Diverses Spätes Erwachen in Osteuropa

Lange wurde die Krise in Osteuropa ignoriert – bis sie voll zuschlug, Unternehmen ins Aus trieb und Politiker aus dem Amt fegte. Viele deutsche Firmen vor Ort haben schnell reagiert. Sie könnten am Ende Gewinner sein.

Schon auf den ersten Schritten entscheidet
sich, ob es ein guter Tag
für Georg Keseberg wird. Geht er
am Empfangstresen vorbei in sein Büro,
so blickt er durch schallisolierte Fenster
in die Produktionshalle – und atmet auf,
wenn die Arbeiter dort auf ihrem Platz
stehen und die Maschinen laufen. Oft ist
die Halle aber leer; es ist keine gute Zeit
für den Geschäftsführer einer deutschen
Fabrik in Tschechien.

„Wenn ich ehrlich bin“, sagt Georg
Keseberg und richtet sich in seinem Sessel
straff auf, „weiß ich heute noch nicht,
was wir nächste Woche produzieren.“ Er
hat sein Büro neben einer riesigen Fabrikhalle
an der Autobahn von Pilsen nach
Prag, auf dem Dach des Komplexes klebt
mannshoch und stolz der Firmenname
Mubea: ein deutscher Automobilzulieferer,
spezialisiert auf Federungssysteme
und Dichtungsschellen.

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Vor einigen Monaten noch haben ihm
die Kunden die Türen eingerannt: Der
einheimische Platzhirsch Skoda produziert
in der Nähe, der südkoreanische
Hersteller Hyundai und ein Firmenkonsortium
aus Peugeot, Citroën und Toyota
– sie alle brauchten die Produkte von
Mubea. Bis die Nachfrage ausblieb. Und
klar wurde: Die Krise ist da.

Spontane Aufträge mitten in der Nacht

Ein guter Geschäftsindikator für Mubeas
Statthalter in Tschechien ist sein
Handy. Derzeit klingelt es oft mitten in
der Nacht, weil wieder einmal ein spontaner
Auftrag eingegangen ist, für den
die Maschinen vorbereitet werden müssen.
„Die Zeiten sind unruhig geworden“,
sagt Keseberg. Die Autohersteller produzieren
nur noch nach Bedarf. „Da kann
man nicht einfach Feierabend machen.“

Was für ein Wandel – für eine Region,
die über Jahre hinweg Wachstumsraten
von sechs, sieben, ja sogar acht Prozent
verzeichnete. Seit dem Spätherbst sind
die Träume ganzer Nationen geplatzt. In
Tschechien sprachen die Autobosse erstmals
Worte aus, die man im Land bis
dahin nicht kannte: Auftragsrückgang,
Massenentlassungen, Lohnkürzungen. In
Polen wurden riesige Bauprojekte abgesagt.
Ungarn, Lettland und Rumänien
mussten die EU um Finanzhilfe bitten.
Währungen stürzten ab, Arbeitslosenzahlen stiegen rapide.

Politiker reagieren kopflos

Seitdem stehen
die Politiker unter enormem Druck – viele
von ihnen reagieren kopflos, weil sie
für Krisenzeiten keine Szenarien vorbereitet
haben und jetzt völlig überfordert
sind. In Ungarn und Lettland mussten die
Regierungen zurücktreten.
Inzwischen ist auch den größten Optimisten
klar: Es ist erst einmal vorbei mit
dem Aufschwung. Jahrelang starrten
die Investoren auf das Wirtschaftswunder
im Osten.

Die ehemaligen Bruderstaaten
übertrafen sich an Liberalität und
Aufstiegswillen, lockten Siemens, Volkswagen,
RWE, Bosch, MAN, Osram, Tengelmann
und Tausende Mittelständler in
den Osten. Weit mehr als 100 Milliarden
Euro haben deutsche Unternehmen in
den vergangenen Jahren in Mittel-
und Osteuropa investiert,
fast überall sind sie die wichtigsten
Handelspartner. Und
lange ging es für Unternehmer
nur in eine Richtung:
bergauf.

Als Mubea 1994 das erste
Werk in Tschechien baute,
waren nicht nur die niedrigen
Löhne im Osten ausschlaggebend,
sondern
auch die Kunden vor Ort –
und die kauften fleißig. In drei
Schichten standen die Arbeiter
am Band, die Maschinen liefen rund um
die Uhr. Alle paar Jahre wurde eine neue
Halle eingeweiht. 170 Mitarbeiter waren
es am Anfang, jetzt sind es knapp 1000.

30 Prozent Aufgangsrückgang

Dass er einmal Krisenversammlungen
abhalten würde, war für Georg Keseberg
unvorstellbar. Nun musste er den Angestellten
sagen: „Da kommt etwas auf uns
zu.“ 30 Prozent Auftragsrückgang; das
lässt sich nicht verstecken. Seit Anfang
des Jahres gilt für alle eine 30-Stunden-
Woche ohne Lohnausgleich, Überstunden
müssen abgebaut werden. Für besonders
hart getroffene Mitarbeiter hat
die Firma Berater angeheuert, die bei
finanziellen Engpässen weiterhelfen.
„Wir haben bislang alles ohne Entlassungen
gemeistert“, sagt Keseberg – er
weiß, dass er damit eine Ausnahme ist
im einstigen Musterland Tschechien.

Teil 2: Tschechien: Mubea ahnt, was kommt

Tatsächlich steht Mubea deutlich besser
da als viele einheimische Konkurrenten.
Für manche Manager aus Mittel- und
Osteuropa ist die Krise etwas völlig Überraschendes:
Sie haben in den Jahren
nach 1989 nichts anderes kennengelernt als den Aufschwung. Dass es immer
wieder einmal Durststrecken gibt in der
freien Marktwirtschaft, das wussten sie
zwar aus den Lehrbüchern, aber nicht
aus eigener Erfahrung.

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Deswegen taten viele Unternehmer
nichts, als es in Amerika die ersten Warnzeichen
gab und dann reihenweise Banken
zusammenbrachen. „Wir werden
davon schon nicht betroffen sein“, hieß
es in Tschechien, Polen, Rumänien und
anderen neuen EU-Staaten. Dieses Verhaltensmuster
zog sich bis hinauf in die
höchsten politischen Kreise: Monatelang
behaupteten ganze Regierungen, ihr
Land sei eine Insel. Umso bitterer war
das Erwachen, als das Ausmaß der Krise
klar wurde. Beispielhaft zeigt das der
ungarische Staatshaushalt, der plötzlich
nur noch mit einer Finanzspritze aus
dem Westen gerettet werden konnte.

Die deutschen Unternehmen hingegen
ahnten frühzeitig, dass turbulente Zeiten
bevorstehen. „Wir haben schon im September
angefangen, radikal zu sparen“,
sagt Mubea-Chef Keseberg. Das war zu
einer Zeit, als seine Kunden noch wie
im Vorjahr bestellten. Keseberg stoppte
trotzdem geplante Bauprojekte. Er drosselte
die Materialbestellungen, baute die
Lagerbestände ab und strich sogar die
Papierhandtücher für die Werkstoiletten.
„Strenge Vorgaben rigoros umsetzen“,
sagt er, „das ist das Erfolgsgeheimnis.
Damit stehen wir diese Zeiten unbeschadet
durch.“

Teil 3: Polen: Der Zloty fällt, die Gewinne steigen

Auch Radoslaw Cierpial hat in den vergangenen
Monaten seine „Hausaufgaben“,
wie er sie nennt, gemacht. Der Vorstandschef
von Brügmann, einem deutschen
Hersteller von Fensterprofilen,
analysierte jeden Produktionsschritt. Der
gesamte Einkauf, vom Kugelschreiber bis
zum Tieflader, läuft nun über seinen
Tisch. 30 Leute hat er entlassen, die restliche
Belegschaft für eine Woche in den
Urlaub geschickt. Das sind milde Umstrukturierungen
im Vergleich zu dem,
was einige Konkurrenten gerade durchsetzen
müssen. Die Baubranche in Polen
hat im Vergleich zum Vorjahr ein Viertel
aller Aufträge verloren. Prestigeprojekte
wie der Sky Tower in Breslau mitsamt
seinem fertigen ersten Stockwerk wurden
gestoppt.

Auch der Profilhersteller Brügmann,
der zur deutschen Holding Salamander
Industrie Produkte (SIP) gehört, machte
im ersten Quartal 30 Prozent weniger
Umsatz. Die moderne Fabrik am Stadtrand
von Wloclawek sieht verlassen aus.
Keine Lieferwagen am Werkstor, in den
Lagerhallen stapeln sich turmhoch Fensterprofile.
Trotzdem hat Cierpial gute
Laune, platzt plötzlich heraus: „Die Krise
hat uns den Kopf gerettet.“

„Wir steuerten direkt auf den Abgrund zu“

Der grauhaarige Pole im grauen Anzug
wirkt nicht wie ein Aufschneider. Mit
ruhiger Stimme erklärt er den scheinbaren
Gegensatz. Obwohl es in den vergangenen
Jahren von Rekord zu Rekord
ging, „steuerten wir direkt in den Abgrund“,
sagt Cierpial. „Der starke Zloty
schnürte uns die Luft ab.“ Die Branche
rechnet in Euro ab, egal ob einer seine Fenster in Polen oder im Ausland verkauft.
Löhne, Energieverbrauch und
Material werden aber in Lokalwährung
gezahlt. „Jede Woche stiegen unsere
Produktionskosten bei gleichen Absatzpreisen.
Zum Schluss blieb kein Gewinn
mehr übrig“, sagt Cierpial.

Im Juli 2008
erreichte der Zloty seinen historischen
Höchststand, er kostete 0,31 Euro. Die
Wirtschaftskrise änderte den Trend, die
Landeswährung stürzte zeitweise kräftig
ab. Heute kostet der Zloty 0,22 Euro.
Dass Produkte für den polnischen
Markt nicht in der Landeswährung
gehandelt werden, ist eine Ausnahme –
doch vielen deutschen Investoren, die
in Polen für den Weltmarkt produzieren,
ergeht es wie Cierpial. „Sie haben in den
letzten zehn Monaten deutlich an Wettbewerbsfähigkeit
gewonnen“, sagt Lars
Bosse, Geschäftsführer der Deutsch-Polnischen
Industrie- und Handelskammer
in Warschau. „Oft erzielen sie eine höhere
Rendite als vor der Krise.“

Die Verbesserung der Rahmenbedingungen
spiegelt sich in der Statistik wider.
Polens Ausfuhren gingen zwar in der
Krise zurück, doch deutlich weniger stark
als die Einfuhren. Das Außenhandelsdefizit
verringerte sich, die Leistungsbilanz
drehte im Februar zum ersten Mal
seit über zwei Jahren ins Plus. Cierpial konnte durch die Währungsschwankungen
seine Preise sogar um
15 Prozent senken, „ohne große Schmerzen“.

Wer jetzt überlebt, hat langfristig gute Chancen

Polens Baubranche liefert sich in
der Krise harte Preiskämpfe. Cierpial will
nicht nur mithalten, sondern anderen
Herstellern Marktanteile abjagen. Wer
jetzt überlebt, so seine Überzeugung, hat
langfristig gute Entwicklungschancen.
Der Markt ist noch lange nicht gesättigt,
viele von der EU geförderte Bauprojekte
laufen weiter, staatliche Infrastrukturmaßnahmen
werden vorgezogen. Und
längst hat nicht jeder polnische Hausbesitzer
Plastikfenster eingebaut.

Teil 4: Rumänien: Fabrikeröffnung trotz Krise

Auch in anderen Ländern Osteuropas
gilt: Wer lokale Märkte bedient, hat bessere
Chancen, die Krise zu überstehen,
als Unternehmen, die dort billig für
andereMärkte
produzieren. „Die ausgelagerten
Werkbänke werden nach
Deutschland zurückgeholt“, sagt Klaus
Mangold, ehemaliger Daimler-Vorstand
und Vorsitzender des Ostausschusses der
Deutschen Wirtschaft. „Zum einen haben
wir jetzt in Deutschland große, nicht
ausgelasteteKapazitäten.“
Zum anderen
seien die Lohnkosten in Osteuropa stark
angestiegen, „was den Wettbewerbsvorteil
dieser Länder reduziert“.

Das bayerische Familienunternehmen
Hochland hatte von vornherein den regionalen
Markt im Blick. Es produziert in
Rumänien für Rumänen: Schmelzkäse,
Frischkäse, Streichkäse und alle anderen
erdenklichen Sorten. Zweistellig war das
Wachstum in den vergangenen Jahren.
Der rumänische Geschäftsführer Sergiu
Mititelu positioniert seine Molkereiprodukte als Premiumprodukte: „Coca-
Cola, Nivea und Hochland.“ Damit es
den Rumänen schmeckt, hat Hochland
die bewährten Rezepte geändert.

Beim
„Frischkäse mit Alpenkräutern“ zum Beispiel
wurden die Alpen gestrichen, stattdessen
kommt eine landestypische Gewürzmischung
hinein. Die Anpassung an
den neuen Markt zahlt sich aus: Hochland
ist in Rumänien die unangefochtene
Nummer eins in allen Segmenten, die
von der Firma bedient werden. „Unsere
Marktführerschaft wollen wir auf jeden
Fall verteidigen“, sagt Mititelu.

Leichtes Wachstum statt Rückgang

Gestrichen wird deshalb selbst in der
Krise so gut wie gar nicht – weder bei den
Personalkosten noch beim Marketing.
Für das laufende Jahr erwartet Mititelu
immerhin ein leichtes Wachstum im einstelligen
Prozentbereich. Ein gutes Ergebnis
auf einem Binnenmarkt, der gerade
in vielen Branchen zusammenbricht.
Niemand will zum Beispiel noch Autos,
Möbel oder Textilien kaufen. Das spüren
auch die 16.000 deutschen Unternehmen,
die seit jeher zu den stärksten
Kapitalgebern in Rumänien gehören.

Von den mehr als neun Milliarden Euro
Direktinvestitionen im Jahr 2008 kam
der größte Teil aus Deutschland, bei Importen
und Exporten sind die Deutschen
die wichtigsten Handelspartner. „Lange
konnte man hier richtig Geld verdienen“,
sagt Gisbert Stalfort. Der Anwalt, der in
Bukarest lebt, hat sich darauf spezialisiert,
deutschen Unternehmen den Weg
nach Rumänien zu ebnen. In letzter Zeit
begleitet er Investoren jedoch immer
häufiger auf dem Weg zurück. „Wir kümmern
uns derzeit um ein gutes Dutzend
Firmenliquidationen“, sagt Stalfort. „Das
ist mehr als in allen vorherigen Jahren
zusammen.“

Der Markt wird sich in Zeiten der Krise
konsolidieren, wie überall. In dieser
Entwicklung steckt jedoch auch eine
Chance für die Deutschen, sich von einheimischen
und anderen ausländischen
Investoren abzusetzen. „In den letzten
40 Jahren haben unsere Unternehmen
jede Krise durchgehalten. Sie sind geblieben,
als andere ihre Koffer packten, und
gelten deshalb als verlässliche Partner“,
sagt Automanager Klaus Mangold.

Gut organisiert und grundsolide

Unternehmen aus den östlichen EU-Ländern
gelten – auch in ihrer Heimat –
als nicht immer zuverlässig und eher
sprunghaft. Die Deutschen haben dagegen
den Ruf, gut organisiert und grundsolide
zu sein. Das hat auch Jens Bachmeier
erfahren, ein Veteran im Rumäniengeschäft.
„Wir sind mit unseren
Partnern immer fair umgegangen und
haben auf Kontinuität gesetzt“, sagt er:
„Das zahlt sich aus – so werden wir nämlich
auch behandelt.“ Bachmeier leitet
die rumänische Niederlassung des Gewürzherstellers
Fuchs, der seinen Hauptsitz
im westfälischen Dissen hat.

Die
Erfolgsparameter in Rumänien klingen
ähnlich wie bei Hochland: dominanter
Marktführer mit 40-prozentigem Anteil,
über Jahre hinweg ein Wachstum von
30 Prozent, im Jahr 2008 immerhin
noch 20 Prozent.

Teil 5: Markteroberung in der Krise

Nicht nur bei Geschäftsleuten, auch
bei Verbrauchern hat das Label „Made in
Germany“ einen guten Klang. „Den Namen
Fuchs kennt fast jeder hier“, sagt
Bachmeier. Die Lebensmittelbranche gehört
in Mittel- und Osteuropa zu den großen
Profiteuren des Umbruchs. Markenprodukte
üben auf viele Konsumenten
einen großen Reiz aus: Endlich gibt es Alternativen zur Einheitskost von früher,
dafür zahlen die Kunden auch gern etwas
mehr. Bachmeier ist sicher, dass sich das
auch in der Krise nicht ändert. „In schwierigen
Zeiten suchen die Menschen eine
geborgene Umgebung, sie treffen sich zu
Hause mit ihrer Familie – und dabei wird
natürlich auch gegessen.“

Deswegen will Fuchs in der Krise sogar
angreifen. In diesem Jahr geht der
Gewürzhändler in Bulgarien und Serbien
auf den Markt, im nächsten Jahr soll
die Ukraine folgen. Bachmeier hofft, dabei
auch von der Schwäche anderer zu
profitieren. „Wenn von den Konkurrenten
jetzt einer aufgeben muss, dann ist
für uns auf den neuen Märkten die Türe
schon zur Hälfte geöffnet.“

Auch in Rumänien will Fuchs seinen
Marktanteil weiter steigern. Im kleinen
Ort Curtea de Arges in der Walachei haben
die Deutschen gerade eine neue Fabrik
eröffnet. Vom Konferenzraum aus
schweift der Blick hinüber auf die Felsmassive
des Fogarascher Gebirges. Auf
den Fluren mischt sich der Geruch frischer
Farbe mit der Note der Gewürze,
die nebenan in der riesigen Lagerhalle
aufbewahrt werden.

Fast 9000 Quadratmeter
misst das Firmenareal, gebraucht
werden derzeit nur zwei Drittel davon.
Man habe für die weitere Expansion gebaut,
sagt Jens Bachmeier. „Wenn alles
nach Plan läuft, sind die Hallen in zwei
Jahren ausgelastet.“

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