Diverses Tod der Kaufhäuser

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Sie leiden unter Konkurrenz der Discounter und Fachhändler: Traditionsreiche deutsche Warenhausketten sind dem Niedergang geweiht. Die Insolvenz von Hertie läutet den Beginn eines Massensterbens ein.

So sieht der Albtraum aller Bürgermeister aus. Ein riesiger, heruntergekommener Betonklotz aus den 70er-Jahren ist über und über mit Graffiti besprüht. An einem Mauervorsprung nisten Tauben, der Beton bröckelt, Rost zerfrisst die Eisenstreben. Das ehemalige Karstadt-Haus in der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona steht seit fünf Jahren leer.

Die Umgebung hat sich angepasst: Ein-Euro-Läden dominieren die Ramschmeile, selbst vor einer Apotheke stehen Grabbeltische mit Sonderangeboten. „Gazastreifen des deutschen Einzelhandels“, ätzen Branchenbeobachter, wenn sie über die einstmals gutbürgerliche Einkaufsstraße sprechen. Die begehrten kaufkräftigen Kunden bleiben weg.

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Dieses Szenario bedroht nun auch andere deutsche Städte. Am vergangenen Donnerstag meldete die Warenhauskette Hertie Insolvenz an. Mehrere Filialen aus dem insgesamt 72 Häuser umfassenden Portfolio müssen möglicherweise geschlossen werden. Das Aussterben der Warenhäuser, seit zwei Jahrzehnten totgesagt, hat wohl tatsächlich begonnen.

Standortprobleme: Einzugsgebiete sind oft zu klein

Das Konzept Warenhaus leidet seit Jahren unter der wachsenden Konkurrenz. Die Allrounder des Einzelhandels werden von mehreren Seiten in die Enge getrieben. „Das Sortiment der kleinen Kaufhäuser wird mittlerweile durch das Non-Food-Sortiment der Lebensmitteleinzelhändler und Discounter abgedeckt“, sagt Herbert Kuhn, Einzelhandelsspezialist beim Branchendienst Tradedimensions.

Häufig sind die Einzugsgebiete der Kaufhäuser zu klein. Erst ab 200.000 bis 300.000 Einwohnern können Warenhäuser Experten zufolge wirtschaftlich arbeiten. An Hertie-Standorten wie Husum und Mölln leben dagegen jeweils 20.000 potenzielle Kunden. Ihr Kaufverhalten hat sich zudem mit den Jahren verändert. Die meisten Kunden lechzen nach bekannten Marken statt breitem Sortiment. Elektronik oder Spielzeug kaufen sie lieber bei Fachhändlern. Exquisites Ambiente und gute Inszenierung sind ihnen wichtiger als vollgestopfte Regale.

Projektentwickler wie die Hamburger ECE haben den Trend erkannt: In ganz Deutschland entwerfen sie moderne Shoppingmalls, die alte Kaufhäuser in der Innenstadt als Anziehungszentren ablösen. Die meisten kleinen unabhängigen Warenhäuser haben sich längst vom Markt verabschiedet. Nun trifft es die Letzten ihrer Art: Kaufhof, Karstadt, Hertie und Woolworth.

Angesichts der extrem schlechten Stimmung unter den Verbrauchern erwarten Branchenkenner, dass sich die Krise im Einzelhandel im zweiten Halbjahr noch zuspitzt. Wenn dann nach der schwierigen ersten Jahreshälfte noch einmal fünf Prozent an Umsatz wegfallen, werden weitere Einzelhändler sterben. Einige hat es in den vergangenen Monaten schon erwischt wie die nordrhein-westfälische Traditionskette Wehmeyer, die Anfang Juli Insolvenz angemeldet hatte. Andere – wie Adler oder SinnLeffers wanken. SinnLeffers und Wehmeyer hatte Arcandor-Chef Thomas Middelhoff genau wie Hertie vor wenigen Jahren verkauft – gerade noch rechtzeitig. Hertie, das damals Karstadt kompakt hieß, verscherbelte er 2005 an den britischen Investor Dawnay Day, der jetzt selbst ums Überleben kämpft.

Nur 20 Hertie-Filialen sind interessant

Bei dem drohenden Massensterben gibt es Ausnahmen: Luxuswarenhäuser wie das KaDeWe in Berlin oder das Oberpollinger in München sind von der Krise nicht betroffen, genauso wenig die Häuser in Toplagen wie Kaufhof auf der Frankfurter Zeil oder Karstadt in der Hamburger Mönckebergstraße. Jeweils zehn Karstadt- und Kaufhof-Häuser sind begehrte Topimmobilien, schätzen Experten. Daneben gibt es jeweils 20 Filialen, mit denen man bei gutem Management und Investitionen „was anfangen kann“, wie ein Berater sagt, der sein Geld damit verdient, seinen Kunden Hoffnung zu machen.

Doch die meisten Filialen der Metro-Tochter Kaufhof und des Arcandor-Ablegers Karstadt fahren seit Jahren Verluste ein. Von knapp 90 Karstadt- und den 114 deutschen Kaufhof-Filialen wird Schätzungen zufolge in den nächsten drei Jahren ein Drittel noch aussortiert.

Bei dem Überangebot stehen die Chancen, einen guten Deal mit Warenhäusern zu machen, nicht zum Besten. Herties Insolvenzverwalter Biner Bähr bemühte sich am Freitag, zuversichtlich zu klingen: Lebendige Unternehmen, die wirtschaftlich in die Knie gegangen waren, hat er bisher immer wieder auf die Beine gebracht. Er habe bereits Anrufe von Interessenten bekommen und hoffe, den Verkauf in drei Monaten abzuwickeln. Doch was von Hertie bleiben wird, ist völlig unklar. Nur 20 Filialen seien wirtschaftlich interessant, sagt ein ehemaliger Geschäftspartner. Ein Lieferant spricht optimistisch von 40 bis 50 Häusern, die Gewinne abwerfen dürften.

Hertie ist nicht nur in die Knie gegangen, Hertie liegt am Boden. Zu viele Filialen sehen aus wie der Standort in der Turmstraße in Berlin-Moabit, dessen Glanzzeit schon viele Jahre zurückliegt. Seither wird dort der Untergang verwaltet: Im Eingangsbereich bieten mobile Händler Socken im Mehrfachpack und Modeschmuck an. Vor der Rolltreppe im Erdgeschoss reihen sich Rundständer mit Billig-T-Shirts, Wände und Türen sind niedrig und wirken bedrückend. Eine kahle, weiße Trennwand, die im ersten Moment auf laufende Bauarbeiten schließen lässt, teilt in Wahrheit einen DM-Drogerie-Markt ab, der sich im Erdgeschoss eingemietet hat. Der wiederum wirkt gut sortiert und aufgeräumt wie an anderen Standorten auch.

Nur rund 100 Meter entfernt steht auf der gleichen Straßenseite eine kleine Woolworth-Filiale. Auch diese Kette bleibt nicht verschont von der Krise der Warenhäuser. Branchenbeobachter erwarten schon lange das Aus für die ehemalige Tochter des amerikanischen Woolworth-Konzerns, die sich 1998 von der US-Mutter abgekoppelt hatte. Woolworth habe aber mit viel Glück gerade noch rechtzeitig einen neuen Investor gefunden, sagt ein Berater. Im Oktober hatte der langjährige Eigentümer Electra Private Equity die Filialen an die Investoren Argyll Partners und Cerberus verkauft. Dass das Glück von Dauer ist, bezweifelt ein Insider: „Die haben sich 18 bis 24 Monate Leben gekauft. Spätestens dann ist Schluss.“

Ungewisse Zukunft: Kaufhäuser brauchen finanzstarke Käufer

Was wird aber aus Hertie? Interessante Immobilien gibt es auf dem deutschen Markt derzeit im Überfluss. Ausländische Warenhauskonzerne wie El Corte Inglés oder Debenhams schauen sich um – dass sie tatsächlich zuschlagen, glaubt aber kaum jemand. Denn sie wissen, dass deutsche Warenhäuser unkalkulierbare Risiken bergen. Die deutschen Kunden drehen jeden Cent um, bevor sie ihn ausgeben, die Sortimente müssen an lokale Eigenheiten angepasst werden, die Synergieeffekte sind klein, und zudem muss in die häufig alten Immobilien kräftig investiert werden. Der Kauf von Hertie – oder von Teilen des Unternehmens – könne im schlechtesten Fall ein funktionierendes Unternehmen in den Ruin treiben, warnt ein Analyst.

Die Investoren dürften sich im besten Fall die Rosinen unter den Hertie-Häusern herauspicken, erwarten Branchenbeobachter. Auch Karstadt und Kaufhof stehen auf ihrer Watch-List. Zuschlagen werden sie derzeit aber nicht. „Die warten weiter auf fallende Preise“, sagt ein Berater. Für Arcandor und Metro ist das ein Dilemma: Sie können ihre verlustreichen Filialen nicht verkaufen, aber großflächige Schließungen können sie sich derzeit auch nicht leisten. Denn die Schließung eines Hauses kostet einer Faustregel der Branche zufolge ungefähr so viel wie der Jahresumsatz. Für Branchenkenner ist das ein Grund, warum Arcandor die 27 angeschlagenen Karstadt-Filialen, die bis März auf dem Prüfstand standen, zunächst weiterführt.

Karstadt experimentiert seit Jahren mit wechselnden Konzepten, um den eigenen Bedeutungsverlust zu stoppen. Kleinere Warenhäuser sind im Grunde nur noch bei Strümpfen und Wäsche kompetente Anbieter, auch die Kurzwarenabteilungen laufen an vielen Standorten noch. Als hochwertige Modeanbieter wollen sie jetzt Terrain zurückgewinnen. Im neuen Karstadt im Einkaufszentrum Limbecker Platz in Essen dominiert etwa ganz klar die Mode das Angebot, dahinter folgen Accessoires und Parfümerie. Experten halten die Fokussierung für sinnvoll. Rund 60 bis 70 Prozent des Sortiments an margenstarker Mode seien der richtige Weg – früher lag der Anteil bei unter 50 Prozent.

Die Entscheidung, Karstadt-Abteilungen komplett von anderen Unternehmen betreiben zu lassen – Hugendubel/Weltbild im Buchbereich und Gravis bei Multimedia -, galt zunächst als schlauer Schachzug, um Kunden wieder anzulocken. Doch die Erfolge sind Insidern zufolge eher mäßig.

Der Metro-Konzern geht klarer vor: Kaufhof soll en bloc verkauft werden, kündigte Metro-Chef Eckhard Cordes im März an. Dass die Hertie-Häuser nun auf dem Markt seien und auch Käufer suchten, störe nicht weiter – man habe ja ein ganz anderes Konzept, hieß es kürzlich auf einer Pressekonferenz.

Und wenn nun keiner zugreift auf dem Grabbeltisch für Warenhäuser? Dann wird er mittelfristig wahr, der Albtraum der Bürgermeister.

Chronik des Niedergangs

2004

KarstadtQuelle (heute Arcandor) steht kurz vor der Insolvenz. Durch den Verkauf der kleinen Karstadt-kompakt-Häuser und von mehreren Immobilien kann die Pleite abgewendet werden.

März 2008

Der Metro-Konzern stellt den schlecht laufenden Kaufhof zum Verkauf. Die Warenhäuser zählten nicht mehr zum Kerngeschäftsfeld, lautet die Begründung des Konzernchefs Eckhard Cordes.

Juli 2008

Die nordrhein-westfälische Traditionskette Wehmeyer, die der Finanzinvestor SB Capital 2005 von Karstadt übernommen hat, meldet Insolvenz an. Rund 40 Filialen sind von der Schließung bedroht.

31. Juli 2008

Hertie, das 1882 von der jüdischen Tietz-Familie gegründet wurde, meldet Insolvenz an. Die Warenhauskette, zu der einst die elegante Filiale in der Berliner Brunnenstraße gehörte, musste unter anderem zu hohe Mieten an den britischen Eigentümer Dawnay Day abführen.

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