Diverses Was darf es sein, Bernd Heusinger und Marcel Loko?

Die Gründer der Agentur Zum goldenen Hirschen sprechen bei Risotto und Melonensuppe über allzu witzige Werbung und ihre Grünen-Kampagne.

Nie wieder würden
sie sich Zum goldenen
Hirschen nennen.
Anfangs fiel der Name
noch aus dem Rahmen,
er war anders als die anderen, er war ironisch.
Heute, 14 Jahre nach Gründung
der Agentur, ist es in der Pointenbranche
längst üblich, Heimat oder Plantage zu
heißen. In der zwanghaft witzigen Welt
der Werber wollen die Hirsche Bernd
Heusinger und Marcel Loko aber nicht
länger witzig sein. Nein, sie wollen nicht
einmal Werber sein. „Deshalb steht hier
auch Ideenagentur drauf“, sagt Bernd
Heusinger und legt seine Visitenkarte auf
den weiß gedeckten Restauranttisch.

Es war ihre Idee, sich im Portonovo an
der Hamburger Außenalster zum impulse-
Lunch zu treffen. Obwohl ihr Büro gegenüber
auf der anderen Seeseite liegt,
essen beide zum ersten Mal auf dem sanft
hin- und herschaukelnden Promi-Ponton.
„Wir probieren gern mal neue Lokale
aus“, sagt Marcel Loko und bestellt Ravioli
mit Pfifferling-Trüffel-Füllung und
vorweg Jakobsmuscheln mit gebratenem
Spinat. Sein Partner wählt Risotto mit Pilzen
und Filetspitzen sowie kalte Melonensuppe
mit Hummer.

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Zwei Stühle, eine Meinung

Sie sprechen immer
in der Wir-Form, stockt der Redefluss
des einen, führt der andere den Satz zu
Ende. Zwei Stühle, eine Meinung.
Menschen, die tagein, tagaus das tun,
was sie eigentlich nicht tun wollen – in
diesem Fall werben – machen in der
Regel einen deprimierten Eindruck.
Nicht so die beiden 47-jährigen Kreativchefs.
Im Gegenteil: Sie sonnen sich beim
Italiener
im Erfolg.

Während
die Konkurrenz unter der Wirtschaftskrise
leidet, Kurzarbeit
einführt und Stellen abbaut,
dürfen die Hirsche hoffen,
2009 fast so viel umzusetzen wie im Vorjahr;
da waren es 18 Millionen Euro.

„Wir profitieren auch von der Krise“

„Von der Krise sind besonders die klassischen
Agenturen betroffen, die auf doppelseitige
Anzeigen und TV-Spots spezialisiert
sind“, erklärt Bernd Heusinger.
Weil der Etatanteil, der in diese Werbeformen
fließt, kleiner und kleiner werde.
Aber die Hirsche seien eben keine klassische
Agentur, vielmehr für einen „Mix
der Disziplinen“ bekannt, für Kampagnen,
die Werbung, PR, Event, Guerilla-
Marketing und Internetaktionen miteinander
verbinden. „Daher profitieren wir
auch von der Krise“, sagt Bernd Heusinger,
und Marcel Loko stimmt ein: „Super,
damit lagen wir damals genau richtig.“

Mitte der 90er-Jahre waren sie „beide
gleich genervt“ (Loko) von ihrer Zunft
und deren „Fokussierung“ auf Anzeigen
mit einem lustigen Spruch und auf 30-Sekunden-
Spots mit einer witzigen Pointe.

Sie lernten sich als Texter bei Springer &
Jacoby kennen, kündigten und eröffneten
in einem Hamburger Hinterzimmer
für 200 Mark Miete ihr erstes Büro – und
grübelten lustige Sprüche aus.
Um auf sich aufmerksam zu machen,
ließen es die Newcomer ordentlich krachen.
Ihre Plakate für den Kinofilm „Kai
Rabe gegen die Vatikankiller“ mit Slogans
wie „Heinz Hoenig fickt sie alle“
oder „Hannelore Elsner hat Blut geleckt“
empörte die Kirche und bewies den Erfindern,
dass mit wenig Aufwand – auch
finanziell – viel zu erreichen ist.

In der Kundschaft dürfte sich herumgesprochen
haben, dass es nicht teuer
sein muss, wenn die Hirsche röhren. Im
Rahmen ihrer aktuellen Kampagne für
Bundeswertpapiere ließen sie den „Finanzexperten
Günther Schild“, eine
Schildkröte, in Bronze gießen und neben
Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse
aufstellen. Nicht nur die „Tagesschau“ berichtete
von der Aktion, erzählt Heusinger,
„die vielleicht 10.000 Euro“ kostete.

Die einstige Krawallagentur ist politisch
so gut vernetzt wie keine andere.
Sie warb für die Agenda 2010 der Bundesregierung
und ist seit 2002 („Grün
wirkt“) die Hausagentur
der Ökopartei. Zwischen
der Kommunikation
von Produkten
und Parteien gibt es
für sie keine Unterschiede.
„Wir schreiben
ein Drehbuch für
den Wahlkampf, eine
Geschichte, die
über mehrere Monate
angelegt ist,
mit verschiedenen
Plots, um den
Gegner zu verwirren
– das funktioniert
auch in der
Wirtschaft“, sagt
Bernd Heusinger.

Für Limonade
zu werben,
pflichtet Marcel Loko bei, sei „nichts
anderes als Wahlkampf“. „Aus der Krise hilft nur Grün“, heißt
ihr Slogan für den Bundestagswahlkampf
2009. Die Plakate erinnern mit ihren
knalligen Farben und einfachen Motiven
an Street-Art und Graffiti-Kunst „Es ist
Retrodesign“, klärt Marcel Loko auf. Zurück
zu den Wurzeln? Zumindest optisch
machen die Grünen schon wieder den
Eindruck einer Protestpartei.

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