Diverses Staatsknete zum Start

Seit Banken mit Krediten knausern, sind öffentliche Gelder begehrt wie nie, denn sie können den Weg in die Selbstständigkeit ebnen.

Olga Stalev führt keinen Staatsbetrieb, sondern einen einfachen Friseursalon. Dennoch hat ihr kleiner Laden im Dortmunder Vorort Derne eine ganz besondere Beziehung zur öffentlichen Hand. Die junge Friseur­meisterin wollte im Spätsommer 2008 den Betrieb ihrer Chefin übernehmen, die sich zur Ruhe setzte. Dummerweise krachte fast zeitgleich im fernen New York die Investmentbank Lehman Brothers zusammen – und legte die weltweite Finanzwelt lahm. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um bei der Bank nach Geld zu fragen. Und dennoch ein unausweichlicher Schritt, erinnert sich die Nachwuchs­chefin: „Ich musste den Laden, die komplette Ausstattung und die Ware bezahlen.“ 7500 Euro waren fällig: „Die Summe hätte ich nie allein aufbringen können“, sagt Stalev.

Bei der Handwerkskammer bekam sie den entscheidenden Tipp für das Bankgespräch: Statt um Kredit zu bitten, solle sie doch gleich nach „Startgeld“ fragen, Kapital aus einem von drei Fördertöpfen der bundesweit aktiven Förderbank KfW speziell für Gründer. Die öffentliche Unterstützung hat für die Banken entscheidende Vorteile: So haftet der Staat für 80 Prozent des Darlehens, sie müssen bei einer Pleite also kaum Verluste fürchten. Weil die KfW sie außerdem mit festen Provisionen versorgt, ist auch der Prüfungsaufwand bezahlt, den Zinseinnahmen allein bei Kleinkrediten kaum abdecken.

Anzeige

Banken knausern, Staat teilt aus

Bei Olga Stalev wurde dank dieser Subvention der Traum vom eigenen Geschäft wahr. Die Jungunternehmerin befindet sich derzeit in bester Gesellschaft. Zwar gehen in der Krise die Gründungen zurück, allein von 2007 auf 2008 um sieben Prozent. Das Fördervolumen der KfW für die verbliebenen Anfänger blieb mit 4,1 Milliarden Euro aber fast konstant. Die Bürgschaftsbanken der Länder, die der Wirtschaft dank staatlicher Rückversicherung auch Ausfallrisiken abnehmen können, spüren gar einen bisher ungekannten Boom. Ihre Garantien sind gefragt wie nie zuvor: Die Zahl der Bürgschaften wird sich nach Schätzungen ihres Dachverbands in diesem Jahr gegenüber 2008 verdoppeln. Allein die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, größter Anbieter im Feld, hat in der ersten Jahreshälfte 2009 zehn Prozent mehr Bürgschaften ausgereicht als im Herbst und Winter vor einem Jahr. Vorstand Dirk Buddensiek gefällt sich durchaus in der Rolle des Kredit-Unterstützers: „Hausbanken wollen in der aktuellen Phase nun einmal vermehrt ihr Risiko drücken. Dabei können wir helfen.“

Wer in diesen Tagen den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, tut das immer öfter unter dem Schutzschirm des Staates. Für Gründer ist das meist ein Segen. Das Startgeld etwa wird für sie häufig zum Türöffner, mit dessen Hilfe sie überhaupt erst an Darlehen kommen. Dass es auf diesem Wege höchstens 50.000 Euro gibt, scheint kein großes Hindernis zu sein: „Kleingründungen, die nur wenig Geld benötigen, nehmen jetzt in der Krise zu“, bestätigt Karsten Kohn, Autor des KfW-Gründungsmonitors, der das Startup-Geschehen in Deutschland beobachtet. Das Startgeld sei deshalb zurzeit besonders beliebt: So machte die KfW im vergangenen Jahr in diesem Bereich Zusagen in Höhe von 160 Millionen Euro. 2007 waren es im Vergleich noch zehn Millionen Euro weniger.

Unterstützung vor Ort

Auch Landesförderbanken und Kammern haben in den vergangenen Jahren das Angebot an Fördermitteln speziell für Gründer ausgeweitet. „Wer ein Darlehen braucht, sollte Angebote aus der Region prüfen“, empfiehlt Andrea Claudia Delp, Inhaberin der Gründungsberatung Amaveo in Berlin. „Sie haben zum Teil noch günstigere Konditionen als die KfW.“ Die Förderbank Sachsen-Anhalt bietet beispielsweise derzeit ein Programm speziell für neue Medienunternehmen an. Die Förderbank Brandenburg unterstützt gezielt Existenzgründer in der Landwirtschaft. Und in Nordrhein-Westfalen gibt es die Meistergründungsprämie für alle Handwerker, die einen eigenen Betrieb eröffnen möchten.

Davon profitierte auch der Tischler Jan Peter Fassbender. Der studierte Möbeldesigner erhielt 7500 Euro Zuschuss von der Handwerkskammer Aachen. Im Frühjahr 2008 hatte Fassbender seinen Job in einer großen Schreinerei verloren. Er wagte mit nur 24 Jahren und ohne großes Eigenkapital den Schritt in die Selbstständigkeit – ebenfalls zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Im Juni 2008, kurz bevor die Banken beschlossen, ihr Geld künftig zur horten, statt es an Unternehmer zu verleihen, blieben für Fassbender vor allem öffentliche Finanziers als Anlaufstelle. Zum Zuschuss der Kammer, für den er im Gegenzug in den ersten drei Jahren mindestens zwei Jahre lang einen Mitarbeiter beschäftigen muss, kommen bei ihm 10.000 Euro von der KfW. Weil der Handwerker arbeitslos war, bevor er seine eigene Firma startete, bekam er einen zusätzlichen Gründungszuschuss: Neun Monate lang floss das Arbeitslosengeld weiter, plus 300 Euro zur sozialen Absicherung. Prassen kann Fassbender trotz dieser Fördermittel nicht. Vorerst hat er sich bei einem anderen Betrieb eingemietet, und einige Investitionen schiebt er erst einmal auf.

Bonus für Arbeitslose und Akademiker

So wie Fassbender macht sich mittlerweile jeder fünfte Neuchef aus der Arbeitslosigkeit selbstständig, wie der KfW-Gründungsmonitor zeigt – und die Zahl der Ex-Arbeitslosen unter den Gründern nimmt in der Krise weiter zu, berichtet KfW-Experte Kohn. Ein weiteres Motiv für ein Startup ergibt sich für viele mit Ende des Studiums beziehungsweise mit der Promotion. Auch an dieser Stelle engagiert sich der Staat. Ausgründungen aus der Universität etwa hilft das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit dem Europäischen Sozialfonds durch großzügige Stipendien: Wissenschaftler, die ein Unternehmen ins Leben rufen wollen, können so im ersten Jahr bis zu 40.000 Euro erhalten.

Ran an die Fördertöpfe
Erste Hilfe für angehende Unternehmer: Um den Weg in die Selbstständigkeit zu erleichtern, bietet der Staat Steuermittel als Kreditersatz, Zuschüsse zur Überbrückung der ersten Monate und Beteiligungskapital aus Staatsfonds. Vier bewährte Wege, um an Geld zu kommen.

Fördergeld
Die KfW-Mittelstandsbank bietet nicht nur günstige Darlehen (siehe Seite 57), sondern erleichtert auch Banken per Haftungsfreistellungen die Kreditvergabe und engagiert sich mit Eigenkapital. Dank Konjunkturpaket II sind bis 2010 weitere 40 Milliarden Euro für Mittelständler da. Dazu kommen noch diverse Fördertöpfe der Bundesländer.

Bürgschaft
Fehlen Gründern Sicherheiten, treten Bürgschaftsbanken in ihren Bundesländern für Kredite aller Art ein. Dahinter stehen Banken, Kammern, Verbände – und als Rückbürge der Staat. Dank Konjunkturpaket II stehen jetzt 25 Milliarden Euro extra bereit.

Eigenkapital
Der Staat ist vielfach auch als Investor aktiv, vor allem für Technologieunternehmen. Die KfW verwaltet dazu den ERP-Startfonds, im High-Tech-Gründerfonds ist die öffentliche Hand gemeinsam mit Konzernen aktiv. Eine Regel gilt für beide Töpfe: Eigenkapital fließt nur, wenn zeitgleich ein weiterer Investor einsteigt.

Zuschuss und Stipendium
Arbeitslose Gründer können übergangsweise weiter Arbeitslosengeld beziehen. HighTech-Gründer von der Uni können ein Jahr lang auf Exist-Mittel des Wirtschaftsministeriums hoffen: bis zu 2500 Euro pro Monat gibt es als Zuschuss zum Lebensunterhalt.

Die Gründer der Corrmoran GmbH bekamen zusammen sogar 97.000 Euro vom Staat. Wohlgemerkt: als Zuschuss, den sie nicht zurückzahlen müssen. David Schrupp-Heidelberger, Barbara Waldmann und Bernhard Stöcker konnten dank dieser Hilfe eine Sonde entwickeln, die die Korrosion in Müllverbrennungsanlagen misst. Derzeit sammelt Corrmoran damit Daten über den Verschleiß. Ab dem nächsten Jahr wollen die drei dann als Berater tätig werden. Um die Entwicklungszeit zu finanzieren, hat sich das Trio gleich aus mehreren staatlichen Töpfen bedient. Die Jungunternehmer stehen ganz selbstbewusst dazu: „Was in Deutschland an Fördermitteln zur Verfügung gestellt wird, finde ich toll“, sagt Schrupp-Heidelberger. Wer sich als Gründer vom Staat fördern lasse, müsse sich nicht schämen. Mehr noch: „Wer jetzt nicht gründet, ist selber schuld“, sagt der Firmenchef, der bei Banken und privaten Investoren bisher kalt abgeblitzt ist: „Wir haben unsere Fühler in alle Richtungen ausgestreckt. Aber die Bedingungen in der privaten Wirtschaft waren indiskutabel.“ So hätten die Gründer für einen Bankkredit von 50.000 Euro gleich 200.000 Euro an Sicherheiten hinterlegen sollen. Selbst Venture-Capital-Gesellschaften, die damit werben, in der Frühphase Eigenkapital zu vergeben, wollten nicht einstiegen.

Wenn der Markt versagt

Während die marktwirtschaftlichen Mechanismen bei der Finanzierung riskanter Gründungen besonders oft versagen, haben sich dort neben rein staatlichen auch halbstaatliche Einrichtungen etabliert. Etwa der High-Tech-Gründerfonds (HTGF): 2005 gestartet, verwaltet der Fonds 272 Millionen Euro, eingezahlt vom Bund und von großen Technologiekonzernen wie Bosch, Deutscher Telekom oder Siemens. „Wir haben in Deutschland zwar eine gute Forschungslandschaft, aber zu wenig davon wird auch kommerziell umgesetzt“, sagt HTGF-Geschäftsführer Michael Brandkamp. Hier setzt der Fonds an: Er beteiligt sich mit bis zu einer halben Million Euro Eigenkapital an jungen Technologieunternehmen. 160 Firmen haben bereits Geld bekommen, und noch immer sind 170 Millionen Euro da, die der Fonds gern investieren will – gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen.

Auch Schrupp-Heidelberger hat zwischenzeitlich einen Antrag beim High-Tech-Gründerfonds gestellt und parallel dazu bei Bayern Kapital, einem Beteiligungsfonds des Freistaats. Einfach nur per Formular gibt es die Staatsgelder freilich nicht. Zweieinhalb Monate arbeiteten er und seine beiden Kompagnons an einem Businessplan, nebenbei lief das Geschäft weiter. „Wenn wir unterwegs waren, um eine Sonde einzubauen, saßen wir nachts noch im Hotel, haben Ordner gewälzt und Pläne geschrieben“, erinnert sich der Gründer. „Zwölf Stunden am Tag für das Unternehmen. Und zwölf Stunden für den Antrag.“ Am Ende wurde dieser Einsatz belohnt. Im Oktober 2008 gewährten ihnen die beiden Geldgeber zusammen 600.000 Euro Kapital. Einziger Wermutstropfen: 18 Prozent des Unternehmens gehören damit indirekt dem Staat.

Die wichtigsten Programme für Gründer

Die KfW Mittelstandsbank ist die bundesweit erste Anlaufstelle für subventionierte Kredite. Drei Programme richten sich speziell an Gründer, andere an den gesamten Mittelstand. Anträge stellen angehende Chefs immer über ihre Hausbank.

  Art Berechtigt maximale Höhe Laufzeit Kosten¹
KfW Startgeld
  Kleinkredit KMU² und Freiberufler; bis drei Jahre nach Gründung 50.000 Euro 10 Jahre Festzins aktuell

4,85 Prozent

Besonderheiten: Bis 2 Jahre tilgungsfrei; 80 Prozent Haftungsfreistellung
KfW Unternehmerkapital: ERP-Kapital für Gründungen
  Nachrangdarlehen KMU² und Freiberufler; bis drei Jahre nach Gründung 500.000 Euro 15 Jahre Festzins durchschnittlich 4,03 Prozent; erste 3 Jahre abgesenkt auf 1,6 Prozent.
Besonderheiten: 7 Jahre tilgungsfrei;

Garantieentgelt: ein Prozent pro Jahr

KfW Unternehmerkredit „KMU-Fenster“³
  Kredit alle KMU 10 Millionen Euro 5 bis 20 Jahre Festzins, je nach Laufzeit, Bonität und Sicherheiten aktuell ab 2,67 Prozent.
Besonderheiten: 50 Prozent Haftungsfreistellung; zum Teil tilgungsfrei, auch endfällige Darlehen
KfW-Sonderprogramm: Mittelständische Unternehmen
  Kredit Freiberufler, gewerbliche Unternehmen bis 500 Mio. Euro Umsatz 50 Millionen Euro 5 bis 15 Jahre Festzins für 3 Jahre, je nach Laufzeit, Bonität und Sicherheiten ab 3,75 Prozent
Besonderheiten: Bis 90 Prozent Haftungsfreistellung, zum Teil tilgungsfreie Anlaufjahre
Gründungszuschuss
  Zuschuss Gründer eines KMU aus Arbeitslosigkeit 9 Monate Arbeitslosengeld plus 300 Euro, 6 Monate 300 Euro4 bis 15 Monate keine
Besonderheiten:Folgeprogramm von Überbrückungsgeld und „Ich-AG“; beantragen bei der Arbeitsagentur
Gründercoaching Deutschland
  Zuschuss Gründer und junge Unternehmen; bis fünf Jahre nach Gründung 6000 Euro Keine keine
Besonderheiten: KfW erstattet bis zu 50 Prozent (Neue Bundesländer 75 Prozent) der Kosten für Berater

1) Alle Zinsangaben sind effektive Jahreszinsen, Stand: 15.9.2009. Zinsen ändern sich mit dem allg. Zinsniveau. Tagesaktuell abrufbar unter www.kfw-mittelstandsbank.de 2) Als KMU gelten nach EU-Beihilfe-Richtlinien Unternehmen mit maximal 250 Mitarbeitern und bis zu 50 Mio. Euro Umsatz bzw. 43 Mio. Euro Bilanzsumme 3) Den Unternehmerkredit gibt es zu höheren Kosten auch für größere Unternehmen 4) Zusätzlich 1500 Euro für Beratung
Quelle: eigene Recherchen, KfW. ©impulse.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...