Diverses Unter Prüfungsstress

Erstmals soll es einen Pisa-Test für die Berufsbildung geben. Doch die Sozialpartner blocken - mit fragwürdigen Argumenten.

Der große Leistungstest rief Bedenkenträger in Deutschland auf den Plan. „Hier werden Äpfel mit Zwergtomaten verglichen“, wetterte der ranghöchste Hochschulvertreter. Auch die Gewerkschaft war strikt dagegen: „Die primären Interessen, die hinter Pisa stehen, müssen hinterfragt werden“, sagte eine Vorstandsfrau.

Das war 1999, als Hochschulpräsident Klaus Landfried und GEW-Mitglied Marianne Demmer gegen eine deutsche Teilnahme am Pisa-Schülervergleich stänkerten. Die Studie startete trotzdem – und machte Furore. Heute will das Ranking, das eine neue Bildungsrevolution auslöste, niemand mehr missen.

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Nun ist ein neuer Feldversuch in Vorbereitung. Diesmal wollen etliche europäische Länder ab 2010 ihre beruflichen Ausbildungssysteme vergleichen – und wieder passt vielen Funktionären der ganze Ansatz nicht. „Wir dürfen Äpfel nicht mit Birnen vergleichen“, mahnt Friedrich Esser vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Für dessen Kollegen bei der IG Metall, Klaus Heimann, muss das Projekt unbedingt „noch einmal auf den Prüfstand“. Wegen solcher Bedenken der Sozialpartner ist der Start der Studie noch ungewiss.

Die Idee für den Ausbildungscheck kommt aus Deutschland, sie wurde im Bundesbildungsministerium noch unter Rot-Grün geboren. Nach dem Schulvorbild soll ein Sektor beleuchtet werden, der in Deutschland gut zwei Drittel der Schulabgänger aufnimmt. Über die Quantitäten wissen Experten fast alles, über die Qualität so gut wie nichts – schon gar nicht im europäischen Vergleich.

„Die deutsche Wirtschaft muss an dieser Studie das allergrößte Interesse haben“, sagt der Nürnberger Bildungsforscher Eckart Severing: „In einem zusammenwachsenden europäischen Arbeitsmarkt werden andere Länder nur dann Prinzipien der dualen Ausbildung übernehmen, wenn sie auch wissen, dass sie gut ist.“

Unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft wurden 2007 bereits entscheidende Studiendaten festgezurrt. Insgesamt acht Länder wollen mitmachen, darunter ­Österreich, die Schweiz und ­alle skandinavischen Staaten. Mit vier Berufen will man starten, die es in allen Ländern so oder ähnlich gibt: Kfz-Mechatroniker, Elektroniker, Industriekaufmann und eine noch genau zu definierende sozial-pflegerische Ausbildung.

Vereinbart ist der Check am Computer durch die Simulation authentischer Arbeitssituationen. Die Pisa-Länder gaben die Steuerung des Projekts an Deutschland ab – womit automatisch die Sozialpartner auf den Plan traten.

Kampf im Hintergrund

Seither bremsen Arbeiter­geber- und Arbeitnehmerfunktionäre, wo es nur geht. Richtungsweisend ist das Protokoll des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung – in dem die So­zialpartner den größten Block stellen – von Dezember 2007. Darin wird der Pisa-Test zwar „grundsätzlich“ begrüßt – aber dann folgen neun Einwürfe und Einwände.

Die Bildungsträger seien mangelhaft beteiligt, andere Länder wollten nur ihre schulischen Systeme befördern, und überhaupt seien Mess­instrumente und -verfahren völlig unzureichend. Auch nach zwei weiteren Sitzungen der Steuerungsgruppe bleiben die Funktionäre grundsätzlich skeptisch. Vor allem die Güte der Methoden wird angezweifelt. „Simulierte Aufgaben am Computer begünstigen Auszubil­dende von rein schulischen Systemen“, glaubt Friedrich Esser vom Handwerksverband. „Da wird zu viel theoretisiert, entscheidend ist doch aber auch, wie jemand bei der Reparatur den Schrauber hält.“

Der Göttinger Soziologe Martin Baethge, der im Ministeriumsauftrag die wissenschaftliche Federführung hat, hält dagegen: „Wir wollen handlungsrelevante Kompetenzen überprüfen und orientieren uns dabei auch an den Abschlussprüfungen.“ Erste Testversionen hat er mit Kollegen in Bildungsausschüssen der Wirtschaft bereits vorgestellt. Er sagt: „Insbesondere die Experten aus Unternehmen waren aufgeschlossen, weil sie sich Fortschritte für die Gestaltung von Ausbildung und Prüfungen versprechen.“ Doch die institutionellen Träger zeigen weiter Vorbehalte.

Geschützte Zone

Die Berufsbildungsexpertin Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin wundert das nicht: „Die Sozialpartner wollen, dass die heilige Kuh der dualen Aus­bildung eine heilige Kuh bleibt.“ Auch der Nürnberger Kollege Severing spricht von bewusster Hinhaltetaktik: „Schulen und Hochschulen sind in Deutschland schon unter positiven Reformstress geraten, nur die Berufsbildung wird von den Akteuren hermetisch abgeriegelt.“

Die allermeisten Unternehmen sehen in der Dualität von betrieblicher und schulischer Ausbildung nach wie vor eine deutsche Stärke. Doch sie erkennen auch die Schwächen: Das System rea­giert schwerfällig auf die sich rasch wandelnden Anforderungen des Arbeitsmarkts. Und auch die Verzahnung von Praxis und Theorie lässt oft zu wünschen übrig.

Der Ausbildungsrekord dieses Jahres mit fast 640.000 Neuverträgen verdeckt, dass immer noch fast genauso viele ausbildungswillige Schulabgänger Warteschleifen in Berufsvorbereitungsjahren, Sofortmaßnahmen oder Fachschulen drehen – ohne Chance auf einen echten Abschluss. Und noch immer hat Deutschland mit teils über drei Jahren Dauer die längsten Ausbildungsgänge im europäischen Vergleich. Aber lohnen sich solche mit Inhalten vollgepackten Berufe in der schnelllebigen Welt noch?

Die Pisa-Studie könnte hier wertvolle Ergebnisse ­liefern und den Blick auf intelligente Konzepte der anderen lenken. Severing: „Es geht ja nicht um Abschaffung der dualen Ausbildung, sondern um Anpassung, dort wo es Sinn macht.“

Für die Sozialpartner klingt das gleichwohl nach Bedrohung. Denn sie fürchten, dass ihr mühsam ausgehandeltes Steuerungskon­strukt mit Beteiligung von Bundesministerien, Bundesbehörden, Länderressorts, Kammern und Gewerkschaften aus dem Gleichgewicht gerät. Auf lokaler Ebene haben sich Berufsbildungs-, Prüfungs- und Aufgaben­erstellungsausschüsse etabliert – alle mit Sozialpartnern und Schulfunktionären besetzt.

Würden in Zukunft duale Ausbildungsgänge durch duale Studienangebote ersetzt, wären sie als Mitbestimmer draußen. „Vielen Akteuren geht es zunächst um die Verteidigung von Besitzständen, und erst dann um Inhalte“, sagt ein Insider.

Showdown im Frühjahr

Studienleiter Baethge ist dennoch optimistisch, im Frühjahr endgültig grünes Licht für das Pisa-Projekt zu bekommen. Bis März wird er dem Bildungsministerium und den Sozialpartnern für die zwei Berufe Kfz-Mecha­troniker und Industriekaufmann endgültige Computer-Testprogramme präsentieren.

Doch wer entscheidet in einer Pattsituation? Das Ministerium windet sich. „Die Wirtschaft wird schon mitziehen, wenn wir methodisch auf der sicheren Seite sind“, sagt der Parlamentarische Staatssekretär Andreas Storm. Es bleibt bei der Zitterpartie.

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