Diverses Was darf es sein, Annette Görtz?

impulse-Lunch in Gütersloh: Die Designerin Annette Görtz spricht bei Bärlauchsüppchen und Thunfischvariation über die Vorzüge der Provinz, Mode für moderne Frauen und den Wunsch nach einem großen Namen.

Gütersloh. Wem bei diesem Namen
überhaupt etwas Bedeutendes einfällt,
der denkt vielleicht an Bertelsmann,
Miele oder daran, dass die SPD
dort bei der letzten Bundestagswahl
mehr Stimmen erhielt als die CDU. Gütersloh,
das ist Provinz, irgendwo im Regierungskreis
Detmold, gleich neben Bielefeld.

Annette Görtz stört das nicht. „Die
anderen sitzen doch auch in der Provinz.“
Die anderen, das sind Modelabels
wie Boss oder Strenesse, Marken, mit denen
sie sich messen will. Auch wenn diese
bekannter sind und größer. „Für mich
ist es wichtig, in 15 Minuten bei der Arbeit
zu sein und schnell in Hamburg,
Düsseldorf und Berlin. Außerdem bin ich
sowieso ständig unterwegs, und gute Restaurants
gibt es hier auch.“

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Das Medium beispielsweise, das in der
alten Nudelfabrik Platz gefunden hat.
Roter, rauer Backstein und große Sprossenfenster
bestimmen den Raum. „Ich
bin gern hier. Mittags kann man prima
was Kleines essen, und am Abend sind
die Atmosphäre und die Karte einfach
klasse.“ Annette Görtz bestellt das Bärlauchsüppchen,
das der Mittagstisch anbietet.
Vorweg gibt es drei Variationen
vom Thunfisch, die sie der Abendkarte
entnimmt.

Besonders zu sein, das soll auch für die
Mode gelten, die Annette Görtz für Frauen
kreiert, die anders sein möchten als ihre
Nachbarinnen. Frauen, die „keinen
Hermès-Gürtel und keine Burberry-Bluse
brauchen, um sich darzustellen2. Frauen,
die ihren Status, ihre Haltung durch Understatement
ausdrücken. Durch hochwertige Materialien in den Farben
Schwarz, Weiß, Beige und der breiten Palette
der Graunuancen. „Bunt kann ich
nicht“, sagt die große, kräftige Frau, deren
helle Haarsträhne im dunklen Haar
den Schwarz-Weiß-Look ihres eigenen
Outfits unterstreicht. „Wenn ich das bei
anderen Designern sehe, denke ich: Genial,
aber es ist nicht meine Welt und
funktioniert auch nicht.“

Mode für Frauen, nicht für Püppchen

So hat Annette Görtz eine Welt der
klaren Form- und Farbsprache geschaffen,
deren Entwürfe von der japanischen
Kultur und den belgischen Modemachern
gleichermaßen beeinflusst sind.
Ihre Mode ist weiblich, ohne niedlich
zu sein, ihr Spiel mit Volumen und
geometrischen
Anleihen kreiert das
Bild einer selbstbewussten Frau. Und
weil die typische Annette-Görtz-Kundin
nicht nur über 40 ist, sondern eben auch
kein Püppchen, „produzieren wir bis
Größe
46. Damit Frauen wie ich da auch
noch reinpassen“.

Die Schar ihrer Anhängerinnen
wächst. 450 Verkaufsstellen in
31 Ländern. Von Krise keine Spur. Noch
nicht? „Wir hatten nie zuvor einen so
guten
Abverkauf wie in diesem Sommer.“
Besonders die Russinnen mögen den
selbstbewussten Look. Vier reine Annette-
Görtz-
Läden gibt es allein in Moskau.

25-jähriges Bestehen feiert das Unternehmen
diesen Sommer – viel Zeit, um
bekannt zu werden. Und eine erstaunlich
lange Zeit, um sich am Markt zu behaupten,
ohne zum großen Namen zu werden.
„Es ist leichter, bekannt zu werden, wenn
man wilde, plakative Mode macht. Aber
das bin ich nicht.“

Dass der Name größer
wird und jene Begehrlichkeit hervorruft,
für die etwa Jil Sander steht, wünscht sie
sich trotz aller Abneigung gegen das
sprichwörtliche Klappern. Fünf Prozent
ihres Etats steckt die Firma ins Marketing,
etwa für Anzeigen in „Vogue“ oder
„Elle“.

Aber die Marke von der Basis einer
anspruchsvollen Understatementmode
in jene höheren Sphären zu führen, in
der allein der Name den Kaufimpuls auslöst,
ist schwierig. „Audi hat es geschafft,
sein Image vom Opaauto mit Hutablage
zum Lifestylewagen zu drehen. Aber da
steht ja auch ein Konzern dahinter.“

„Ich bin kein Typ für die Ablage“

40 Mitarbeiter beschäftigt ihr Unternehmen,
darunter vier Männer. Einer davon
ist ihr Ehemann Hans-Jörg Welsch.
Als Geschäftsführer kümmert er sich um
die Angelegenheiten, für die die Kreative
keinen Sinn hat. „Ich bin kein Typ für
die Ablage. Bei mir ist immer Chaos.“
Das Firmenjubiläum fällt mit ihrem
Geburtstag zusammen. 50 wird sie
und feiert dies mit rund 500 Gästen – ein
Großteil ihre Kunden – auf ihrem Anwesen,
15 Minuten von Gütersloh entfernt.
Dort ist es noch ruhiger als in der Kreisstadt.
Eine gute Basis, um bodenständig
zu bleiben. Aber Gift für jemanden, dessen
Beruf es ist, den Schwingungen der
Moderne Ausdruck zu geben.

„Ich reise ja viel“, sagt sie und leert
genüsslich
die Schale mit dem Bärlauchsüppchen.
„Vielleicht funktioniert es deshalb
so gut. Weil ich beides
habe. Das Land
und die Großstadt.
Aber“, fügt sie
hinzu, „manchmal
könnte ich
ruhig mehr abheben.“

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