Diverses Serie EU-Erweiterung Teil 2: Polen – der Tiger vor der Haustür

Zehn Staaten treten am 1. Mai der Europäischen Union bei. Der zweite Teil der Capital-Serie zur Ost-Erweiterung analysiert das größte Beitrittsland: Polen. Die Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent, 2004 und 2005 sind sogar knapp 5 Prozent wahrscheinlich. Damit zählt Polen unter den neuen EU-Staaten zu den Tigern - in den oft hoch gelobten Musterländern Ungarn und Tschechien rechnen Experten für 2004 mit deutlich unter vier Prozent Wachstum.

Krzystof Olszewski setzt mit Vollgas auf Europa. „Die Öffnung nach Westen beschert uns gute Geschäfte“, sagt der Chef des Busherstellers Solaris aus Bolechow bei Posen. Allein nach Deutschland verkaufte der Mittelständler im vergangenen Jahr 57 Verkehrsbusse für umgerechnet elf Millionen Euro – gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg von 700 Prozent. „Nach dem EU-Beitritt wird der Verkauf in die Mitgliedsstaaten noch zusätzlichen Schwung bekommen“, erwartet Olszewski.

Und nicht nur er ist optimistisch: „Die Integration beschert Polen einen Wachstumsschub, weil sie Absatzmärkte eröffnet, Investoren anlockt und milliardenschwere Fördermittel bringt“, sagt Ryszard Petru, der für die Weltbank in Warschau die ökonomische Entwicklung in Mitteleuropa analysiert. Polen hat einen anhaltenden Boom aber auch dringend nötig, um die Wohlstandslücke zu verkleinern. Die Kaufkraft pro Kopf liegt nicht einmal halb so hoch wie in der alten EU; im Beitrittsgebiet ist sie nur in Estland, Lettland und Litauen noch niedriger. Deutschland ist mit einem Anteil von gut 30 Prozent wichtigstes Exportland; größter Auslandsinvestor ist Frankreich vor Holland. Ministerpräsident Leszek Miller ist knapp zweieinhalb Jahre im Amt. Seit Februar 2003 muss der Chef der sozialdemokratischen SLD mit einer Minderheit im Parlament regieren. Doch trotz der innenpolitischen Querelen bietet Polen für ausländische Investoren attraktive Investitionsmöglichkeiten. Lesen Sie auf Seite 2: Welche Regelungen im zukünftigen EU-Mitgliedsstaat Polen es bei Steuern und Abgaben, Investitionen und Arbeitskräften gibt.

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Steuern und Abgaben. Mit einer Abgabenquote von knapp 43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts langt der polnische Staat etwas weniger stark zu als der deutsche (45 Prozent). Kapitalgesellschaften zahlen lediglich 19 Prozent Steuern. Für Privatpersonen gilt bei der Einkommensteuer ein progressiver Tarif mit den Stufen 19 Prozent, 30 Prozent und 40 Prozent. Auf Zinsen, Kursgewinne und Dividenden zahlen die Polen 19 Prozent; Ausländer müssen nur 5 bis 15 Prozent Quellensteuer abführen. Die Mehrwertsteuer liegt mit 22 Prozent deutlich höher als bei uns. An Sozialabgaben zahlt der Beschäftigte 19 Prozent für Rente, Invalidität und Krankheit; der Arbeitgeber führt 23 Prozent an Sozialabgaben und Pflichtbeiträgen für Arbeiterfonds ab. Investitionen. Staatliche Zuschüsse für ausländische Investoren gibt es für Projekte von mindestens zehn Millionen Euro. Die Summe sinkt auf 500.000 Euro, wenn der Investor für die Dauer von fünf Jahren Arbeitsplätze sichert. Keine Untergrenze gibt es, wenn mehr als 20 Arbeitsplätze entstehen oder das Geld in die Bereiche Umweltschutz oder Hightech geht. Pro Arbeitsplatz fließen Zuschüsse von bis zu 4.000 Euro. Insgesamt sind die Hilfen auf 50 Prozent der Investitionssumme beschränkt. Mehrere Sonderwirtschaftszonen bieten zusätzliche Vergünstigungen. Ausländische Unternehmen können beispielsweise eine Verdreifachung der Abschreibung beantragen, wenn sie in Regionen mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit investieren. Arbeitskräfte. Im internationalen Vergleich bietet Polen günstige Lohnkosten: Der durchschnittliche Bruttoverdienst pro Monat liegt bei 450 Euro. Dafür arbeiten die Beschäftigten in der Regel 40 Stunden pro Woche. Je nach Auftragslage darf die Arbeitsbelastung schwanken – nur im Vier-Monats-Durchschnitt muss der Betrieb die Regelarbeitszeit einhalten. Berufseinsteiger haben 20 Tage Urlaub, der Anspruch steigt schrittweise auf 26 Tage nach zehn Jahren. Die Probezeit dauert maximal drei Monate, befristete Arbeitsverträge sind möglich. Die Kündigungsfrist schwankt zwischen zwei Wochen und drei Monaten.

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