Diverses Schröders Scheitern

Schröders Scheitern

Die Regierungserklärung war des Kanzlers letzte Chance, das Ruder noch einmal herumzuwerfen. Und die größte europäische Volkswirtschaft heraus aus der Wirtschaftskrise zu führen. Allerdings: Wer immer noch darauf setzt, dass Schröder sie zu nutzen weiß, sollte bedenken: Bislang ist es ihm kein einziges Mal gelungen, an den Wendepunkten seiner politischen Laufbahn sein Schicksal aus eigener Kraft zu bestimmen.

Woher auch sollte diese Stärke kommen: So gekonnt er sich bei seinen Wahlerfolgen als Sieger präsentierte – in Wahrheit gründeten sie doch stets mehr auf dem Scheitern des Gegners. Das war in Hannover so, wo es etlicher Skandale seines Vorgängers Ernst Albrecht bedurfte, um Schröder wählbar zu machen. Das war in Bonn so, wo der späte Kohl schon seit Jahren auf Ablösung wartete.

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Gewählt zu werden aus Not an Alternativen ist an sich nicht schändlich – wenn man es versteht, solche Chancen zu nutzen. Schröder verstand es nicht. In sechs Jahren Regierungszeit in Hannover hatte er einen der teuersten Verwaltungsapparate der Republik angefüttert und gleichzeitig das Land fast in den Bankrott geführt.

Noch verheerender seine aktuelle Zwischenbilanz in Berlin: allen alles versprechen, Reformen, die ihre Ziele bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln, wie zuletzt bei der Riester-Rente und dem Hartz-Papier. Nur wenn er Reformwerk zurückzieht, wie jetzt bei den Mini-Jobs, den früheren 630-Mark-Kräften, atmet die Republik erleichtert auf.

Doch dann gibt es diese Tage, in denen die ganze Nation sich in Bedrängnis wähnt und nach einem Macher sucht, dem man sein Schicksal anvertrauen möchte. Wie bei der Jahrhundertflut im vergangenen Sommer. Und wie jetzt, wo die Deutschen bangen, in welcher Katastrophe die amerikanischen Kriegspläne im Irak enden könnten.

Zugegeben: Wie kaum ein anderer vermag es Schröder den Menschen im Land zu vermitteln, ihre Sorgen seien bei ihm gut aufgehoben. Doch Wege aus der Krise zeigt er ihnen nicht. Das macht ihn zu einem fast einzigartigen Kanzler. Adenauer gelang es, die verfehmten Deutschen nach verlorenem Krieg zurück in die Staatengemeinschaft zu führen. Erhard schaffte das Wirtschaftswunder. Der noch vitale Kohl rang den Weltmächten die Zustimmung zur Wiedervereinigung ab. Schröders historische Aufgabe – die Reform des Sozialstaats – scheint dagegen fast klein. Für ihn ist sie offenbar immer noch zu groß.

Die Deutschen haben dies längst erkannt. Von Allensbach gefragt, wer der bedeutendste Kanzler sei, landete Schröder auf dem vorletzten Platz, gerade noch Kiesinger hinter sich lassend. Das war im letzten August. Trotzdem wählten sie ihn wieder. Und dies ist das eigentlich Bestürzende: Offenbar gibt es keine Persönlichkeit in der deutschen Politik, die dem zweitunbedeutendsten Kanzler Paroli bieten könnte.

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