Diverses Richtig abschalten

Auch im Urlaub wollen - oder müssen? - die meisten Unternehmer immer erreichbar sein. impulse verrät, wie sie trotzdem Erholung finden.

Seit zwei Jahren hat Ingrid Hofmann einen treuen Urlaubsbegleiter – ihren Blackberry. Klein, schwarz, allzeit bereit und nach Gebrauch leicht wegzupacken. Mit ihrem mobilen Büro sendet und empfängt die Nürnberger Unternehmerin immer und überall E-Mails, telefoniert, verwaltet Termine und Adressen. „Wenn ich mit diesem Gerät jeden Tag eine Viertelstunde lang die Firmen-Mails abarbeite, stört das mein Ferienglück nicht im Geringsten“, erklärt die Inhaberin der Hofmann Personal Leasing.

Für viele Firmenchefs ist es völlig normal, mit Handy, Laptop oder anderem Hightech-Gerät am Strand zu liegen. So sind sie über die Geschäfte daheim jederzeit auf dem Laufenden – und können bei Bedarf auch eingreifen. Teilzeiturlaub sozusagen. Aber dann sind da auch noch die Chefs, die rund um die Uhr ihre Ruhe haben wollen – keine Anrufe, keine E-Mails, keine Termine. impulse hat Unternehmer befragt, wie sie sich in den Ferien organisieren.

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Dabei ist klar: Wer auf ständige Online-Präsenz setzt wie Ingrid Hofmann, erlebt einen Hauch von Stress, ist aber ansonsten auf der sicheren Seite – kein Auftrag geht wegen Nichterreichbarkeit verloren, Angst vor falschen Entscheidungen des Urlaubsvertreters ist unbegründet und die E-Mail-Flut, die normalerweise nach dem Urlaub über jeden hinwegschwappt, schrumpft zum Rinnsal.

Zeitmanagement-Experten haben gerade diese Spezies im Visier. In Unternehmer-Seminaren preisen sie Strategien zur so genannten Work-Life-Balance an. Ziel: Neben der Arbeit soll das Privatleben nicht zu kurz kommen. So predigen sie beispielsweise das radikale Ausklinken während des Urlaubs, um den Erholungswert zu sichern.

Graue Theorie? „Das Leben lässt sich immer weniger in Arbeit und Freizeit unterteilen, je mehr die Menschen Spaß an ihrer beruflichen Tätigkeit finden“, beobachtet Trendforscher Andreas Steinle, Leiter des renommierten Zukunftsinstituts. Freilich sollte der Urlaub im Urlaub dominieren. Damit sich Workaholics und andere Vollblutchefs jedoch nicht selbst austricksen, müssen sie Vorkehrungen treffen. „Jeder sollte vorher die Intensität seines Arbeitseinsatzes klären und organisieren“, rät Steinle.

Also: Art und Weise der Erreichbarkeit per Telefon mit konkreten Zeitfenstern festlegen, genau überlegen, welche technischen Kommunikationsmittel mit in den Urlaub gehen sollen, und präzise Instruktionen geben, wer welche Aufgaben des Chefs vertretungsweise übernimmt.

Notfallplan

Ingrid Hofmann hat mit dieser Art der Urlaubsvorbereitung beste Erfahrungen gemacht. Drei enge Mitarbeiter entscheiden nach einem festen Notfallplan, ob die Unternehmerin in ihrem Urlaubsdomizil benachrichtigt werden muss. So wie die Chefin von 230 Mitarbeitern können Inhaber mittelgroßer Unternehmen ihre Erreichbarkeit auf Notfälle beschränken, indem sie Aufgaben an Mitarbeiter delegieren.

Bei kleinen Unternehmen wie dem Ein- Mann-Betrieb von Carsten Martin Steffen ist das schlecht möglich. Der Bayer berät Firmen zu interaktiven Medien und organisiert Ski-Incentives-Reisen. Er selbst bevorzugt Badeferien auf Sardinien. „Als Dienstleister muss ich auch im Urlaub für meine Kunden immer erreichbar sein“, sagt Steffen. Jeden Morgen schaut er auf die Mail-Liste seines Blackberry. Und dann: „Wenn ich feststelle, dass es nirgendwo brennt, kann ich anschließend am Strand richtig abschalten.“ Doch nicht jeder mag sich mit den neuesten Hightech-Geräten anfreunden.

Hermann Simon, Chef der Bonner Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners: „Ich habe diese Geräte getestet und kann gut darauf verzichten!“ Er schwört auf die Filterfunktion seines Büros: „Die Angelegenheit muss wichtig und dringend sein. Wenn etwas nur dringend, aber nicht wichtig ist, kann es jemand anders erledigen. Wenn etwas wichtig, aber nicht dringend ist, hat es Zeit bis nach dem Urlaub“, erläutert Simon. Mit diesem Reglement ist der Berater bisher gut gefahren: „Nur wenige Angelegenheiten sind sowohl wichtig als auch dringend und erfordern eine Intervention im Urlaub.“

Alles delegiert

Selbst dagegen hat sich der Unternehmer Manfred Heilf aus Hamm geschützt. „Ich lasse meinen Mitarbeitern extrem viel Spielraum“, erklärt der Chef einer Eisenwaren- und einer Holzhandlung mit 45 Mitarbeitern. Heilf: „Ich habe alles delegiert – da kann ich wochenlang wegbleiben, ohne dass mich jemand vermisst.“ So verbrachte er gerade einen fünfwöchigen Urlaub in Südspanien – ohne Blackberry & Co.

Mit einer ähnlich einfachen Methode schafft es Matthias Dornbracht, sich täglich ins Firmennetz einzuloggen, ohne seine sechsköpfige Familie allein zu lassen. Den Iserlohner Armaturenhersteller treibt es in seinem mallorquinischen Urlaubsdomizil um Viertel vor sechs aus den Federn. „Wenn meine Familie noch schläft, hole ich mir über meinen Laptop alle wichtigen Unternehmensdaten, und keiner bekommt etwas mit“, schmunzelt der Sauerländer.

Total abschalten kann auch Hermann Bühlbecker nicht, obwohl er sich ohnehin nur Kurzurlaube gönnt. „Ich bleibe nie länger als zehn Tage fort“, versichert der Inhaber des Aachener Gebäckherstellers Lambertz. „Andernfalls müsste ich nachher so viel aufarbeiten, dass der Erholungswert gleich wieder verloren ginge.“ Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er regelmäßig zum Hörer greift, um zu erkunden, „was gerade Priorität hat“. Einen Trick praktiziert er mit Erfolg: „Ich verreise am liebsten über Weihnachten und Ostern, wenn die Geschäfte wegen der Feiertage überall ruhiger laufen.“

Ein richtiger Urlaubsmuffel ist Skateboard-Hersteller Titus Dittmann. Die diesjährigen Osterferien nutzte er zu einem ersten Urlaub seit vielen Jahren. Zusammen mit Ehefrau und Filius unternahm der Münsteraner einen einwöchigen Trip durch die Sahara. Bei Geschäftsreisen rund um den Globusist sein Mini-Laptop immer mit unterwegs. Und in der Sahara? „Da gehe ich ins Internetcafé“, antwortet Dittmann.

Das perfekte Urlaubsglück ist allerdings nur dem gewiss, der sich auch daheim entspannen kann: „Das kann jeder lernen und umsetzen, etwa indem er mit Freunden abends gemütlich zusammensitzt oder ein Konzert genießt“, erklärt die Brühler Anti-Stress-Expertin Sabine Schonert-Hirz. Und sie fügt hinzu: „Wer das im Alltag nicht schafft , kann es auch im Urlaub nicht.“

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