Diverses Was darf es sein, Carl Geisel?

Der Münchner Hotelier über ausbleibende Gäste, Promis als Zugpferde und das "nicht voll durchdachte" FDP-Steuergeschenk.

Noch ein paar Tage, dann geht es ab nach Schweden. Während in München die erste laue Luft nach dem Dauerwinter die Stadt erfüllt, sind es nachts in Schweden noch minus 36 Grad. Aber Carl Geisel fährt nicht zum Frieren dorthin, sondern zum Autofahren. Über gefrorene Seen will er brettern, schauen, was er und der Porsche aushalten. Entspannung nennt er das.

Wenn er Entspannung jetzt und hier braucht, dann geht er ins Restaurant Jin am Altstadtring. Setzt sich in das puristisch eingerichtete Lokal und sagt: „Mach mal!“ Auch heute verzichtet er auf den Blick in die Karte und vertraut den Ideen des Küchenmeisters. Hao Jin, den Carl Geisel seinen Freund nennt, macht also. Bringt vier Gänge auf den Tisch, zunächst einen lauwarmen Salat von Jakobsmuscheln, dann Garnelen und Kabeljau und das, was die Japaner Tono nennen, den fetten Bauchlappen vom Thunfisch. Das beste Stück des Fisches setzt ganz unglaubliche Aromen frei. „Jin ist Autodidakt“, sagt Geisel voller Anerkennung und freut sich, dass sich dessen Kunst mit jedem Bissen entfaltet.

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Familienunternehmen in vierter Generation

Der 51-jährige Münchner weiß um die Mühen, die es kostet, einen Betrieb oben zu halten. Zusammen mit seinen 42 und 39 Jahre alten Brüdern Michael und Stephan führt er das Familienunternehmen in der vierten Generation. Zu den Geisel Privathotels gehören das Businesshotel Cosmopolitan und das Designhotel Anna; hierfür ist Michael Geisel verantwortlich. Die weiteren Häuser, das Vier-Sterne-Hotel Excelsior und – die Kirsche auf der Torte – der Königshof mit seinen fünf Sternen und dem mehrfach ausgezeichneten Restaurant, werden von Carl geführt. Um die Weinhandlung kümmert sich Stephan Geisel. Alle Entscheidungen treffen die Brüder gemeinsam. „Bisher haben wir immer einen Konsens gefunden“, sagt der Erstgeborene. Konstruktives Streiten gehört bei den Geisels zum Handwerk.

Carl Geisel ist ein großer, stattlicher Mann. Sofort fällt einem das Wort Hoteldirektor ein, aber der Begriff beschreibt nur unzureichend, was er alles zu tun hat. Anders als bei einem angestellten Direktor zählt neben dem operativen Geschäft auch die Unternehmensstrategie und Finanzierung zu seinen Aufgaben. „Es bedeutet, extrem viel Verantwortung zu tragen und dabei akribisch zu arbeiten. Ich glaube, es gibt kaum ein breiter gefächertes Arbeitsfeld“, sagt Geisel.

Und der Markt ist schwierig geworden. Auch wenn Carl Geisel „den ersten Silberstreif am Horizont sieht“ – die Krise hat die Hotellerie voll erwischt. Da nützt auch das FDP-Mehrwertsteuergeschenk nichts. „Das Gesetz ist nicht voll durchdacht. Für Firmenkunden sind Übernachtungen sogar teurer geworden, sie können nur noch sieben Prozent an Vorsteuer auspreisen, nicht mehr 19.“ Und die Kunden machen Druck: „Einige der großen Firmen haben bereits im Oktober klar gesagt, sie erwarten, dass wir die Steuersenkung eins zu eins an sie weitergeben. Sonst würden sie keine Verträge mehr mit uns schließen.“

Mit ihrem Portfolio haben die Geisels zwei Sorgenkinder in der Tasche: Die auf hohe Auslastung ausgerichteten Drei-Sterne-Businesshotels in den Großstädten tun sich schwer, weil es zu viele von ihnen gibt. Gleichzeitig ist der Luxusmarkt eingebrochen. Firmen geben zwar kaum weniger Geld aus, aber sie tragen es nicht mehr zu den großen Namen. Hinzu kommt, dass Privatreisende immer seltener im Voraus buchen, was die Personaldisposition erschwert. Für einen wie Geisel, der möglichst nicht auf Fremdpersonal zurückgreifen will, eine schwierige Situation. Schließlich ist „unser Vorteil den großen Häusern gegenüber die persönliche Ebene. Wir haben nicht deren hohe Fluktuation.“ Die Mitarbeiter des Königshofs sind teilweise seit 30 Jahren im Haus. „Unsere Gäste schätzen den persönlichen Service, den wir bieten können, weil unsere Mitarbeiter die Gäste kennen.“

„Wie Joschka Fischer, der am Morgen im Frühstücksraum saß?“ Es gibt Häuser, entgegnet Carl Geisel, die „speziell die Öffentlichkeit suchen, indem sie sich prominente Gäste ins Haus holen. Wir sind in dieser Hinsicht nicht aktiv.“ Der Mann, der 2008 als Hotelier des Jahres ausgezeichnet wurde, begreift sein Haus als eines für Gäste, die nicht gesehen werden wollen. „Wenn Sie Fischer nicht gesehen hätten“, fügt er etwas grimmig hinzu, „von mir hätten Sie nie erfahren, dass der heute Nacht da war.“ Doch das Murren verschwindet augenblicklich – Herr Jin bringt gebratene Garnelen, die er zusammen mit Thai-Spargel und einem cremigen Sesamdressing serviert.

Carl Geisel, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist, hat nicht viel Zeit zum Reisen. Dennoch versucht er, immer auf dem neusten Stand zu sein, was Trends und Entwicklungen in Gastronomie und Hotellerie anbelangt. Ein überraschender Zug, schließlich zeichnen sich seine Häuser nicht gerade durch Moderne aus. Da legt sich Freude auf sein Gesicht, mit seinem Lieblingsspruch antworten zu können: „Keine Tradition ohne Innovation.“ Das werden sich auch die Schweden sagen, die früher sicherlich eher mit dem Schlitten übers Eis gefegt sind als mit dem Porsche.

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