Diverses Unternehmer liebt man nicht …

... denn sie schaffen nicht nur Wohlstand, sondern auch Unordnung.
Nur das war eine Überraschung: Ausgerechnet eine junge Schriftstellerin fiel aus der Rolle, als das neuerliche Klagen über den Kapitalismus anhob. Statt in den Chor einzustimmen, fragte Juli Zeh staunend: "Wird ernstlich behauptet, unser vom Wachstum abhängiges Wirtschaftssystem könne erhalten werden, wenn man gleichzeitig den Leithammeln das Verdienen und den größten Firmen das Gesundschrumpfen verbietet?"

Alles andere war wie gehabt. Eine Kapitalismus-Debatte, die diesen Namen verdient, ist auch 2005 in Deutschland nicht geführt worden. Ein paar Schlagworte („Private-Equity“) wurden gerufen, ein paar Schmähworte („Heuschrecken“), mehr nicht. Erkennbar wurde dabei nicht mehr als ein weit verbreitetes Unwohlsein wegen der Zustände in der Republik und auf der Welt (Globalisierung).

Ansonsten aber gilt für den Kapitalismus und seinen Nutzen weiterhin, was Joseph Alois Schumpeter 1942 in seiner Studierstube in Harvard schrieb: „Die Atmosphäre der Feindschaft gegenüber dem Kapitalismus macht es viel schwieriger, als es sonst wäre, sich eine vernünftige Ansicht über seine wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen zu bilden“, so der Ökonom. „Die öffentliche Meinung ist allgemach so gründlich über ihn verstimmt, dass die Verurteilung des Kapitalismus und aller seiner Werke eine ausgemachte Sache ist – beinahe ein Erfordernis der Etikette der Diskussion ist.“

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Gleichwohl hat sich diese Form des Wirtschaftens auf der Welt weiter verbreitet, häufig allerdings ohne Popularität bei den Nutznießern in der breiten Bevölkerung zu gewinnen. Auch nach fast sechs Jahrzehnten mit stetig wachsendem Wohlstand im Westen Deutschlands hat die Marktwirtschaft hier zu Lande weniger engagierte Anhänger als die meisten esoterischen Lehren. Dass sich die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung bewährt hat, das würde Umfragen zufolge nur die Hälfte der Bundesbürger unterschreiben.

Das Unternehmerbild in Deutschland ist überwiegend negativ und wird es aller Vo­raussicht nach auch bleiben. Die Unternehmer müssen sich damit abfinden, dass eine Mehrheit im Volk sie für Ausbeuter hält. 59 Prozent der Befragten vertraten bei einer Umfrage vor fünf Jahren diese Meinung, im Osten der Republik waren es sogar 76 Prozent. Gegenwärtig dürften die Zahlen noch höher ausfallen.

Den Unternehmern in diesem Land wird auch nichts anderes übrig bleiben, als mit der Tatsache zu leben, dass ihnen die Mehrheit der Deutschen schlankweg abspricht, sozial verantwortlich zu handeln. (In dieser Frage kann allenfalls die Alterung der Bevölkerung einen Sinneswandel mit sich bringen, denn es gilt die Regel: Je höher das Alter eines Menschen, desto größer ist das Vertrauen in das soziale Gewissen der Unternehmerschaft.)

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Unternehmer können nicht beliebt oder angesehen sein, denn sie stören beständig die Ordnung, die den meisten Menschen so sehr am Herzen liegt. Der Philosoph Karl Popper hat sie beschrieben, jene atavistische Sehnsucht nach der Ruhe und Ordnung einer geschlossenen Gesellschaft, eine Sehnsucht nach Stillstand und Endgültigkeit, nach einer Welt ohne Wachstum, ohne Wandel und ohne Wechsel von Arbeitsplätzen und Wohnungen. Unternehmer­tum ist das Gegenteil von alledem. Es bedeutet Konkurrenz, Dynamik, Unruhe, Aufstieg und Abstieg.

In gewisser Hinsicht ist der Unternehmer in der deutschen Gesellschaft immer ein Fremdkörper gewesen. Im Kaiserreich gaben Militärs und Junker den Ton an, während der Weimarer Zeit waren es zunächst eine Linkskoalition und die Gewerkschaften. In der Nazi-Zeit bestimmten politische Ideo­logen das geistige Klima. Lediglich während der Jahre des Wirtschaftswunders, so scheint es, genoss der Unternehmer im Westen Deutschlands so etwas wie allgemeine Anerkennung.

Doch damit war es spätestens 1968 vorbei. Die Achtundsechziger fanden zwar eine Wirtschaftslage vor, wie sie kaum besser sein konnte. Es herrschte Hochkonjunktur im Land, und die Quote der Arbeitslosen lag unter einem Prozent. Und doch verflüchtigte sich während dieser turbulenten Jahre das Ansehen jener tatkräftigen Menschen, die die Wirtschaft nach dem Krieg in Schwung gebracht hatten und die sie am Laufen hielten.

Eine wachsende Zahl von Deutschen sah in den Unternehmern nunmehr einen politischen Gegner und zugleich einen Feind im Verteilungskampf. Linke begannen damit, die Gewinne der Unternehmen als überhöht zu kritisieren. Tatsächlich aber explodierten die Löhne. Allein in den drei Jahren von 1970 bis 1972 stiegen die effektiven Einkommen je Beschäftigtem um 40 Prozent.

Doch der Ton der Unternehmerkritiker wurde immer schriller. Es gebe in Deutschland eine „Disziplinierung der Lohnabhängigen“, so schrieb damals zum Beispiel ein „Kursbuch“-Autor namens Manfred Clemenz, „die an Effektivität der offenen terroristischen Disziplinierung im Faschismus durchaus vergleichbar ist“.

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Was in Wirklichkeit passierte, war, dass überzogene Lohnsteigerungen und steigende Staatsausgaben die Inflation auf Trab brachten. Sie begann 1973 zu galoppieren, als die Ölländer die Preise für ihren Rohstoff überfallartig vervierfachten. Mit der Rezession von 1975 ging dann ein Superboom zu Ende, der fast ein Vierteljahrhundert gedauert hatte. Damals brach für Deutschlands Unternehmer eine neue Zeit an.

Unter Kanzler Helmut Schmidt gelang es der deutschen Wirtschaft zwar rasch, aus diesem Tal wieder aufzusteigen, aber der Aufschwung war nicht von Dauer. Er hatte nämlich einen fatalen Konstruktionsfehler: Er war nicht das Werk von Unternehmern und Verbrauchern, sondern die Folge staatlicher Konjunkturprogramme und einer von der Bundesbank verabreichten Geldspritze.

Bundeskanzler Helmut Schmidt, SPD, und der Publizist Johannes Gross, hier im Jahr 1975. Als Gross 1980 impulse gründete, war Schmidt sein erster Titelheld. Foto: J.H. Darchinger

Die Rechnung folgte. Stark steigende Preise erzwangen einen Stabilisierungskurs, die Bundesbanker stiegen fest in die Bremsen. Die deutschen Unternehmer bekamen die Folgen schmerzhaft zu spüren. Firmenzusammenbrüche häuften sich. Und die Zahl der Arbeitslosen erreichte 1980 die Marke von einer Million.

Im selben Jahre wurde das Unternehmermagazin impulse gegründet. Das geschah zu einer Zeit, in der man in Deutschland mit Staatsanleihen mehr Geld verdienen konnte als mit einem Privatunternehmen. Die Bedingungen für die Wirtschaft hatten sich stark verschlechtert. Der Spitzensteuersatz betrug 56 Prozent. Zahlreiche sozialstaatliche Eingriffe, etwa im Arbeitsrecht, hatten das unternehme­rische Risiko erhöht. Zwar hatte die westdeutsche Wohlstandsgesellschaft bis 1980 die Erfahrung gemacht, dass die Ausstattung mit materiellen Gütern immer reichhaltiger wurde, das Ansehen der Unternehmerschaft war dabei aber stetig geschwunden.

Zugleich waren ihre Repräsentanten unter Beschuss geraten – im eigentlichen Sinn des Wortes. 1977 ermordete die RAF den Vorstandssprecher der Dresdner Bank Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Exponierte Unternehmerfamilien mussten um Leib und Leben ihrer Mitglieder fürchten. Verbrecher hatten in den 70er Jahren Theo Albrecht (Aldi) und den jungen Richard Oetker entführt. Das Kidnapping einer Quandt-Tochter hatte die Polizei gerade noch verhindern können.

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Wenn es damals in den Zeitungen und Magazinen um die Leistung von Unternehmern ging, dann meist um die von gescheiterten und schmachvoll abtretenden wie Max Grundig, der 1980 die Überlegenheit der japanischen Konkurrenz in der Unterhaltungselektronik als „reine Legende“ abtat. Und als „Der Spiegel“ in einer Titelgeschichte der Frage nachging, ob die deutsche Industrie die Zukunft verschlafe, lautete die Antwort Ja und der Schlusssatz: „Einen Heinz Nixdorf zu haben reicht nicht für 61 Millionen Deutsche.“

Das neue Unternehmermagazin erschien erstmalig in dem Jahr, in dem Ronald Reagan das Ziel seiner Träume erreichte – und Franz Josef Strauß das Seine verfehlte. Der unbeherrschte Bayer hatte auch im Unternehmerlager gegen eine Anti-Stimmung ankämpfen müssen. E
s war zugleich die Zeit, als die Grünen die politische Bühne betraten, eine Bewegung, der nicht nur der Sozialdemokrat Wolfgang Roth damals unterstellte, sie wolle „die Abschaffung der Industrie bei vollem Lohnausgleich“.

Das gesellschaftliche Klima wandelte sich und ein Unbehagen mit der Industriekultur machte sich breit. Einer wachsenden Minderheit schien Wirtschaftswachstum schlichtweg nicht mehr wünschenswert. „Mehrproduktion – bis zum Endsieg?“, so fragte der von der CDU zu den Grünen gewechselte Herbert Gruhl damals. Die Unternehmer galten vielen Bürgern in erster Linie als gewissenlose Umweltzerstörer. Und vom Computer erwartete man nichts anderes als die maschinelle Zerstörung von Arbeitsplätzen.
Auch in Wirtschaftskreisen herrschte ein Gefühl der Unsicherheit, das Deutsche-Bank-Chef Friedrich Wilhelm Christians so beschrieb: „Die 80er Jahre sind für den Unternehmer strategisch ein schwer einsehbares Terrain. Die 50er Jahre waren die Jahre des Stein auf Stein, die 60er die der wieder­gewonnenen Weltfreiheit, die 70er waren, jedenfalls von der Vorgabe der Politiker her gesehen, ‚O du fröhliche‘.“

Das neue Jahrzehnt begann mit einer Wirtschaftskrise, die die Zahl der Arbeitslosen auf zwei Millionen verdoppelte und die sozialliberale Koalition 1982 sprengte. Helmut Kohl wurde Bundeskanzler und allgemein bespöttelt. Aber er hatte das Glück des Tüchtigen auf seiner Seite. Ein schwacher Dollar und billiges Öl flankierten seine Steuererleichterungen für Unternehmer und den staatlichen Sparkurs. Die Stimmung hellte sich auf, der versprochene Aufschwung kam, das Wachstum stieg, die Inflation sank. Ökonomisch waren die 80er Jahre ein Erfolgsjahrzehnt.

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Dann kamen Wiedervereinigung und Währungsunion, doch das von manchen erwartete Wirtschaftswunder im Osten blieb aus, nicht zuletzt deshalb, weil der neuen Marktwirtschaft in der Ex-DDR die Unternehmer fehlten. Die Unternehmen im Westen dagegen nutzten die Chance und versorgten die Landsleute mit Autos, Kühlschränken, neuen Straßen und Telefonnetzen – und mussten sich dafür alsbald als »Gewinner der Einheit« schmähen lassen.
Zur Jahrtausendwende sah es kurzzeitig so aus, als erlebte das Unternehmertum in Deutschland eine Renaissance. Die New Economy brachte die Gelegenheit zu neuartigen Geschäften mit sich – und die Chance auf einen schnellen Reichtum. Ein kurzer, wilder Traum mit bösem Erwachen. Dass die neue Wirtschaft so schnell in sich zusammenfiel, das lag allerdings weniger an ihren Protagonisten, an Unternehmern wie Stephan Schambach und Paulus Neef, es lag vor allem am Überschwang der Finanzmärkte, der einen ruhigen Aufbau nicht zuließ. Und es sind ja auch nicht alle gescheitert. Ralph Dommermuth von United Internet (GMX) hat ein großes Unternehmen aufgebaut und beschäftigt heute fast 4800 Menschen.
Wollte man die Geschichte des Unternehmertums in Deutschland im vergangenen Vierteljahrhundert am Beispiel der Akteure erzählen, dann liegt es nahe, über die Sieger zu reden, über Männer wie die Albrecht-Brüder, die SAP-Gründer oder Reinhold Würth etwa. Ein Gewinner war auch der Schokoladenunternehmer Hans Imhoff, der sich in seinem langen Unternehmer­leben niemals mit müden Rechtfertigungen seines Gewinnstrebens aufgehalten hat. »Mein Wille zu Profit ist erkennbar«, pflegte der Stollwerck-Eigner zu sagen. Und: »Wenn ich heute pleite ginge, würde ich morgen mit einem Bauchladen als selbständiger Unternehmer an der Ecke stehen.«
Zu den Siegern zählen auch solche Unternehmer, die in erster Linie für den Erhalt ihrer Dynastien arbeiten, Männer wie August Oetker etwa. »An der Spitze eines Unternehmens, das seit 112 Jahren existiert und das in der vierten Generation von der Familie geleitet wird, wollen Sie nicht derjenige sein, der es an die Wand fährt«, sagt er.
Oder BMW-Großaktionär Stefan Quandt, Jahrgang 1966, das jüngste Mitglied der heute mächtigsten Wirtschaftsdynastie Deutschlands. Der Mann, dessen Großvater einst Varta führte, die IWKA kontrollierte und bei Daimler-Benz mitregierte, dessen Vater Anfang der 60er Jahre BMW übernahm und wieder aufrichtete, dieser Stefan Quandt bekennt: »Es gibt einen Ehrgeiz, diese Tradition fortzuführen.«
Und so beaufsichtigt er den weiß-blauen Autokonzern von Erfolg zu Erfolg und müht sich zusätzlich mit seiner Delton-Holding, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Quandts Schwester Susanne Klatten, Jahrgang 1962, ist im vergangenen Vierteljahrhundert nahezu unbemerkt zur reichsten Frau Deutschlands aufgestiegen. Sie hat neben BMW-Aktien auch noch die Pharmafirma Altana geerbt, die heute zu den großen deutschen Aktiengesellschaften zählt.
Ein Sieger ist sicher auch Heinz Dürr, der Familienunternehmer aus Schwaben, obwohl er es nicht geschafft hat, die AEG zu retten und die Bahn zu sanieren. Unternommen hat er beides. Und im eigenen Unternehmen, welches Lackieranlagen herstellt, eilte Dürr von Erfolg zu Erfolg.

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Wer das Unternehmertum in Deutschland fördern will, der muss sich für das Ansehen der Gescheiterten einsetzen. Die meisten Unternehmen tragen die Namen ihrer Inhaber. Gehen die Firmen unter, ist dieser Name in der Regel ruiniert. Nach dem Zusammenbruch der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co 1983 schrieb deren Seniorchef und Mitinhaber Alwin Münchmeyer: „Der Verlust an Reichtum schreckte mich weniger.“

Dabei ging es um ein Familienvermögen, das in 150 Jahren aufgebaut worden war. Schlimmer war für Münchmeyer, der viele Jahre Präsident des Bankenverbands gewesen war, etwas anderes: „Ich bangte um den Verlust der Achtbarkeit. Und für einen solchen Verlust war ich nicht gerüstet, er war in meinem Leben nicht vorgesehen.“

Dabei gehören scheiternde Unternehmer und Firmenzusammenbrüche zum Kapitalismus wie Käuferschlangen zum Sozialismus. Zu oft wird in der allgemeinen Schadenfreude vergessen: Es waren die Bruchpiloten, die das Fliegen vorangebracht haben, und nicht deren Zuschauer.

Unternehmer sind Menschen, die sich selbst öffentlich auf die Probe stellen. Wer vom Unselbständigen zum Unternehmer aufsteigt und in dieser Rolle besteht, der verdankt das in aller Regel den eigenen Fähigkeiten. Der Unternehmer beweist schon dadurch, dass er diesen Beruf eine Weile ausübt, seine Befähigung, was sich zum Beispiel von einem Hochschullehrer nicht sagen lässt. Der kann unfähig sein – und es bleiben bis zur Pensionierung.

Ein großer Verlierer ist auch Gerhard Schmid. Der Mobilcom-Gründer muss sich heutzutage sogar „Pleitier“ („Stern“) nennen lassen, weil er einen Insolvenzantrag gestellt hat. In Vergessenheit sind seine Verdienste geraten. Aber war nicht Schmid der Mann, der den Staatsmonopolisten Deutsche Telekom praktisch im Alleingang von seinen hohen Preisen heruntergeholt hat? Für 19 Pfennig verkaufte der Marketingfuchs 1998 die Telefonminute. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass die deutschen Telefonkunden durch diesen umtriebigen Unternehmer ein Vielfaches des Geldes sparten, das einige Aktionäre bei Mobilcom verloren haben.

Oder Michael Kölmel mit seiner Kinowelt. Die Filmrechtefirma schoss in der New Economy in die Höhe – und ging dann Pleite. Kölmel wurde wegen Untreue und Insolvenzverschleppung (nicht rechtskräftig) verurteilt, aber er gab nicht auf. Der Mann ist nämlich kein Hallodri, sondern ein Diplom­mathematiker und Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Vor allem aber ist Kölmel Unternehmer – immer noch und schon wieder. Kölmel hat die Filmrechte von den Banken wieder zurückgekauft, einige neue dazuerworben und ist jetzt wieder im Geschäft. Mit 90 Mitarbeitern.

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Auch Vollblutunternehmer Leo Kirch firmiert
heute als „Medienpleitier“ („Der Spiegel“). Richtig gut war Kirchs Ruf ja nie, über Jahrzehnte galt er ­als machthungriger Dunkelmann der deutschen Medienbranche. Er
kontrollierte Pro Sieben, Sat1, Kabel 1 und N 24 sowie Premiere. Ihm gehörten
die TV-Rechte an der Bundesliga und den Fuß-ball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006. An der Formel 1 hatte er die Mehrheit, beim Axel Springer Verlag waren es 40 Prozent. Nichts davon hatte Kirch geerbt.

Dieser Unternehmer liebte das Risiko, vielleicht zu sehr. Beim Einkauf von Rechten für Spielfilme und die Formel 1 hat er sich jedenfalls verspekuliert. „Ich wollte mit einer wachsenden Zahl von Mitstreitern aus einem kleinen Kern organisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern“, erklärte er sich erstmals 2002 selbst.

Die meiste Zeit seines Unternehmer­lebens hat Kirch geschwiegen. Er ist von anderer Art als zum Beispiel Rolf E. Breuer von der Deutschen Bank, ein Mann, der gerne und viel redet. Der Banker hat mit einer Bemerkung über Kirchs Kreditunwürdigkeit, weltmännisch gesprochen vor einer TV-Kamera in einem New Yorker Hotel, dem Unternehmer das Genick gebrochen. Als da­raufhin das ohnehin windschiefe Kirch-Konstrukt mit lautem Getöse zerfiel, erinnerte das Ganze ein bisschen an die Seilbahn in dem Film „Alexis Sorbas“. „»Hast du jemals etwas so schön zusammenkrachen sehen?“, fragt da der Makedonier seinen Herrn.

Kirch kann darüber noch nicht lachen. Er klagt gegen Breuer, durch den er sein unternehmerisches Werk zerstört sieht. Das Prozessieren füllt ihn allerdings nicht aus. Kirch, der nächstes Jahr 80 wird, würde gerne noch einmal etwas unternehmen: „Hungrig bin ich immer noch.“ Gesucht wird: eine zweite Chance.

Was eine Pleite bedeutet, das erfuhr auch der Ökonom Schumpeter am eigenen Leib, der Mann, der das Hohelied des Unternehmers so schön gesungen hat wie keiner vor und nach ihm. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Schumpeter die Universität verlassen und war einige Monate Finanzminister der Republik Österreich. Anschließend versuchte er sich als Privatbankier. Aber das Institut ging ban­krott, Schumpeter verlor sein gesamtes Vermögen und musste noch viele Jahre Schulden tilgen.

Was ihn noch schlimmer traf, war etwas anderes. Wegen seines ramponierten Rufs mochten ihn die österreichischen Universitäten nun nicht mehr haben. Der Professor war ein Pleitier und schien mit 42 Jahren am Ende. Doch dann erreichte ihn ein Ruf der Universität Bonn. Schumpeter erhielt eine neue Chance – in Deutschland.

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