Diverses René Pollesch schmeißt sein Ego weg

Es gibt Leute, die erwarten im Theater einen weihevollen Klassikerabend: Mit edlem Zwirn, Pausenchampagner und exorbitantem Kulturgedöns. Wenn Sie zu dieser Gattung Mensch gehören – Vorsicht! Was ich Ihnen heute empfehle ist exakt das Gegenteil!

Was ich Ihnen heute empfehle ist exakt das Gegenteil! An der Freien Volksbühne in Berlin inszeniert der Bühnenberserker René Pollesch sein neues Stück „Schmeiß Dein Ego weg!“ Premiere ist am Donnerstag.

Ob Sie sich trotzdem in Ihr feinstes Ausgehoutfit schmeißen, das bleibt natürlich Ihnen überlassen. Sie können genauso gut im Strampelanzug oder als Indianer verkleidet kommen. Auffallen werden Sie unter dem Berlin-Mitte-Publikum, den Resten der Kreuzberger Stadt-Guerilla und Charlottenburger Alt-68ern samt ihren angegrauten aber noch immer vorlauten Kindern nicht. Falls Sie Schampus trinken wollen, sollten Sie eine eigene Flasche mitbringen – in dem ehrwürdigen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz werden in erster Linie volksnahe Bechergetränke wie Bier, Jägermeister und Grüner Veltliner ausgeschenkt. Die brauchen Sie auch – um die Text-Attacken des studierten Theaterwissenschaftlers Pollesch auszuhalten.

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Kostprobe? „Dieser Scheiß-Neokapitalismus hat sich während einer Razzia meiner Autonomie bemächtigt … Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors“. Klar – da steckt ganz viel Inhalt drin. Was es aber zu bedeuten hat, weiß auch nach stundenlanger Exegese keine Sau. Das jedoch ist egal: Sie werden sich – das prophezeie ich Ihnen – amüsieren wie Bolle: Vorausgesetzt, Sie gucken regelmäßig die Tagesschau – lesen aber in ihrer Tageszeitung nur die Überschriften und beackern beim Friseur die herumliegende Yellowpress flächendeckend. Das heißt, Sie schrecken mit Ihrer gesunden Halbbildung weder vor Karl Marx, Theodor W. Adorno, Michel Foucault, Gunter Sachs, Enrique Iglesias, Daniela Katzenberger, Schlamm-Catchen und dem Musikantenstadl zurück.

Pollesch geistert seit 15 Jahren durch die Theaterlandschaft und hat mit seinen Dramoletten von Flensburg bis Stuttgart fast alle Abonnenten verprellt – dafür aber ein völlig neues Publikum gewonnen: Die missratenen Kinder von Dieter Thomas Heck und MTV. Alle Personen des Pollesch’en Oeuvres leiden unter Sprechdurchfall und haben irgendwie spotlightartige Auftritte. Sie sabbeln ohne Unterlass und erzählen Dinge von deren Kombination wir bislang nie etwa wissen wollten – und von denen wir noch nicht einmal ahnten dass man sie formulieren sollte.

Um was es in Polleschs neuem Stück geht? Keine Ahnung. Wahrscheinlich um Sozialismus, Bankenkrise, Nietzsche, die heilige Familie, Sex, Drogen, Rock’n’Roll, Gott und die Welt.

Mein Tipp: Falls Sie Pollesch-Novize sind – nix wie hin. Er schreibt zwar jedes Mal das gleiche Stück unter einem anderen Titel – es wird aber jedes Mal besser! Schließen wollen wir natürlich mit einem Satz des Meisters: „Warum die ganze Aufregung. Es gibt doch Tabletten.“ René Pollesch, übernehmen Sie!“

Infos: www.volksbuehne-berlin.de

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