Diverses Von Geistern und Muße

Kaum ein Ort in Kanada gilt als so verspukt wie Victoria. Doch die Hauptstadt von British Columbia hat für Reisende noch mehr zu bieten als nur historisch begründete Verschrobenheiten: Victoria bringt das Kunststück fertig, ihr britisches Erbe hoch zu halten und gleichzeitig mit vielen Alternativläden, High-Tech-Jobs und Pub-Brauereien ganz auf der Höhe der Zeit zu sein.

Wer sich nach Geistern sehnt, begibt sich am besten in die Gesellschaft von John Adams. Der graubärtige Historiker geht ein- bis zweimal am Tag auf eine Tour durchs Stadtzentrum von Victoria. Dass es ausgerechnet zwischen den Fassaden aus dem 19. Jahrhundert so sehr spukt, erklärt Adams mit dem vielen Salzwasser rund um die Stadt und dem Vulkangestein im Untergrund: „Das hält die Energie der Geister fest.“

Gruselig ist zum Beispiel „Rogers Chocolates“ an der Government Street, ein 1903 errichtetes Haus. John erzählt von Geisterhänden, die in die Ladenkasse greifen, und von heller Schokolade, die von einem Unsichtbaren aus dem Regal genommen und am Fußboden zerstampft wird. „Das müssen die früheren Besitzer sein, Charles und Leah Rogers. Die mochten nur dunkle Schokolade.“ Verkäuferin Charlotte nickt dazu: Erst heute habe sich ganz von allein die Stereoanlage im Raum eingeschaltet. Schon laufen erste kalte Schauer über den Rücken.

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Als besonders verspukt gelten außerdem der Bastion Square und das feudale „Empress Hotel“ am Hafen. Hier erleben Gäste angeblich oft, dass eine ältere Frau anklopft und nach ihrem Zimmer fragt. „Sie nennt dann die Nummer eines Raumes, den es nicht mehr gibt, weil dort 2001 ein Fahrstuhl eingebaut wurde“, sagt John. In dem Raum sei einst eine ältere Dame gestorben. „Nun ist das Zimmer ihres Geistes weg. Und wenn sich der Gast dann umdreht, verschwindet auch die Frau.

Im „Empress Hotel“ gibt es aber auch angenehmere Erlebnisse – zum Beispiel den klassischen englischen „Afternoon Tea“. Seit 1908 wird er täglich den Gästen serviert. Anschließend gibt es Wraps mit Krabben, Thunfisch, Gurke und Mangomus, dann Scones mit Marmelade und Sahne und zum Schluss Kekse. Die Kellner tragen weiße Handschuhe, das Porzellan hat das Dekor wie beim Besuch von König Georg VI. 1939 – alles ist hier „very British“.

Das soll es auch sein, vor allem amerikanische und asiatische Gäste suchten nach lebendigen Traditionen aus der Kolonialzeit, so Kristine George vom örtlichen Tourismusamt. Zu den Requisiten, die ein „Klein-Britannien“ am Pazifik vorgaukeln sollen, gehören zum Beispiel die Doppeldeckerbusse auf den Straßen sowie Geschäfte wie der „Edinburgh Tartan Shop“ mit klassischer Damen- und Herrenmode.

Doch Victoria ist längst mehr als eine Stadt mit viel britischer Geschichte. Im Beacon Hill Park markiert ein Schild die „Meile Null“ des Trans-Canada-Highways, der bis Neufundland führt. Um den Market Square haben sich Boutiquen und Designläden angesiedelt. Und es gibt vier Pub-Brauereien, die ihre Lager- und Ale-Kreationen vor allem einem Publikum aus Twens und Mittdreißigern servieren.

Christian Röwekamp, gms

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