Gemeinsam sind wir wetterfest.“

Gelingt es Unternehmern nicht, rechtzeitig
einen neuen Modus der Zusammenarbeit
zu vereinbaren – sei es mit Übernahmen,
strengerer Qualitätssicherung oder
durch den Aufbau alternativer Lieferanten
–, steht zu befürchten, dass Risse in
Lieferketten bald noch härtere Schicksalsschläge
nach sich ziehen. Denn durch die
Republik läuft derzeit eine Insolvenzwelle:
Rund 35 000 Firmen werden nach
Schätzungen des größten deutschen Kreditversicherers
Euler Hermes in diesem
Jahr pleitegehen, das sind 20 Prozent
mehr als 2008. Kommendes Jahr dürften
die Insolvenzen auf 39 000 steigen.

Wer dann auf Teile wartet, die nicht
mehr kommen, aber womöglich bereits
bestellt und angezahlt sind, sitzt in der
Falle. Offene Geschäfte abzuwickeln,
wenn der Lieferant unter Zwangsverwaltung
steht, fällt juristischen Laien häufig
schwer. So laufen sich nun die Wirtschaftsanwälte
der Republik warm, um
zu retten, was zu retten ist.

Ansprüche gegenüber Lieferanten

Einer von ihnen ist Christian Thomas
Stempfle von der Kanzlei Nörr Stiefenhofer
Lutz in München. Wenn er dieser Tage
Vorträge über
„Lieferantenmanagement
in der Krise“
hält, klingt das
weitaus freundlicher,
als es gemeint
ist. „Wenn ein Lieferant
ausfällt,
heißt das: Ich bin
als Unternehmer früher oder später mit
einem Insolvenzverwalter im Gespräch.“
Dann ist die Zeit „kaufmännischer Lösungen“
vorbei: Finanzhilfen, Fusionen,
Insourcing – zu spät. „Der entscheidende
Faktor ist am Ende ein anderer“, sagt
Stempfle. „Es geht nur noch darum, dass
der Anspruch an den Lieferanten auch
der rechtlichen Prüfung durch den Verwalter
standhält.“ Stempfle referiert über
Sachmängelklauseln, Kündigungsregeln,
AGB-Recht und all die bösen Folgen unzulänglicher
Einkaufsbedingungen.

Bei allem Aufwand können betroffene
Unternehmer so bestenfalls noch offene
Rechnungen begleichen. Woher aber
künftig die Teile für den eigentlichen
Geschäftsbetrieb
kommen sollen, ist vor
Gericht nicht auszuhandeln. Unternehmern
wie Bernhard Rohloff bleibt daher
nur die Hoffnung, dass die Konjunktur
schneller anläuft als erwartet – aber
bitte auch nicht zu schnell. „Als die Autoindustrie
geboomt hat, haben wir als
B-Kunde auch keine Teile gekriegt.“

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