Diverses Steuerfalle Vermächtnis

In der Familie von Paul Brecher (Name geändert) hängt der Haussegen schief. Die Tochter fühlt sich im Testament ungerecht behandelt. Dort hat der Firmenchef festgelegt: Sein Sohn bekommt später als Alleinerbe den Metall verarbeitenden Betrieb, die Tochter zum Ausgleich ein Mehrfamilienhaus. Damit hatte sie sich fast abgefunden, doch jetzt ist sie richtig sauer. Denn sie wird voraussichtlich deutlich mehr Steuern zahlen müssen als ihr Bruder. Es geht um 150.000 Euro.

Tatsächlich ist in vielen Unternehmerfamilien
Streit programmiert. Weil mühsam austarierte Erbregelungen ins Wanken geraten. Dafür sorgt diesmal nicht der Gesetzgeber in Berlin,
sondern der Bundesfinanzhof (BFH) in München. Die Richter vom zweiten Senat plädieren neuerdings dafür, die Nachkommen in zwei Klassen einzuteilen: in Angehörige, die
direkt erben, und in Familienmitglieder,
die über ein Vermächtnis im Testament
bedacht werden. Die mit Vermächtnis
sollen künftig stärker belastet
werden (Aktenzeichen II R 9/02).

„Häufig dürfte sich die Erbschaftsteuer mehr als verdoppeln“, befürchtet Christian Rödl, Steuerchef bei der Kanzlei Rödl & Partner in Nürnberg. Der Rat des Experten: „Vermächtnisse in Testamenten
streichen.“ impulse zeigt,
was der neue Trend aus München bedeutet
– und weist Auswege, die weiterhin
völlig steuersicher sind und
obendrein für den Seniorchef oder
die Seniorchefi n die Nachfolgeregelung
offen halten.

Anzeige

Bisher ist das Vermächtnis ein bewährtes
Instrument, um Vermögen
ganz gezielt an eine Person weiterzureichen
– ohne die anderen Angehörigen
als Erben einsetzen zu müssen.
Das wird – wie bei Familie Brecher –
gerne für Nachfolgegestaltungen in
Unternehmerfamilien genutzt: Sohn
oder Tochter sollen die Firma übernehmen
und werden daher Alleinerbe.
Alle anderen sind damit von der
Erbfolge ausgeschlossen.

Als Ausgleich dafür werden ihnen bestimmte
Vermögensgegenstände vermacht. Damit erwerben sie einen Anspruch an den Alleinerben. Er muss aus dem Nachlass herausgeben, was den Angehörigen
per Vermächtnis zusteht.
Zum Beispiel Wertpapiere oder Immobilienvermögen.

Ebenso klassisch ist diese Variante:
Der Unternehmer-Ehegatte erbt
zwar allein das gesamte Vermögen,
muss aber den Betrieb an Sohn oder
Tochter weiterreichen. Weil es so als
Vermächtnis im Testament des Firmenchefs
steht.

Auf der nächsten Seite lesen Sie den zweiten Teil des Artikels.

Auf diese Weise schaffen die Senioren
in der Unternehmerfamilie klare Verhältnisse.
Per Vermächtnis sorgen sie
dafür, dass es im Todesfall zu keiner
Erbengemeinschaft kommt. Bei der
darf nämlich jeder Nachkomme in
der Unternehmensleitung mitreden
– meist eine Gefahr auch für gesunde
Betriebe. Berater Rödl: „Ziel jeder
Nachfolgeregelung muss der Fortbestand
des Unternehmens sein.“

Über die Steuer braucht die Familie
bislang nicht zu streiten. Ob Erbe
oder so genannter Vermächtsnisnehmer
– für alle gelten im Prinzip dieselben
Steuerregeln. Bei Betriebsvermögen
profitieren sie von Extra-Freibeträgen,
bei Immobilien von Steuerwerten,
die derzeit 50 bis 70 Prozent
des tatsächlichen Werts betragen.

Das wird sich bald ändern. Zwar
ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Doch die BFH-Richter lassen
keinen Zweifel, dass sie demnächst
Vermächtnisse nicht mehr mit Erbschaft
en steuerlich in einen Topf werfen
wollen. Für Vermächtnisse sind
neue Bewertungsregeln in Sicht, die
Bemessungsgrundlage für die Erbschaft
steuer wird kräftig steigen.
Rödl: „Da gibt es keinen Zweifel.“

Risiken für Nachfolger

Konsequenz: „Statt spezieller Steuerwerte
zählen dann die aktuellen
Marktwerte“, erläutert Rudolf Matthias
Hübner, Rechtsanwalt und Mitautor
eines Kommentars für Unternehmensnachfolge
bei der internationalen
Kanzlei Osborne Clarke in
Köln. Und das wird teuer.
Vor allem für den Nachfolger, der
die Firma per Vermächtnis zugesprochen
bekommt. Ihm drohen Steuerlasten,
die die Liquidität des Betriebs
gefährden. Hübner: „Vielfach steht
die Existenz auf dem Spiel.“

Mehr zahlen müssen freilich auch Angehörige,
die auf Firmenanteile verzichten
und mit privatem Vermögen abgefunden
werden. Auch hier kann es für
den Firmennachfolger gefährlich
werden. Und zwar dann, wenn der
Rest der Familie von ihm die höhere
Steuer erstattet haben will. Zu Lasten
des Firmenvermögens. Dabei haben
die Familienmitglieder ein Druckmittel
zur Hand: Sie können im Erbfall
den Pfl ichtteil fordern – oft mehr,
als das Vermächtnis ausmacht.

Vorausschauende Unternehmer
streichen deshalb jetzt Vermächtnisse
aus ihren Testamenten. Stattdessen
setzen sie alle als Erben ein. Sie bestimmen
aber genau, wer was erhalten
soll. Der besondere Dreh: Der als
Firmennachfolger vorgesehene Erbe
wird Testamentsvollstrecker. Zwar
entsteht dann eine Erbengemeinschaft, bis das Vermögen aufgeteilt ist.
Experte Rödl: „Das Sagen in der Firma
hat aber allein der Nachfolger.“

Auch die übrigen Erben erleiden keinerlei
Nachteil: Sie profitieren bei der
Steuer von den speziellen Vorteilen
für Betriebs- und Immobilienvermögen
– kein Grund also, das Testament
anzufechten. Experte Hübner: „Oft
die beste Lösung.“

Mögliche Alternative: Der Unternehmer
verschenkt die Firma schon
zu Lebzeiten und behält sich den
Nießbrauch vor. Auf diese Weise spart
die Familie Erbschaftsteuer, der Chef
behält das Sagen im Betrieb sowie die
Unternehmensgewinne. Oder er bestimmt,
dass die Schenkung erst bei
seinem Tod wirksam wird.

Nachteil jeder Schenkung: Sie ist
später kaum zu revidieren. Etwa bei
Streit in der Familie. Oder wenn die
Kinder plötzlich einen anderen Lebensweg
einschlagen. „Das Testament
ist deutlich flexibler“, sagt Christian
Rödl, „den letzten Willen kann man
schließlich jederzeit ändern.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...