Diverses Was darf es sein, Catharina Cramer?

Die Chefin der Brauerei Warsteiner über Königsberger Klopse, Ärger mit der Presse und ihre Stammkneipe in Köln, in der es nur Kölsch gibt.

Erst heute früh hat der Herr Papa sie angerufen. Ob sie nicht zum Mittagessen rüberkommen wolle, es gäbe Königsberger Klopse? „Nee danke, Papa“, hat Catharina Cramer gesagt, „ich geh doch heute Abend ins Restaurant, da gibt’s auch Königsberger Klopse.“ Nur der Höflichkeit halber schaut die 32-Jährige kurz in die Karte, die Wahl ist längst gefallen.

Königsberger Klopse kennen 93 Prozent der Deutschen, hat das Marktforschungsinstitut Forsa vergangenes Jahr ermittelt. Gar 97 Prozent, das besagt eine andere Studie, kennen Warsteiner. Ein perfektes Paar also, das 200 Jahre alte Rezept aus Ostpreußen und das 250 Jahre alte Bier aus Warstein. Die Chefin der Brauerei sitzt mit unkalkulierter Wonne vor ihrem Teller, höchst zufrieden, dass die säuerliche weiße Kapernsauce mit einer Schüssel Rote Bete gekontert wird, und seufzt mit ihrer hopfenherben Stimme: „Da könnt’ ich mich reinlegen.“

Anzeige

Der Job, den die jüngste der drei Cramer-Schwestern vor drei Jahren antrat, war zunächst weniger angenehm. Nachdem sie zur Juniorchefin der Privatbrauerei aufrückte, deren Hausmarke ihr Vater in den 80er-Jahren zu Deutschlands meistverkauftem Bier gemacht hatte, stürzte sich die Presse auf Catharina Cramer. Die Geschichte hatte alle nötigen Zutaten: einst edle Marke, die etwas Staub angesetzt hatte, eine schwierige Branche, die Innovationen braucht – und eine junge blonde Frau, die sich in der Männerwelt des Bieres zwischen selbstbewussten Regionalfürsten und alten Braupatriarchen zu behaupten hatte.

„Ich wusste gar nicht, was die alle wollten“, sagt sie zwischen zwei Klopshappen. Für sie sei die Brauerei doch Heimat. In der Lagerhalle ist sie als Kind Rollschuh gelaufen, bei vielen Mitarbeitern, die noch heute im Betrieb sind, saß sie als kleines Mädchen auf dem Schoß. Ist doch klar, dass sie das Steuer übernimmt, als ihre beiden Schwestern absagen.

Nach dem ersten kritischen Artikel ruft sie den Autor persönlich an. Was sie im Interview denn besser hätte machen können, will sie von ihm wissen? Bei der Antwort „eigentlich gar nichts“ kommt sie ins Grübeln. Es folgen noch garstigere Artikel. „Da habe ich mir gedacht, das geht ja voll nach hinten los, jetzt sag ich nichts mehr.“

Es wird ihr schwergefallen sein, denn sie erzählt gern. Etwa davon, wie sie zuhört, als der Vater mit der sieben Jahre älteren Schwester über die Übernahme der Brauerei spricht. Die Zehnjährige auf der Küchenbank schmollt: „Warum hat mich damals keiner gefragt?“ Erst neun Jahre später wird sie gefragt, und Catharina weiß nicht, ob sie sich freuen soll. „Das war eigentlich wie ein Sechser im Lotto, aber ich wusste auch: Alles andere kann ich jetzt mal vergessen.“ Und sie erzählt, wie sie bis heute mit dem Vater kämpfen muss und wie er sie mehr und mehr machen lässt. „Über vieles, was ich vorschlage, regt er sich noch auf, aber immer öfter sagt er: Gut, dann mach es eben so.“

Die Klopse sind aufgegessen, das Erdbeer-Tiramisu auch, da beendet Catharina Cramer den offiziellen Part: „So, jetzt aber ein Feierabend-Warsteiner“, sagt sie. Schmeckt auch aus der Flasche. Selbst unter einer Heineken-Markise.

Als umgänglich, bodenständig, feierfreudig wird Catharina Cramer von jenen beschrieben, die in der Bierbranche mit ihr zu tun haben. Trifft alles zu. Herzlich gehört auch noch in die Reihe. Es scheint in ihr ein kaum zu zähmendes Bedürfnis zu geben, mit anderen Menschen eine gute Zeit zu haben. Ob das ausreicht, um eine Brauerei zu führen, wird sich zeigen, wenn ihr Vater eines Tages aufhört. Für einen lustigen Abend reicht es allemal.

Nach dem dritten Bier beschließt die geschäftsführende Gesellschafterin der Brauerei Warsteiner, es sei Zeit für „einen Absacker“. Sie steigt auf ihr Rad. Auf ins Haus Schwan, eine urkölsche Kneipe. Hier hat schon ihr Vater zu seiner Studentenzeit gezecht. Die Mutter wohnt um die Ecke. „Der halbe Hahn hier ist ein Gedicht“, schwärmt sie und bestellt schon mal das erste Kölsch. Der Wirt wird geknutscht, der „Express“-Verkäufer freudig umarmt. Zum Karneval starten Catharina Cramer und ihre Freunde hier ihren Kneipenzug. Weil aber jetzt kein Karneval ist und es nach Mitternacht an diesem Mittwoch etwas leerer wird, muss die Musik es richten.

Sie fordert das „Sauerlandlied“, der Wirt gehorcht und bringt volle Gläser. Den Refrain singt sie mit, als wäre Rod Stewart eine Frau aus Warstein: „Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland, begrabt mich mal am Lennestrand. Wo die Misthaufen qualmen, da gibt’s keine Palmen.“ – „Und jetzt aber noch ein Kölsch, oder?“ So ganz schlecht kann diese Frau für die Brauwirtschaft nicht sein.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...