Diverses Start-up 1949

Vor 60 Jahren bauten Pioniere wie Werner Otto ihre Unternehmen auf und begründeten den Mythos Wirtschaftswunder. Aber welchen Anteil hatten sie tatsächlich am Nachkriegsboom?

Im Winter 1949, das Grundgesetz ist gerade ein halbes Jahr alt, spannt Werner Otto Papier in die Schreibmaschine. Er verfasst „Artikel 568 orthopädischer Frauenschuh schwarz oder braun Boxcalf mit Wildledereinsatz, verlängerte Hinterkappen, Größe 3-8“. Danach tippt er „Artikel 565 Pumps schwarz Samtcalf mit Lackbesatz, Absatzhöhe 5 cm, Größe 3-7“. Am Ende hält er 14 Seiten in seinen Händen. Auf jedes Blatt klebt er zwei Fotografien der Schuhmodelle und bindet alles mit einer Kordel zusammen: der erste Otto-Katalog.

Im August wird dieser Mann seinen 100. Geburtstag feiern. Vor 60 Jahren, im August 1949, meldete er bei der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr einen Versandhandel an. Gebühr: eine D-Mark. Er war ein Nachkriegspionier, der aus dem Nichts kam, ohne ein Netzwerk aus alten Kameraden im Rücken. Die wirtschaftliche Not zwang ihn in die Selbstständigkeit, und sein wichtigster Verbündeter war – der Zufall.

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Am 23. Mai wird die Bundesrepublik so alt wie der Otto-Versand und einige andere Firmen, die das Bild Deutschlands in den vergangenen sechs Jahrzehnten prägten: Tchibo, Strehle, Bulthaup, Kettler, Liebherr, Adidas, Heckler & Koch, Bastei oder Gabor. Hinter diesen Marken stehen Menschen, die in den Trümmern des Dritten Reichs unter abenteuerlichen Umständen ihre Unternehmen aufbauten. Sie nutzten Chancen, die es nicht gab. In einem Land, in dem nur eines herrschte: Mangel. Bis heute gelten diese Gründer als Vorbilder, Politiker rühmen die Aufbauleistung, die sie erbrachten. Doch welchen Anteil hatten sie tatsächlich am Wirtschaftswunder?

Politisch waren die Weichen für den Aufschwung gestellt. Washington war entschlossen, Westdeutschland zum Brückenkopf der USA im Kalten Krieg aufzubauen. Ludwig Erhard hatte das Land auf marktwirtschaftlichen Kurs geführt. Dass der kräftigste Boom bevorstand, den das Land je erlebt hatte, war in den zerstörten Städten kaum vorstellbar.

Abends knurrte der Magen

Werner Otto war 1945 als mittelloser Flüchtling in Hamburg gelandet. Im Schutt eines Hinterhofs barg er einige Steppmaschinen. Weil man damit Schuhe herstellen konnte, wurde er Schuhfabrikant. Mit einer Erlaubnis der britischen Besatzer, die brauchte man damals, ließ er einfache Modelle aus Leder und Pappelholz zusammenflicken – „Gurken“, wie er sie selbst nannte. „Mein Vater konnte nur einen einzigen Schuhmachermeister auftreiben“, sagt Michael Otto, der Sohn des Gründers und heutige Aufsichtsratschef. „Alle anderen waren angelernte Schlachter oder Bäcker.“

Schon mit fünf Jahren packte der 1943 Geborene jeden Tag mit an. Abends knurrte oft sein Magen. „Es mangelte an allem. Mal fehlte Garn zum Vernähen, das gab es nicht im Handel, nur in der Landwirtschaft, doch das der Bauern riss ständig.“ Irgendwie ging es aber immer, auch wenn die Schuhe „weder schön noch von guter Qualität“ waren. „Die Leute waren froh, überhaupt welche zu haben.“

Die Gründergeneration klaubte zusammen, woraus sich noch was machen ließ. Der Schuhmacher Joachim Gabor, dessen Fabriken heute 300 Millionen Euro im Jahr umsetzen, fertigte aus alten Autoreifen Arbeitspantoffeln. Gerd Strehle, der Vorstandsvorsitzende von Strenesse, erinnert sich noch, wie seine Eltern an einen Posten Militärdecken kamen. „Sie spürten dann irgendwo einen Schneider auf, der daraus Mäntel machte. Die verkauften sie von Haus zu Haus.“

Gerd Strehle kann mit seinen Händen das Material noch heute fühlen, aus dem seine Eltern Franz und Dora 1949 in Riesbürg bei Nördlingen Regenmäntel fertigten. Es war Igelit, ein Kunststoffprodukt, halb transparent: „Wenn es kalt war, sind die steif gewesen, wenn es heiß war, superweich“, sagt der 1941 geborene Gründersohn. Sein Vater, ein Bauingenieur, fand nach dem Krieg keine Arbeit – und wurde gezwungenermaßen Unternehmer. In einem Metier, das ihm vollkommen fremd war. „Mode war für ihn eine Verlegenheitslösung.“ Firmenzentrale war das Wohnhaus. Genäht wurde in der Garage. Die Näherinnen brachten ihre Maschinen von zu Hause mit.

Die Nachkriegsmode: nicht schick aber funktional

Seine Eltern produzierten noch alles selbst. Damenmäntel, Kostüme, Jacken. „Es war eine reine Nachkriegsmode“, sagt Gerd Strehle. Die Mäntel bis Größe 54 bestanden aus derart festem Stoff, „die stelltest du hin – und sie blieben stehen“. In den Gründertagen halfen seine Eltern dabei, die Menschen warm einzukleiden. Später, als das erledigt war, kamen Qualität und Schnitt ins Spiel, „damit sie auch besser aussahen“.

Ohne Kontakte lief schon damals wenig. Neue wurden geknüpft, alte aufgefrischt. Walter Fritz Wolters, vor dem Krieg Kaffeeimporteur, suchte 1949 in London frühere Geschäftspartner auf. Er brauchte Startkapital. Der Bremer sprach gut Englisch. Im Krieg war er über Kreta abgeschossen worden, vier Jahre schaufelte er als britischer Gefangener Sand in Ägypten. „Die Engländer gaben ihm Kredit, recht hohe Summen“, erzählt sein Sohn Walter Wolters, Jahrgang 1950. „Sie schätzten meinen Vater als Kaufmann.“

Eine Tasse Muckefuck

Im April 1949 gründete Walter Fritz Wolters die Rösterei Azul Kaffee. Wolters arbeitete noch eine Zeit lang weiter als Importeur. „Weil aber die großen Firmen den Import nach 1945 wieder in ihre Hände nahmen, flüchtete er in eine Marktnische: Er röstete Kaffee für die Gastronomie. In einer ehemaligen Flakbaracke in Bremen stellte er gebrauchte Maschinen auf. Sein Kaffee aber galt als purer Luxus. „Die meisten waren froh über eine Tasse Muckefuck“, sagt der Junior. Pilotenfreunde aus dem Krieg, „ein verschworener Haufen“, fuhren die Ware mit dem Rad aus.

Geschichten wie diese nähren den Mythos von der Stunde null, in der aus dem Nichts Firmen geschaffen wurden. Doch die meisten Vorkriegsfirmen standen nicht mit leeren Händen da, vielen gelang der Neubeginn ohne große Verzögerung. Und wer im Dritten Reich Karriere gemacht hatte, ließ nach einer kurzen Zwangspause in Haft seine Verbindungen spielen. „Die Vorstellung, es habe am 8. Mai 1945 eine Stunde null gegeben, trifft auf die westdeutsche Wirtschaft am allerwenigsten zu“, sagt der Bielefelder Historiker Werner Abelshauser. Die Bomber der Alliierten hatten zwar die Wohnhäuser zerstört, aber die Werke weitgehend verschont. Weder gab es einen Wechsel in den Führungspositionen der Wirtschaft, noch änderte sich die Unternehmenskultur. Für Männer wie Josef Neckermann, im Krieg stellvertretender Reichsbeauftragter für Kleidung und verwandte Gebiete, ging es in der Demokratie weiter nach oben.

Eins aber hätten diese Kriegsunternehmer nie gelernt, sagt Abelshauser: Entscheidungen zu treffen. Wann auch? „Das lief erst im Dritten Reich und dann in der Bundesrepublik alles wie von selbst, immer nach dem Motto: Wir müssen nur der Nachfrage folgen, koste es, was es wolle.“ Werner Otto dagegen musste eine Entscheidung treffen. Mitte 1948 war sein Traum, mit Schuhen Geld zu verdienen, geplatzt.

Als die Grenzen der Besatzungszonen geöffnet wurden, kamen Schuhe wieder aus der traditionell mächtigen Industrie in der Pfalz nach Hamburg. Also liquidierte Otto die Firma. Übrig blieben 6000 D-Mark, immerhin: Startkapital für das nächste Projekt. „Mein Vater hat immer gern Neues ausprobiert“, sagt Michael Otto. „Heute würde man das Trial and Error‘ nennen – ging das eine schief, klappte das andere.“

Es war „glückliche Fügung“, dass ihm ein Katalog des fränkischen Schuhversenders Baur in die Hände fiel. Gute Idee, dachte er. Wenn seine Gurken nicht mehr liefen – warum nicht mit der Ware der Konkurrenz handeln? Aber wie rankommen? Telefonisch bestellen? Auf eine Verbindung wartete man fünf, sechs Stunden. Also zog Werner Otto selbst über die Dörfer und klapperte in Pirmasens und Kaiserslautern die Schuhfabriken ab. Die Sparkasse gewährte ihm Kredit. Er stellte drei Mitarbeiter ein, mit denen er 300 primitive Prospekte bastelte. Ein Paar Schuhe kostete 30 D-Mark. Aus dem Katalog von Baur, heute Teil der Otto Group, übernahm er das „einfach geniale System der Sammelbestellung“ (Michael Otto): Ein Kunde ordert für die Nachbarn mit und erhält dafür eine Provision. Neu war der Kauf auf Rechnung, den führte Otto als Erster ein.

„Jeder packte mit an, ohne zu klagen, jeder wollte voran, ganz gleich, was er machte, jeder kleine Schritt wurde als Erfolg gefeiert“, sagt Michael Otto. „Und man war dankbar, wenn es auf einem Geburtstag eine Flasche Wein gab – die teilte man sich dann zu zehnt.“ Es ist dieser Geist der Gründerjahre, den Politiker noch immer gern beschwören. Besonders in Krisenzeiten wie heute. Fleißig sein und bescheiden bleiben, obendrauf die richtige Reform – schon floriert die Wirtschaft. Tatsächlich aber hatte der damalige Aufschwung mit der Wirtschaftspolitik „nur am Rande etwas zu tun“, sagt Abelshauser.

Je freier desto sozialer

Entscheidend waren ganz andere Faktoren: ein üppiger Kapitalstock, der 1947/48 um ein Fünftel größer war als vor dem Krieg. Der gewaltige Überschuss an qualifizierten Arbeitskräften. Und letztlich der Wille der US-Außenpolitik, dieses große Potenzial auch zu nutzen. „Nicht zulasten, sondern mithilfe Deutschlands sollte Westeuropa stabilisiert werden.“ Aber diese historische Wahrheit sei „einfach nicht in die deutschen Köpfe zu kriegen“, so Abelshauser. Sicher sei die Aufbruchstimmung ein soziales Phänomen gewesen. „Als Ökonom würde ich allerdings sagen, ihr Anteil am Aufschwung lässt sich nur hinterm Komma beziffern.“

Dass Werner Otto sein Glück in der Welt des Konsums suchte, lag nahe. Der Bedarf war riesig, für eine Karriere in der Schwerindustrie fehlte ihm das Kapital, und die Politik hielt sich aus der Branche heraus. Ein freier Markt mit einem starken Staat, der die Regeln vorgibt, aber selbst nicht mitspielt – so stellte sich Ludwig Erhard, seit 1948 Wirtschaftsdirektor der Bizone, die neue liberale Ordnung vor. Eine, von der alle etwas haben: „Je freier die Wirtschaft“, so Erhard, „desto sozialer ist sie auch.“

Einen Vorgeschmack auf den Boom bekamen die Bürger im Sommer 1948. Kurz nach der Währungsreform vom 20. Juni füllten sich die Regale. Händler hatten die Ware für den Tag X gehortet, doch auf die Deutschen wirkte es wie ein Wunder. Mit einem Schlag war der Systemstreit zwischen Kapitalismus und Kommunismus entschieden – zugunsten des vollen Magens. Der Schwarzmarkt brach zusammen, die Zigarette hatte als Währung ausgedient. Doch jeder Bürger konnte zunächst nur 60 Reichsmark in bar gegen 40 D-Mark eintauschen.

Viel mehr als dieses Kopfgeld aus der Währungsreform hatte auch Walter Thimm, dessen Gruppe heute 300 Millionen Euro umsetzt, nicht zusammen, als er 1949 mit einem Großhandel für Papier und Pappe anfing. Dafür besaß er gute Kontakte zu Nordmende, Kuba-Imperial und Philips. „Mein Vater kannte die Leute alle“, sagt Klaus Thimm, sein Nachfolger. „Über sie bekam er die Aufträge, Verpackungen für Radio- und TV-Geräte herzustellen.“

Die ersten Maschinen habe sein Vater „auf Wechsel gekauft, die waren das übliche Finanzierungsmittel“. Er erinnert sich noch, wie sparsam sie damals lebten, zu viert in einem Mietzimmer. Wie der erste Mitarbeiter eingestellt wurde („vor dem Werkstor warteten 60 Leute“), wann es den ersten Urlaub gab („1953 durfte meine Mutter nach München fahren“) und wie alle an einem Strang zogen. Unternehmer, Politiker und Gewerkschaftler, die „aus Sorge um den Wohlstand bescheiden blieben“. Geschafft hatte die Firma es erst Ende der 50er, als auch der Rohstoff, die Wellpappe, selbst produziert wurde.

Als die Preise stiegen

Thimms Idee war aufgegangen. Beschleunigt wurde sein Erfolg durch das Entstehen eines freien Marktes. Den hatte Erhard wenige Tage nach der Währungsreform auf eigene Faust durchgeboxt. Mit einem Gesetz beendete er am 24. Juni die Planwirtschaft. Für 90 Prozent aller Waren entfiel die Preisbindung. Bis dahin waren die meisten Güter rationiert, und was sie kosteten, setzte die Militärregierung fest. „Der einzige Bezugsschein“, verkündete Erhard, „ist von jetzt an die D-Mark.“ Aber der Markt reagierte anders als erwartet: Die Preise zogen an. Das war umso bedrohlicher, als die Löhne stagnierten und die Arbeitslosigkeit wuchs.

Mit dem Jedermann-Programm versuchte Erhard, der „Architekt des Wirtschaftswunders“, gegenzusteuern. Unternehmen, die sich verpflichteten, preiswerte Schuhe oder Haushaltsgeräte anzubieten, wurden bei der Zuteilung von Rohstoffen aus dem European Recovery Program bevorzugt. Daran beteiligte sich auch der Schuhfabrikant Joachim Gabor. Es hätte ihn beinahe ruiniert.

Gabor arbeitete 1948 in Saalfeld, Thüringen, in einer Schuhfabrik, an der sein Bruder Bernhard beteiligt war. Dem Betrieb drohte die Verstaatlichung. „Wir wollten in den Westen“, sagt der heute 80-jährige Gründer. Auf ein Inserat im Branchenblatt „ABC der Schuhtechnik“ meldete sich ein Fabrikant aus Barmstedt nahe Hamburg. „Der gute Mann wollte im Krieg Adolf Hitler ins Memelland folgen und sich dort ansiedeln.“ Er hatte seine Maschinen auf ein Schiff verladen, es wurde torpediert und sank. Nun suchte er Mieter für seine Betriebsräume. Die Gabors sagten zu. Das Problem: Wie bringt man die eigenen Zwick- und Ausputzmaschinen rüber in die Westzone?

„Wir haben sie in Einzelteile zerlegt, in Rucksäcke verpackt und über die Grenze geschmuggelt“, erzählt Joachim Gabor. „In über 30 Nachteinsätzen, mal mit dem Fahrrad, mal haben uns die Bauern im Auto mitgenommen.“ Im Westen tauschte er die Sprungdeckeluhr seines Vaters gegen eine Singer-34-Nähmaschine. Dann begann am 1. Februar 1949 die B. & J. Gabor Damenschuhfabrik mit der Produktion von Jedermann-Schuhen. Das Leder kam aus den USA. Sie fertigten einfache Schnürschuhe mit Holzabsätzen. Mitarbeiter verdienten 75 Pfennig in der Stunde. Ein Paar kostete bis zu 16,90 D-Mark, doch der Produktionsaufwand war zu hoch. „Wir standen kurz davor aufzugeben.“ Die Durst- und Hungerstrecke endete 1951 mit „California“. Der Name klang nach Neuer Welt, das Modell war rationell herzustellen und günstig.

„Das Jedermann-Programm war eine hilflose politische Antwort auf die inflationären Tendenzen nach der Währungsreform“, sagt Abelshauser. Die Diagnose sei ja richtig gewesen – die Preise stiegen, weil es wenig gab. Aber das Problem war unlösbar. Zehn Millionen Flüchtlinge zogen durch die Städte. „Die Nachfrage musste das Angebot immer übersteigen.“ Für die Unternehmen war es nicht lukrativ. Die Leute suchten Qualität.

Es war Anfang 1951, als der zweite Otto-Katalog erschien. 1500 gedruckte Exemplare priesen blaue Marineklapphosen an, dazu 29 Paar Schuhe, zwei Trenchcoats, vier Aktentaschen. Die Deutschen gingen wieder ins Büro. Aus 14 Seiten ist 60 Jahre danach ein Firmenkosmos mit 123 Tochterunternehmen entstanden. 2008 setzte die Otto Group 10,1 Milliarden Euro um.

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