Diverses Versäumnisse der Familienunternehmen

Gerd Kühlhorn, Chefredakteur

Gerd Kühlhorn, Chefredakteur

Familienunternehmen sind dabei, eine große Chance zu verpassen: In Zeiten, in denen es zunehmend schwierig wird, hervorragend ausgebildete und hoch motivierte Mitarbeiter zu rekrutieren, verzichten sie darauf, das größte brachliegende Potenzial an Arbeitskräften zu nutzen: Frauen, die nach einer Babypause wieder zurück in einen Job wollen.

Nach einer Studie der Deutschen Bank warten über zwei Millionen Mütter in der sogenannten stillen Reserve des Arbeitsmarkts auf ein Angebot – das indes eine Voraussetzung erfüllen muss: Arbeitsbedingungen, die es den Frauen erleichtern, Job und Kinder unter einen Hut zu bringen.

Doch genau da hapert’s bei den meisten mittelständischen Arbeitgebern. Eine Umfrage der
Hertie-Stiftung unter 1.500 Unternehmen mit
50 bis 1.000 Beschäftigten brachte dies an den
Tag. Auf die Frage „Welche Leistungen bieten
Sie zur Sicherstellung einer geeigneten Betreuung von Kindern an?“ erklärten weit über 60 Prozent der Firmen: keine. Die häufigste Begründung: Man sorge sich wegen der Kosten.

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Dabei zeigen positive Beispiele, wie wenig es an
Investitionen braucht, um berufstätigen Müttern
die Arbeit zu erleichtern: Kinderbetreuung
in Notfallsituationen, Kooperationen mit Familienservice oder Belegplätze in Kindergärten
kosten nicht die Welt, doch jede dieser Maßnahmen wird nur von verschwindend wenigenBetrieben eingesetzt.

Die Mehrzahl der Firmenchefs setzt offenbar
darauf, der Staat werde das Problem der Verträglichkeit von Familie und Beruf für sie lösen. Ein fataler Irrtum. Selbst eine vergleichsweise noch gut situierte Stadt wie Köln wird bis zum Jahr 2010 allenfalls 20 Prozent ihrer Kinder bis 14
Jahren eine Ganztagsbetreuung bieten können.

Und die geradezu grotesken Reaktionen
auf den Vorstoß von Bundesfamilienministerin
Ursula von der Leyen, mehr Betreuungsplätze
für Kinder einzurichten, stärken die Vermutung:
Selbst die ohnehin eher mageren Versprechungen der Familienpolitiker werden in den Parteigremien nochmals gestutzt. Denn offenkundig gibt es in der Union eine Mehrheit, die das traditionelle Familienbild der Christdemokraten gefährdet sieht, wenn allzu viele Mütter auf den Arbeitsmarkt rennen. Und etliche Indizien deuten darauf hin, dass nicht allzu wenige Sozialdemokraten auch in dieser Frage eine Große Koalition mit der Union bilden.

Bezeichnenderweise sind es zwei Politikerinnen,
die derzeit versuchen, dieser Entwicklung
mit aller Kraft gegenzusteuern. Familienministerin
von der Leyen und Bundeskanzlerin Merkel
gründeten im vergangenen Jahr die Aktion
„Familie und Wirtschaft“, unterstützt von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Eine der ersten konkreten Maßnahmen ist der Aufbau eines „Unternehmernetzwerks Erfolgsfaktor Familie“, das der Deutsche Industrie- und Handelskammertag fördert. Bislang beteiligen sich annähernd 300 Unternehmen an dieser Aktion. Angesichts der über 300.000 Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten ein eher bescheidener Erfolg.

Eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse,
erstellt von Experten im Auftrag der Bundesregierung,
zeigt den Unternehmern, wie teuer sie
ihr Versäumnis zu stehen kommt: Wer eine qualifizierte Mitarbeiterin wegen Schwangerschaft
dauerhaft verliert, zahlt für Neuakquise, Einarbeitung
und andere Folgekosten deutlich drauf
– zwischen 19.000 und 27.000 Euro pro Arbeitsplatz.

Unternehmer, die auf dem Arbeitsmarkt
dann nicht mehr fündig werden, dürfen sich
nicht beschweren – dies ist das Ergebnis ihrer
eigenen Versäumnisse.

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