Diverses Sind Unternehmer, die ihre Firma an die Kinder vererben, unsozial?

Schlusspunkt-Autor der Ausgabe 10/2006 ist Nils Goldschmidt. Der 36-Jährige hat katholische Theologie und Volkswirtschaft studiert. Über den promovierten Forschungsreferenten am renommierten Walter Eucken Institut in Freiburg schrieb die "FAZ": "Goldschmidt ist ein Brückenbauer zwischen Theologie und Ökonomie."

Familienvermögen von Generation zu Generation weiterreichen, oft ungeschmälert durch Abgaben an die Gemeinschaft – für viele ist das eine schöne Gewohnheit. Kein Zweifel, erben ist angenehm. Es verschafft den Erben in vielen Fällen einen erklecklichen Wohlstand, ermöglicht manche Anschaffung und vielerlei Vergnügungen, die sonst – ohne den Geldsegen von Todes wegen – nicht möglich wären. Nicht selten also eine erfreuliche, seit Langem geübte Spielregel unseres Gemeinwesens.

Und dennoch gehört sie geändert. Denn erben ist zwar angenehm für den Nachkömmling, aber erben ist auch in hohem Maße unsozial. Denn es begünstigt den Erben in völlig fragwürdiger Weise. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „unverdientes Vermögen“ und in einer liberalen Markt- und Leistungsgesellschaft kaum zu begründen.

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Nun sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Weder ist eine radikale Änderung der Spielregeln von heute auf morgen anzustreben oder gar zu realisieren. Noch geht es darum, den Kernbereich des Rechts zu beseitigen, etwa den eigenen Kindern einen Nachlass zu übergeben. Aber das Postulat der sozialen Gerechtigkeit gleichwie die Spielregeln der Marktwirtschaft verlangen längerfristig Einschnitte in unser geltendes Recht. Wir brauchen bessere, fairere und klügere Erbschafts- und zugleich Schenkungsregelungen.

Alles Anforderungen, die von Vorschlägen erfüllt werden, die der große politische Philosoph John Stuart Mill schon im 19. Jahrhundert vorgelegt hat. Der von ihm formulierte Grundgedanke ist einfach: Das individuelle Recht des Erblassers, sein Vermögen an von ihm ausgewählte Personen zu vererben, ist unvereinbar mit dem Leistungsprinzip – der Erbe erhält Vermögenswerte ohne eigenes Zutun und ohne eigenes Verdienst. Andererseits soll niemandem der „letzte Wille“ verwehrt werden. Mill zeigte einen Weg auf, der Vererben ohne soziale Ungerechtigkeit ermöglicht. Einen Weg, der auch in unserer Gesellschaft konsensfähig sein könnte.

Mills Vorschlag verbindet zwei Prinzipien. Zum einen erhalten Eltern das Recht, ein gewisses Vermögen an ihre Kinder weiterzugeben. Dies ergibt sich aus der zu erbringenden Pflicht der Eltern, ihre Abkömm­linge zu „wertvollen Mitgliedern dieser Gesellschaft“ zu erziehen. Zugleich will diese Regelung vermeiden, dass Kinder dem Staat zur Last fallen.

Daraus ergibt sich für Mill auch die Höhe des Freibetrags, der den Kindern steuerfrei zufließen dürfen soll: Sie sollen gerade so viel erhalten, wie Vater Staat als Ersatz-Alimentator aufwenden müsste. Alles, was darüber hinaus vererbt wird, soll mit einer hohen progressiven Steuer belegt werden. Diese soll freilich nicht in den allgemeinen Staatssäckel fließen, sondern für erzieherische und karitative Maßnahmen aufgewendet werden. Eine Idee Mills, die durch die bis heute in den Vereinigten Staaten geübte Praxis inspiriert ist, öffentliche Schenkungen und Stiftungen einzurichten.

Mills Gedankengebäude ist freilich nicht unumstritten. Vor allem die konsequent liberale Schule vertritt den Standpunkt, dass private Verfügungsrechte über das Eigentum auch nach dem Ableben gelten müssen. Zudem sei es ineffizient, Erbschaften zu verbieten, weil es die wachstumsfördernde Kapitalakkumulation beeinträchtigt und unter Umständen die Existenz von kleinen und mittleren Firmen gefährdet.

Dem ist eine wichtige Maxime unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaftsordnung entgegenzusetzen: gleiche Chancen für alle. Dies meint auch gleiche Startchancen. Soweit die Startbedingungen jedes einzelnen Bürgers von seiner finanziellen Ausstattung abhängen – von den ererbten Talenten kann hier nicht die Rede sein -, ist der Vorteil des wohlbedachten Erben evident. Ein Vorteil, der in einer auf­geklärten Gesellschaft durch nichts zu rechtfertigen ist.

So wie beim Pferderennen manche Jockeys mit zusätzlichen Gewichten starten, so sollten auch im Leben die ungleichen Ausgangsbe­dingungen möglichst angeglichen werden. Erst dann können wir uns auf einen fairen und spannenden Wettbewerb freuen.

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