Diverses Serie EU-Erweiterung Teil 6: Balkan, Türkei und Ex-Sowjetstaaten

Am 1. Mai treten zehn neue Mitglieder der Europäischen Union bei - doch damit ist längst noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Am Ende des Beitrittsmarathons in vielleicht zwei Jahrzehnten könnte die Europäsche Union bis zu 37 Mitglieder zählen und ihre Südostgrenze an Iran, Irak und Syrien stoßen. Capital analysiert die Perspektiven von zwölf weiteren Staaten, die in die EU drängen.

Die deutschen Sozialdemokraten machen derzeit an der Basis unliebsame Erfahrungen. Auch im Europawahlkampf. „Auf den Veranstaltungen fragt mich fast jeder, warum wir unbedingt die Türkei in die EU aufnehmen wollen“, berichtet Klaus Hänsch, Ex-Präsident des Europaparlaments. Ein Mitarbeiter des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz ist richtig sauer: „Die Türkei ist uns doch aufs Auge gedrückt worden.“

Das Reizthema haben die Europaabgeordneten Bundeskanzler Gerhard Schröder zu verdanken. Ende Februar hatte er sich in Ankara für die Aufnahme des Landes in die EU stark gemacht und Premier Recep Tayyip Erdogan versichert, dass er dabei „immer auf die Unterstützung Deutschlands zählen kann“. Damit stellte Schröder wenige Wochen vor der Aufnahme von zehn Ländern in die EU im Prinzip die Weichen für eine neue gigantische Erweiterungsrunde. Am Ende des Beitrittsmarathons in vielleicht zwei Jahrzehnten könnte die Europäsche Union bis zu 37 Mitglieder zählen und ihre Südostgrenze an Iran, Irak und Syrien stoßen. Ihre Bevölkerung stiege auf 650 Millionen Einwohner, das Wohlstandsniveau aber sänke im Schnitt um ein Drittel. Den reichen Staaten im Westen stünden gut 20 arme Länder gegenüber, die in den EU-Organen Kommission, Rat und Parlament die Mehrheit hätten. „Die Gemeinschaft reicher Industriestaaten droht zum Armenhaus zu werden“, warnt Markus Ferber, CSU-Chef im Europaparlament. Für wohlhabende Länder wie die Schweiz oder Norwegen verlöre sie jede Attraktivität. Lesen Sie auf Seite 2: Wie das Gesicht der künftigen EU aussehen könnte.

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Schon in zehn Jahren dürfte die EU ein völlig anderes Gesicht haben. Der Beitritt Bulgariens und Rumäniens 2007 ist praktisch sicher, Kroatien hofft noch zu der Gruppe zu stoßen. Sieben Jahre später dürfte es nach den Planungen in Brüssel auch für die Türkei soweit sein. Die übrigen Balkanländer haben ebenfalls eine Einladung. Die EU könnte 2014 insgesamt 17 osteuropäische Mitglieder zählen. Die Türkei wäre vermutlich das Land mit dem größten politischen Gewicht, da seine Bevölkerung rasch wächst. Mit 80 Millionen Einwohnern hätte sie bis dahin das schrumpfende Deutschland überholt. Damit nicht genug. „Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei macht den Beitritt der Ukraine, Weißrusslands und Moldawiens unausweichlich“, prophezeit EU-Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein in seinem soeben erschienenen Buch “The Limits of Europe”. Schließlich sei die Ukraine europäischer als die Türkei, zudem liege ihr Territorium ganz auf dem alten Kontinent. Präsident Leonid Kutschma zeigt bereits Beitrittsambitionen. Und auch Georgiens neue Regierung sieht die Zukunft des Kaukasus-Landes in der EU. „Falls es der Gemeinschaft nicht gelingt, sich klare Grenzen zu geben, wird die europäische Integration scheitern“, warnt Bolkestein.

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