Diverses Warum unsere Medien die Reformen behindern

Schlusspunkt-Autor Jürgen Großmann, 53, hat eine beeindruckende Unternehmerkarriere hinter sich. 1993 kaufte er eine marode Stahlfirma im Management-Buy-out auf. Heute erzielt seine Georgsmarienhütte Holding GmbH, deren geschäftsführender Gesellschafter er ist, mit gut 7000 Beschäftigten 1,5 Milliarden Euro Umsatz.

Medien könnten so viel ausrichten. Mit all ihrer Recherche-, Sprach- und Bildkompetenz bringen sie jegliche Voraussetzungen mit, um in der Spitze der politischen Reformbewegung zu laufen. Stattdessen reihen sie sich ganz weit hinten ein: Sie liefern uns eine Reformberichterstattung, die diesen Namen nicht verdient.

Im Jahr 2004 gab es rund eine Million Berichte in Presse und Rundfunk zu den Themen Arbeitsmarkt, Haushalt, Steuern, Gesundheit und Rente. Allesamt Bereiche, bei denen es im ureigenen deutschen Interesse liegt, sie zukunftsfähig zu machen – wettbewerbsfähig im Verteilungskampf der Industrieländer weltweit. Bei grober Zählung fallen bestenfalls 30 Prozent aller Beiträge in diese Was-Bewegen-Kategorie.

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Eine großzügige Rechnung: Denn viele davon folgen dem Bad-News-Muster, wie es Chefredakteure lieben: Einzelschicksale von dreisten oder wehklagenden Hartz-IV-Empfängern, Rentner ohne Gebissanspruch und jugendliche Mehrfachstraftäter, die sich dem Ein-Euro-Job entziehen wollen – so lassen sich offenbar Zeilen füllen und Leser binden. Kurioserweise gab es die meisten konstruktiven Reformartikel im Sommerloch. Anscheinend macht auch das Schicksal mal Urlaub.

Wer könnte dagegenhalten? Die Politiker, ja sicherlich. Dumm nur, dass sich diese Berufskaste in der Mediengesellschaft selbst verändert hat. Der neue TV-taugliche Homo politicus hat inzwischen den Grundsatz verinnerlicht, dass Präsenz vor Inhalt geht.

Und so sieht sich der Politiker am liebsten selbst, am besten auf allen Kanälen. Deshalb ist es für Parlamentarier von immenser Bedeutung, im Umfeld von Maybrit Illner und Sabine Christiansen herumzuscharwenzeln. Denn in den dortigen Redaktionen wird Woche für Woche nicht nach den kundigsten, sondern den „interessantesten“ Gästen gefahndet.

Gefragt ist nicht die schlüssige Argumentationskunst, sondern sendefer­tige 40-Sekunden-Totschlagrhetorik. Deshalb ist Gregor Gysi, ein ebenso agiler wie bedeutungsloser Politiker, einer der häufigsten Gäste in diesen Runden.

Diese vermeintlich „interessanten“ Politiker sind es dann, welche die bekannten Wortverdrehungen liefern: Wer macht aus Kürzungen „Reformen“, aus Mehrarbeit „Flexibilisierung“ und aus Verschuldung das „flexible Sparen“? Mein großer Vorwurf an die Medien: Ihr enttarnt zu wenig! Lasst die in Watte verpackte, inhaltsleere Semantik nicht über den Äther gehen oder ins Blatt heben.

Natürlich, die Medien sind inzwischen längst betriebswirtschaftliche Gebilde, die vor allem an Quote, Werbung und Absatz denken müssen: Controlling statt Content ist angesagt. Aber mit dem immer währenden Hinweis auf ökonomische Zwänge bauen sich die Medienschaffenden in Wahrheit nur Notausgänge, in die sie mit ihrer Fantasielosigkeit flüchten.

Es gelingt ihnen nicht mehr, das Publikum mit den für unser Land wirklich bedeutsamen Themen zu fesseln. So kommt aus den Medien eben kein Reformdruck: Echte strukturelle Modernisierungsvorschläge werden auf inhaltsleeres Talk-Format zurechtgestutzt und sodann im medialen Kurzzeitgedächtnis entsorgt.

Was ist zu tun? Wir Bürger sollten die Verantwortlichen in Verlagen und Sendern daran erinnern, dass guter Journalismus gut ausgebildete Journalisten und auch Geld erfordert. Wir halten mit der Fernbedienung und dem Portemonnaie eigentlich alle Druckmittel in der Hand.

Denn zum Glück gibt es sie noch, die Produkte, welche dem Trend widerstehen. Wir sollten auch die Journalisten darauf stoßen, dass sie Verantwortung für unser Gemeinwesen tragen. Schluss­endlich geht auch ein Tritt an die Politiker-Schienbeine: Wir brauchen Reformer, die erst an die Sache und dann an die Kameras denken.

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