Diverses „Talent leiht aus, Genie klaut“

Vergesst die Strokes, Libertines, Kings Of Leon oder wie sie alle heißen - seit dem musikalischen Niedergang von Oasis haben geschmackssichere Musikfans endlich wieder eine Nummer eins: Jet sind jetzt auf Deutschlandtour.

Live donnern die vier Jungs aus dem australischen Melbourne schrille Gitarrenriffs in den Saal als wolle es dem Publikum einen Hörsturz anspielen. Sänger Nick Cester ist meist heiser, der Sound flughafenmäßig. Die Formation spielt eine wilde Jagd durch altbekannte Harmonien, die Gitarrenbands der letzten 40 Jahre als harmonische Muster in den Seelen ihrer Fans verankerten.

Das hatte auch der Telefondienstleister Vodafone gemerkt und 2005 das elektrisierende „Are You Gonna Be My Girl“ des Debütalbums in einen seiner Werbejingles gepackt. „One, two, three, take my hand and come with me, cause you look so fine that I really wanna make you mine“, das megaeingängige Intro dieses grob zuammengeklauten Dreieinhalb-Minuten-Killers explodierte in den Köpfen vieler Musikfans und löste einen weltweiten Run auf die Band aus. Das Debütalbum „Get Born“ ist mittlerweile ein Klassiker, strotzt mit seinen 13 Songs vor Energie. Fast jedes Stück ein potenzieller Hit. Okay, die nächsten beiden Alben waren schwächer – aber live sind die Jungs immer noch Granaten.

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Willige Weiber und heftiger Suff

Über die Texte kann man geteilter Meinung sein. Die wenigsten sind stubenrein. „Cold Hard Bitch“ ist trotz seines Titels eher harmlos. Die meisten Songs handeln von willigen Weibern, heftigem Suff und schneller Befriedigung. Aber das gehört zum Genre – und wer wie Adorno „die Wiederholung des ewig Gleichen“ in der Popmusik geißelt, wird mit Jet sowieso nichts anfangen können.

Wer aber die Mär, gute Popmusik müsse regelmäßig neu erfunden werden, noch nie geglaubt hat, wird begeistert sein. Genauso wie Elvis Presley, Beatles, Cream, Sex Pistols, Run DMC, Madonna, Prince, Oasis, Westbam oder Eminem auf bekannte Strukturen aufbauten, haben sich Jet in erster Linie bei Oscar Wilde bedient. Der behauptete „Talent leiht aus, Genie klaut“ und traf damit den Nagel postmoderner Kunstproduktion auf den Kopf.

Drei Akkorde genügen

Iggy Pop, Knack, Cult, Who, AC/DC oder die Beatles hört man an vielen Stellen heraus. Analysiert man die Harmonien der Band, merkt man, dass in der Rockmusik drei Akkorde genügen. Natürlich schrammeln die Jungs aus Down Under fast ausschließlich Vierviertel mit einer starken Betonung der Eins – machen also eine zeitlose Bumsmusik, die in jedem Bierzelt Fans findet: Ein Triumph der Reduktion.

Wichtigster Geburtshelfer des Jet-Sounds jedoch – quasi als Gegenentwurf – war Grunge. „Diese Musik kann ich nicht ausstehen“, gestand der Gitarrist und Sänger Nick,“ bei diesen Songs würde ich mir glatt die Pulsadern aufschneiden.

Für alle Musikfans der Laut- und Schnell-Fraktion ín München (19.) Berlin (20.), Hamburg (22.), Köln (23.) und Wiesbaden (24.) eine Pflichtveranstaltung – da müsst Ihr hin.

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