Diverses US-Rettungsplan: Kein Grund für Euphorie

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Die Regierung der Vereinigten Staaten springt den Banken zuhilfe. Doch nach der ersten Erleichterung geben sich Strategen und Analysten eher skeptisch: Der Fonds sei relativ klein. Im schlimmsten Fall muss er 5000 Milliarden Dollar umfassen. Auch die Börsen bleiben unruhig: Die Händler fürchten um den Erfolg des Rettungspakets.

Die Unsicherheit über den Erfolg des 700-Milliarden-Dollar-Pakets zur Stabilisierung der Finanzbranche lastet auf den Märkten: Vor allem Finanzaktien zog es ins Minus. Der Dax gab um 0,7 Prozent auf 6066 Punkte nach. Und auch die europäische Indexkonkurrenz stand unter Druck: Frankreichs CAC 40 und der Londoner FTSE 100 sanken um 1,6 und 2,1 Prozent, Europas Stoxx 50 notierte 1,4 Prozent im Minus. Zuvor hatten die Entwicklungen an den US-Börsen den Anlegern eine unruhige Nacht beschert. Die US-Aktienindizes brachen um mehr als 3 Prozent ein, nachdem der Rohölpreis der Sorte WTI um zeitweise 25 Dollar auf 130 Dollar in die Höhe geschnellt war. Zuletzt war die Notierung für ein Fass (159 Liter) wieder stark gesunken und kostete 107 Dollar.

Das US-Finanzministerium stellte über das Wochenende ein 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Banken in Aussicht. Die Märkte reagierten erleichtert. Doch die Experten bleiben skeptisch: Sowohl für die Banken, als auch für die Börsen sowie die Wirtschaft im Allgemeinen löse der Ansatz zwar einige Probleme, aber bei weitem nicht alle.

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„Der Rettungsplan hat die Stimmung im Markt grundlegend verändert. Für die Finanzbranche ist das eine Erleichterung. Aber die Verbraucher werden weiter unter Druck stehen. Ein schwacher Konsum wird das weltweite Wirtschaftswachstum weiterhin belasten“, schrieben die Aktienstrategen der Credit Suisse in einem am Montag veröffentlichten Researchbericht.

„Börsen bleiben turbulent“

Auch David Kostin, Aktienstratege bei Goldman Sachs, will von einer Erleichterung noch nicht sprechen: „Wir sind angesichts der Ankündigungen des Finanzministeriums ermutigt. Doch wir halten daran fest, dass der US-Aktienmarkt erst im vierten Quartal seinen Tiefpunkt erreicht haben wird“, schrieb Kostin. „Die US-Börsen werden in den kommenden Wochen und Monaten turbulent bleiben.

Nachdem US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke zuerst von Einzelfall zu Einzelfall entschieden und dabei Rettungspakete für Bear Stearns, die beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac und den Versicherungskonzern American International Group (AIG) schnürten, vertrauen die beiden obersten Finanzbeamten der Vereinigten Staaten seit Freitag nun auf einen branchenweiten Ansatz: Eine Auffanggesellschaft soll den Banken problematische Wertpapiere abkaufen. Vorbild ist dabei unter anderem die Resolution Trust Corporation (RTC), die 1989 als Lösung gegen die Bausparkassenkrise eingesetzt wurde.

Euphorie macht sich trotzdem nicht breit. Die Bankanalysten der Deutschen Bank verweisen auf die Größe des Fonds. Mit einem Volumen von 700 Milliarden Dollar werde die Auffanggesellschaft nicht die Bilanzen aller Finanzinstitute erleichtern können. So beliefe sich der Bestand an Immobilienkrediten für Privatpersonen auf 2000 Milliarden Dollar, an gewerblichen Hypotheken auf 1900 Milliarden Dollar und an hypothekenbesicherten Anleihen auf 1100 Milliarden Dollar. „Da werden auf jeden Fall Lücken klaffen. Nicht alle Wertpapiere werden abgedeckt werden“, schrieben Deutsche-Bank-Analyst Michael Mayo und Kollegen.

Darüber hinaus haben die Deutsche-Bank-Experten ein weiteres Problem identifiziert: Nicht alle Banken hätten ein Interesse daran, an dem Auffangprogramm teilzunehmen. Denn: Noch haben nicht alle Finanzinstitute ihre Wertpapierbestände deutlich abgeschrieben. „Unsere Schlussfolgerung lautet deshalb: Die Banken, die die größten Wertberichtigungen vorgenommen haben, werden das Schlimmste vermeiden können. Bei anderen Banken ist das nicht der Fall.“

Für Europas Banken gibt es begrenzte Vorteile. Nicht nur können sie – so sehen es die ersten Entwürfe jedenfalls vor – direkt mit der Auffanggesellschaft verhandeln. Sie würden auch von einer höheren Liquidität auf den Kreditmärkten und dem dann verbindlichen Kaufpreis profitieren, schrieben die Bankanalysten der Citigroup. Besonders wichtig dabei sei die Stützungsaktion für Geldmarktfonds. Nach heftigen Abflüssen entschluss sich die Regierung, die Fonds mit 50 Milliarden Dollar zu sichern. Der direkte Effekt: eine Stabilisierung des Marktes für Asset Backed Commercial Papers (ABCP), mit denen sich Zweckgesellschaften der Banken refinanzieren und die häufig von Geldmarktfonds gekauft werden.

Citigroup-Analyse: Deutsche Bank mit großem Kapitalbedarf

Keine Entspannung gebe es aber bei den Kapitalquoten, so die Citigroup-Analysten. „Trotz der Kapitalerhöhungen haben sich die Quoten teilweise noch verschlechtert. Einige europäische Banken haben aus unserer Sicht enorme Defizite.“ Besonders hoch sei das Defizit bei der Deutschen Bank, der Hypo Real Estate, Bradford & Bingley, Barclays und der Commerzbank. Das US-Rettungspaket sei in dieser Hinsicht zwar positiv zu bewerten, mehr aber auch nicht. Dazu sei der Kapitalbedarf noch viel zu groß.

Auch die Erfahrungen in anderen Ländern mit Bankenrettungen ernüchtere, so die Citigroup-Experten. Beispiel Finnland und Japan. Die Regierung beider Länder paukte Mitte der 90er-Jahre die Finanzbranche aus Schieflage heraus. Doch die Erholung ließ auf sich warten: „Der Bankensektor erreichte erst nach acht Jahren seinen Tiefpunkt.“

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