Diverses Serie EU-Erweiterung Teil 4: Hightech-Boom im Baltikum

Zehn Staaten treten am 1. Mai der Europäischen Union bei. Der vierte Teil der Capital-Serie zur Ost-Erweiterung analysiert die drei baltischen Staaten, die von deutschen Unternehmen jetzt als besonders dynamische Region entdeckt werden: Estland, Lettland und Litauen. Sie glänzen mit niedrigen Steuern, hohen Wachstumsraten und einer für moderne Technologien aufgeschlossenen Bevölkerung.

Die wenigsten Esten kennen ihre Bank oder ihr Finanzamt von innen. Den Gang dorthin ersetzt der heimische PC. Mit seiner Hilfe überweisen sie die Miete und füllen ihre Steuererklärung aus. „Unser Land ist ein Laboratorium der Wissensgesellschaft“, sagt Helle Helena Puusepp, Leiterin der EU-Abteilung im Wirtschaftsministerium in Tallinn. Nach einer neuen Brüsseler Studie sind die Esten in der erweiterten EU am besten vernetzt – Letten wie Litauer stehen ihnen kaum nach.

Die Aufgeschlossenheit für Neues beschränkt sich nicht auf Hightech. Auch in der Wirtschaftspolitik sind die Balten Pioniere. Sie bauen die private Altersvorsorge stärker aus als Deutsche oder Franzosen – und sie sind Vorreiter eines einfachen Steuerrechts: Alle Bürger führen den gleichen Prozentsatz ihres Einkommens an den Fiskus ab, der verglichen mit Westeuropa traumhaft niedrig ist. Besonders die Wirtschaft jubelt über konkurrenzlos günstige Steuersätze.

Anzeige

Hochtechnologie. Der marktwirtschaftliche Kurs lockt vor allem Unternehmen aus Skandinavien an, die lohnintensive Produktionsteile oder sogar ganze Verwaltungen ansiedeln. Was für die deutsche Autoindustrie Tschechien, Slowakei oder Ungarn sind, ist für die Telekomkonzerne aus Finnland und Schweden das Baltikum: Hier sitzen die Zulieferer von Nokia und Ericsson. Um Tallinn herum entwickelt sich ein baltisches Silicon Valley, das auch Zentrum der Gentechnologie werden soll. Zu diesem Zweck stellt die Regierung den Firmen die Gendatenbank aller Einwohner Estlands zur Verfügung. Lesen Sie auf Seite 2: Welche Regelungen es in den zukünftigen EU-Mitgliedsstaaten Estland, Lettland und Litauen bei Steuern und Abgaben, Investitionen und Arbeitskräften gibt.

Eine Analyse der Unternehmensberatung Deloitte zeigt: Vom Steuerrecht der EU-Beitrittskandidaten könnte Bundesfinanzminister Hans Eichel einiges lernen.

  • Estland. Mit Deregulierung und niedrigen Steuern lockt die Regierung in Tallinn Investoren an: Reinvestierte Gewinne werden nicht besteuert. Für Privatpersonen gilt eine Flat-Tax von 24 Prozent – bis 2006 soll sie auf 20 Prozent sinken. Die Durchschnittslöhne liegen bei gut 400 Euro, steigen aber rapide. Arbeitgeber müssen die Beiträge für die Sozialkassen in Höhe von 33 Prozent alleine tragen. Lettland. Investoren freuen sich über steuerliche Anreize. Das Land verfügt über Sonderwirtschaftszonen und Freihäfen. Außerdem gilt eine Flat-Tax von 25 Prozent auf private Einkommen. Die Körperschaftsteuer beträgt nur noch 15 Prozent. Der Durchschnittslohn von 260 Euro ist der niedrigste aller Beitrittsländer. 24 Prozent zahlen Arbeitgeber in die Sozialkassen ein, neun Prozent die Arbeitnehmer. Litauen. Steuervorteile für kleine Firmen und eine Körperschaftsteuer von 15 Prozent zielen auf Investoren. Die Einkommensteuer liegt bei einer Flat-Rate von 33 Prozent, der Durchschnittslohn bei 265 Euro. Arbeitgeber entrichten 27 Prozent Sozialabgaben, hin-zu kommen drei Prozent für die Krankenkasse. Beschäftigte zahlen pauschal drei Prozent.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...