Diverses Unternehmer am Pranger

Gerd Kühlhorn, Chefredakteur

Gerd Kühlhorn, Chefredakteur

Unterstützt von Politikern aller Parteien und vielen Medien wächst in der deutschen Öffentlichkeit gerade ein neues Feindbild heran: Auf der Anklagebank sitzen jene Firmenchefs, die von ihren bekanntlich doch satten Gewinnen den eigenen Mitarbeitern allenfalls Brosamen abgeben mögen. Selbst der Bundespräsident mahnt nach einem Süd­amerika-Besuch, die deutschen Unternehmer könnten sich vom sozialen Engagement der brasi­lianischen Bosse eine Scheibe abschneiden. Kennen die Chefs hierzulande denn keine Moral mehr?

Erlaubt sei, die Frage einmal umgekehrt zu stellen: Wie viel Moral erträgt ein Unternehmen? Gegenstand der Betrachtung der These soll ein einziger Unternehmer sein. Er ist zwar schon lange tot, doch weil uns der Waliser ­Robert Owen (1771 bis 1858) seine Erfahrungen schriftlich hinterlassen hat, unter anderem in seinem Werk „The Book of the New Moral ­Society“ aus dem Jahr 1844, können wir heute noch von ihnen profitieren.

Der Besitzer einer Baumwollspinnerei wagte ein für seine Zeit kühnes Experiment: Er setzte die damals übliche Arbeitszeit von 14 auf 10,5 Stunden herab, baute für seine Arbeiter menschenwürdige Wohnungen und gründete Kranken- und Altersversicherung. Seine Motive waren zutiefst moralisch geprägt, denn Owen war eigentlich ein utopistischer Sozialreformer.

Anzeige

Doch zugleich hatte der Menschenfreund das Räderwerk der Ökonomie in Gang gesetzt. Die Folge: Weil seine Leute gut bezahlt, hoch motiviert und bestens ausgeruht an die Arbeit gingen, stieg die Produktivität in seinem Betrieb im Vergleich zur Konkurrenz rapide, und Owen wurde immer reicher.

Jetzt strebte der Reformunternehmer eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Erlöse an. So wurde Owen zum Begründer des Genossenschaftswesens, erst in den USA und dann in Großbritannien. Doch seine Idee von der
moral-gesteuerten Wirtschaft scheiterte in beiden Ländern, die Betriebe gingen pleite, seine enttäuschten Genossenschaftler gründeten Gewerkschaf­ten und wandelten sich vom Geschäftspartner zum Interessengegner.
Die Moral der Geschichte: Wer ethische Werte über die Ökonomie stellt, der besitzt bald vielleicht eine reine Seele, aber auch eine leere Kasse.

Um Missverständnissen gleich den Boden zu entziehen: Dies ist alles andere als ein Freibrief für Firmenchefs, denen Moral nicht viel wert ist. Indes muss jeder Unternehmer sich der Erkenntnis stellen: Ein noch so hoher ethischer Anspruch hebelt die Gesetze des Marktes nicht aus.

Owen war der erste Unternehmer der Neuzeit, der diese bittere Erfahrung machen musste. In der jüngeren Wirtschafts­geschichte waren es charismatische Persönlichkeiten wie Porzellanhersteller Philip Rosenthal und Photo-Ladenbesitzer Hannsheinz Porst, deren Unternehmen in den Ruin steuerten, als die Geschäftsführung das Gewinnstreben dem sozialen Engagement unterordnete.

Dies alles belegt: Der öffentliche Druck auf die Unternehmer zeugt vor allem von mangelndem ökonomischen Sachverstand der Kritiker. Obendrein aber tun die selbst ernannten Ethikwächter den Firmenchefs Unrecht an: 94 Prozent der Unternehmer in Deutschland, das berichtete impulse bereits vor anderthalb Jahren, engagieren sich für das Gemeinwohl. Der Gesamtwert dieser Leistungen für soziale Zwecke beträgt über zehn Milliarden Euro – pro Jahr. Indes, geben kann nur, wer vorher etwas erwirtschaftet hat.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...