Diverses So sicher sind fremde Märkte für die deutsche Wirtschaft

Die deutsche Exportwirtschaft erholt sich. Bester Indikator: Die Warenkreditversicherer kommen nach dem Horrorjahr 2009 wieder aus der Deckung. Die Ausfallrisiken bei der Lieferung in fremde Länder sind weltweit gesunken. Wir geben einen Überblick.

Es gibt sie wirklich, die guten Seiten der Wirtschaftskrise. Jochen Remmert hat sie kennengelernt, als Finanzchef der Firma Rodriguez, die Speziallager für Maschinenbauer, Medizin- und Militärtechniker in aller Welt produziert. Das Frankreichgeschäft etwa läuft plötzlich problemlos. „Da hatten wir fast schon traditionell Probleme mit der Zahlungsmoral“, sagt er. Seit rund anderthalb Jahren kommt das Geld nun meist pünktlich. Der Grund: Zum 1. Januar vergangenen Jahres verschärfte der Nachbarstaat das Handelsrecht, weil Unternehmen dort darauf beharrten, lange Zeiträume für die Vergütung auszuhandeln, oder einfach spät zahlten. Jetzt müssen Handelspartner Rechnungen spätestens 60 Tage nach Lieferung begleichen oder drakonische Verzugsstrafen in Kauf nehmen.

Mit dem Gesetz wollte der französische Staat eigentlich verhindern, dass Firmen im eigenen Land ausbluten, während sich andere auf ihre Kosten monatelang zwischenfinanzieren. Doch auch der deutsche Maschinenbauer Rodriguez profitiert von der disziplinierenden Wirkung der Novelle. „Uns bleiben nicht nur viele Mahnungen erspart“, sagt Remmert. „Wenn Kunden früher ihre Rechnungen begleichen, verbessert sich auch unsere Liquidität.“

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Die neue Zahlungsmoral seiner Geschäftspartner erleichtert Finanzchef Remmert die Exportabsicherung. Kredite gewährt er beim Handel mit Firmen aus dem Ausland nur, solang er das Risiko abwälzen kann. Zahlen Kunden pünktlicher, steigt nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass Remmert Warenkredite höher versichern kann – auch die Prämien für den Service sinken.

Über die jüngsten Bonitätsberichte kommerzieller Anbieter von Exportkreditversicherungen können sich Unternehmer also freuen. Sie alle melden Entspannung bei vielen wichtigen Handelspartnern deutscher Mittelständler. Neben Frankreich zeigen auch in den Beneluxstaaten, in den USA und in vielen Ländern Asiens die entscheidenden Wirtschaftsindikatoren nach oben, und die Ausfallraten der Lieferanten sinken. impulse hat die wichtigsten Urteile der Anbieter zur Lage in jenen Staaten zusammengestellt, in die zuletzt die meisten deutschen Exporte gingen.

Die Übersicht bietet Orientierung, worauf sich Unternehmer auf fremden Märkten einstellen müssen. In welchen Ländern entspannt sich die Lage? Wo sinken vermutlich bald Versicherungsprämien? Die Daten stammen von den drei Hauptkonkurrenten der Branche: dem niederländischen Kreditversicherer Atradius, in dem vor neun Jahren der Kölner Gerling-Konzern aufging, dem französischen Anbieter Coface und der Allianz-Tochter Euler Hermes. Das Trio teilt sich 90 Prozent des Weltmarkts.

Es geht wieder aufwärts

Allein innerhalb Deutschlands standen die Versicherer im vergangenen Jahr für 259 Milliarden Euro ein und regulierten Schäden von 1,4 Milliarden – mehr, als sie an Prämien eingenommen hatten. „Wir haben da vor einer hoffentlich einmaligen Herausforderung gestanden, mit stark anziehenden Insolvenzen und erheblich höheren Schäden“, sagt Thomas Langen, Deutschlandchef von Atradius. Nun würden die Geschäftsdaten der Kunden aber darauf hindeuten, dass es wieder aufwärtsgehe – für die Versicherer genauso wie für ihre Kunden.

Erkennbar ist die Trendwende an den Buchstaben- und Zahlenkombinationen, mit denen die Versicherer einschätzen, wie es um die Risiken bei Geschäften bestellt ist: Coface staffelt die Bonität der Länder nach den Güteklassen „A1“ bis „A4“ für ein vergleichsweise sicheres Handelsumfeld sowie „B“, „C“ und „D“ für höhere Risiken. Euler Hermes nutzt eine ähnliche Skala von „AA“ und „A“ über „BB“ und „B“ bis zu „C“ und „D“ – auch hier zeigen die Buchstaben das Risiko von Zahlungsausfällen durch politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen an.

Länderratings bieten konkrete Hilfe

Von Atradius kommen Daten über das Zahlungsverhalten der Firmen in den Ländern dazu: Wie viele Tage dauert es im Schnitt, bis Kunden zahlen? Und wie verbindlich halten sich die Firmen an Abmachungen – wie also bewerten Lieferanten die Zahlungsmoral im Land? Diese Fragen beantwortet der Versicherer mit Einschätzungen seiner Kunden, die übrigens die Beobachtungen von Rodriguez-Finanzchef Remmert stützen: Französische Unternehmer zahlten in diesem Frühjahr im Schnitt nach 33 Tagen, 13 Tage früher als im Vorjahr. Frankreich-Exporteure vergaben entsprechend 2,7 von fünf möglichen Punkten, eine Verbesserung um 0,2 Punkte.

Wer später zahlt, hat oft Probleme

Solche Daten sammelt inzwischen jedes größere Unternehmen über seine Kunden, Controlling-Systeme schlagen automatisch Alarm, sobald sich die Werte verschlechtern. Das Zahlungsverhalten gilt als sensibler Indikator für künftige Krisen. „In einer angespannten Lage wird Liquidität für Unternehmen überlebenswichtig“, sagt Atradius-Deutschlandchef Langen. „Das gilt auch aufseiten der Abnehmer von Exportwaren. Die Zeit zwischen Lieferung und Bezahlung ist für ihre Vor- und Zwischenfinanzierung entscheidend.“

Auch die Länderratings bieten konkrete Hilfe bei der Entscheidung für Handelsbeziehungen in ferne Nationen. Anders als Ratingagenturen wie Standard & Poor’s, die in erster Linie versuchen, das Risiko von Staatspleiten abzuschätzen, liefern die Prognosen der Kreditversicherer nämlich direkte Hinweise für die Exporteure: „Wir betrachten die Qualität der Länder immer unter der Leitfrage, welche Auswirkungen die Rahmenbedingungen auf die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen in dem Staat haben“, sagt Franz Michel, Vorstandschef von Coface Deutschland. Schließlich kann sich kein Unternehmer der Steuerpolitik, der Währungsstabilität oder der Verschuldung seines Landes entziehen.

Wenn etwa in Griechenland die radikalen Sparpläne der Regierung greifen, droht dem Land eine tiefe Rezession. „Das dürfte das Hauptproblem für alle Exporteure werden“, sagt Karine Berger, Chefökonomin von Euler Hermes in Paris. „Unternehmen müssen sich nicht um die griechischen Staatsschulden sorgen, sondern um zu starke Einschnitte bei den Staatsausgaben.“ Angesichts dieser Einschätzung stellt sich die Frage, wie lang Euler Hermes das „AA“-Rating für die Griechen noch aufrechterhält. Unter öffentlicher Beobachtung stehen momentan auch Großbritannien, Russland und südeuropäische Staaten wie Italien und Spanien, die besonders unter dem Vertrauensverlust in den Euro leiden.

In Asien und Südamerika liegen die Dinge anders. Rechtlich sind die Bedingungen für Exporteure noch schwierig, wirtschaftlich aber attraktiver. Bei Euler Hermes feiert man China, Indien und Brasilien als neue Anführer der Weltwirtschaft für die kommenden fünf Jahre. Coface hat den fernöstlichen Stadtstaat Singapur auf die Watchlist für sein Bestrating aufgenommen. Und Atradius errechnet, dass Unternehmen aus Südamerika im Schnitt nach 43 Tagen zahlen – ein Drittel schneller als vor einem Jahr.

Auch der deutsche Lagerspezialist Rodriguez profitiert zunehmend von Aufträgen fernab Europas, liefert etwa nach Indien und Singapur. Probleme, eine Kreditlinie für diese Kunden zu bekommen, hatte Finanzchef Remmert nicht. Im Gegenteil. Die Prämien im Promillebereich seien erstaunlich günstig. Und die entspannten Zahlungsziele helfen ihm bei der Akquise, berichtet Remmert. „Das ist für uns ein echtes Marketinginstrument.“

Tabelle
Die wichtigsten Exportländer im Versicherungscheck (PDF)
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag ist aus der impulse-Ausgabe 07/2010.

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