Diverses Qualifizieren statt regulieren

Prof. Dr. Ottmar Schneck, Lehrstuhl für Banking, Finance & Rating, European School of Business (ESB) an der Hochschule Reutlingen, Gründer der Prof. Dr. Schneck Rating GmbH

Prof. Dr. Ottmar Schneck, Lehrstuhl für Banking, Finance & Rating, European School of Business (ESB) an der Hochschule Reutlingen, Gründer der Prof. Dr. Schneck Rating GmbH

Durch die Finanzmarktkrise geraten auch die Ratingagenturen immer stärker in die Kritik. Das Phänomen, Schuldige zu suchen, ist in jeder Krise zu beobachten. Warum die professionellen Bewerter die falschen Schuldigen sind, erläutert Ottmar Schneck in seinem Gastbeitrag für impulse.

Dass auch Ratingagenturen Fehler begehen und Insolvenzen nicht hundertprozentig vorhersagen können, wird jeder verstehen, der auch nur annähernd mit der Prognose künftiger Zustände zu tun hat. Es gibt eben keine Gini-Koeffizienten von 100. Warum sollten Vorhersagen bei Ratingagenturen zutreffender sein als bei Wirtschaftsweisen, die noch vor einem Jahr rosige Wachstumsraten prognostizierten?

Seit der Tulpenkrise des 17. Jahrhunderts, bei der die Spekulationsblase am 7.2.1637 platzte, nachdem eine Tulpenzwiebeloption das Hundertfache eines Durchschnittsjahresgehaltes kostete, ist klar, dass menschliche Gier und Irrationalität nie verhindert werden können. Dies bedeutet auch, dass die nächste Finanzkrise bestimmt kommt – und weiterhin einem gut aufgestellten Unternehmen die Insolvenz droht, ohne dass das Ratingmodell als Frühwarnmodell funktioniert.

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Dass Ratingmodelle und eine professionelle Ratinganalyse von Menschen jetzt derart in der Kritik stehen, kann nur einer Irrationalität bis hin zur Hysterie in Krisenzeiten zugeschrieben werden. Des Weiteren kommen Krisen bestimmten politischen Strömungen auch immer gelegen. Dieses Mal sind die Marktkritiker wieder am Zug, die den ungezügelten, gemeint unbeaufsichtigten Marktmechanismus in der Finanzwelt aufheben wollen. Dass es eher Regeln geben sollte, die gierigen Anleger ihr Geld bei Unwissenheit eben nicht in spekulative Anlagen stecken sollten, ist ein anderer Ansatz. Es sind sicher nicht immer die Banken, die diese Anlagen an Unwissende verkauft haben. Jeder vernünftig Denkende wird bei Zeichnung eines Hedgefonds oder ABS-Papiers gewusst haben, welche Risiken er eingeht.

Dass nun einzelne regulierungswütige Politikgruppen eine noch stärkere Aufsicht über Ratingagenturen, aber auch Banken, Fonds – insbesondere Hedgefonds – fordern, ist zwar aus deren Weltsicht verständlich, hilft real aber wenig. Denn eine Kontrolle ist stets nur so effizient wie das know-how der Wächter. Wenn der neue EU-Vorschlag nun einen prozessoralen Ansatz wählt, also von den Ratingagenturen lediglich die Einhaltung von Mindestqualitätsstandards für den Ratingprozess fordert, so ist dies sicher unter einem ordoliberalem Betrachtungswinkel richtig. Und es ist besser als der institutionelle Ansatz der Bundesansalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFIN), die eine Mindestausstattung einer Ratingagentur mit finanziellen und personellen Ressocuren unterstellt.

Andere Länder, wie etwa die Schweiz in Form der Eidgenossenschaftlichen Bankenkommission (EBK), setzen auf einen methodenorientierten Ansatz. Sie bewerten und untersuchen detailiert das eingesetzte Ratingmodell unabhängig von den Ressourcen einer Agentur. Da die Ansätze der Aufsicht bereits auf kleinstem Raum in Europa uneinheitlich sind, kann nicht verwundern, dass sich langfristig nur große internationale Ratingagenturen durchsetzen können, die die Potenz zur Erfüllung differenzierter Ansprüche erfüllen können.

Der Wunsch von Politikern nach einer europäischen Ratingagentur bleibt daher ein Lippenbekenntnis, denn die existierenden kleinen Agenturen wie die vielen selbständigen Ratingadvisor erhöhen bereits jetzt die Funktion von Markttransparenz. Würde die Politik hier ein Berufsbild einfordern, dass ich an den Ausbildungsstandards von Steuerberatern oder Wirtschaftsprüfern anlehnt, wäre mehr gewonnen als durch eine neue europäische, von wem auch finanzierte, Ratingagentur. Wir brauchen keine neuen Institutionen, sondern anerkannte Funktionsträger. Der Bundesverband der Ratinganalysten und Ratingadvisor (BdRA) hat hier sicher bereits viel im Markt bewirkt und Standards gesetzt. Das ISO-Projekt zur Standardisierung von Ratingservices ist ebenfalls in dieser Richtung förderlich.

Würden nun die Irrationalität der Argumentation und die Profilierungssucht von Marktgegnern ausgeblendet, hätten wir mit dem Qualifizierungsanstz eine echte Alternative zur Aufsicht.

Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.

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