Diverses Was darf es sein, Götz Rehn?

Bei Wolfsbarsch und Kräuterravioli spricht der Gründer der Biomarktkette Alnatura über seine Art des Genießens, Einsichtsethik und Gummibärchen.

„Geschäftsführer“ ist die schlichte
Bezeichnung,
die Prof. Dr. Götz
Rehn auf seiner Visitenkarte führt.
Dabei wäre „Wirtschaftsarzt“ passender.
Eine Bezeichnung, die er mag. Sie hält
die Verbindung zum familiären Ursprung
und knüpft im Heute an. Rehn stammt
aus einer alteingesessenen Freiburger
Chirurgenfamilie, wollte selbst Medizin
studieren. Dann erhielt er Einblicke in
die Mechanismen und negativen Einflüsse
des Wirtschaftslebens und stellte fest,
„dass es schlauer wäre, eine andere Art
von Wirtschaft zu etablieren, als diejenigen,
die durch die Wirtschaft krank werden,
zu heilen“.

Für unseren Termin hat es den bei
Darmstadt lebenden Unternehmer an einen
gleichwohl familiären Ort gezogen.
Das Restaurant Enoteca in der Freiburger
Altstadt kennt Rehn schon viele Jahre.
„Hier ist nicht alles bio“, sagt er, „aber
die Art, wie gekocht wird, der Umgang
mit den Lebensmitteln, ist wirklich gut.
Das findet man nicht oft.“

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Anthroposophische Weltsicht

Bevor Götz Rehn auf den Geschmack von
Biolebensmitteln und ihrer Umweltverträglichkeit
kam, studierte er Volkswirtschaftslehre
und ging für sieben Jahre
zum Multi Nestlé. Das Yes-Torty ist vielleicht
das leckerste Ergebnis dieser Zeit,
zumindest wohl das bekannteste. Als er
den Aromariesen verließ, um „etwas zu
tun, bei dem sich die Menschen mit dem
Ergebnis verbinden können“, hatte der
damals 34-Jährige eine genaue Vorstellung
davon, wie er sein Unternehmen
führen wollte, wie er sich die Zusammenarbeit
mit seinen Mitarbeitern vorstellte.
Nur was er machen wollte, das wusste er
nicht. „Ich hätte auch mit Holzhütten
handeln können“,
sagt er.

Stattdessen sind
es Äpfel und Birnen
geworden, Tomatensoße,
Babykleidung
und Naturkosmetik.
Vor 25 Jahren gründete
Rehn Alnatura
als Produktlinie für
biologische Erzeugnisse.
Heute ist seine Supermarktkette
mit 52 Filialen Marktführer in
Deutschland.

„Ich bin ein Genussmensch“,
sagt der 59-Jährige
und verzichtet doch
auf eine Kostprobe von
der Weinkarte, für die
das Enoteca bekannt ist.
„Ich mag den Geruch von
Wein“, sagt er. Trotzdem
trinkt er keinen Tropfen.
Nie. Rehn ist Anthroposoph,
und die Geistesschule
Rudolf Steiners
steht hinter seinem Geschäftskonzept,
das den
Kunden in den Mittelpunkt
stellt. „Wir wollen
zusammen mit den Kunden
etwas entwickeln“, sagt Rehn. Und:
Die Kunden seien „unsere Arbeitgeber
und unsere Kapitalgeber“.

Entsprechend versucht er, die Bindung
zum Käufer eng zu halten, durch Verpackungsdesignwettbewerbe,
eine Zeitschrift,
das Internet, das Gefühl, eine
„Community“ zu sein. „Wir wachsen so
schnell, wie die Kunden mit uns wachsen
wollen“, sagt Rehn. Und die Kunden wollen.
Seit Jahren wächst Alnatura im zweistelligen
Bereich. Auch 2009. Und 2010
soll die Alnaturaisierung der Republik
weitergehen, soll es „mehr Bio für alle“
geben. Aktuell werden Ladenflächen in
den Metropolen gesucht.

Von Beginn an hat der Jamie-Oliver-
Fan eine externe Qualitätsstelle eingerichtet,
die nach strengsten Ansprüchen
an biologischen Landbau und Geschmack
die Produkte auswählt, die unter dem Label Alnatura oder Biobaby ins Sortiment
aufgenommen werden. „Dabei kommt
nicht immer das heraus, was ich als Unternehmer
möchte“, räumt der Chef ein,
und man spürt, dass Mitsprache nerven
kann. Aber sie garantiere „ein Optimum
an Qualität“.

Auch Jobs bei Alnatura entsprechen
nicht den landläufigen Vorstellungen von
normalen Arbeitsverhältnissen. Denn der
Chef, der während seines Studiums regelmäßig
bildhauerte, versteht sich eher
als Kulturinitiator denn als Wirtschaftsunternehmer.
Kunst ist für den Opernfreund
der Zugangscode für Freiheit und
Selbstbestimmung. Entsprechend stehen
für die Mitarbeiter unter anderem Schauspiel
und Malerei auf dem Fortbildungsprogramm.
„Nachhaltigkeit bedeutet
auch, den Menschen innerhalb des Unternehmens
Entwicklungsmöglichkeiten
zu geben“, betont Rehn. Dass sich das
durch Motivation und Identifikation mit
dem Unternehmen auszahlt, steht für ihn
außer Frage.

Die Schlappe mit den Wabbeltieren

„Einsichtsethik“ ist ein Begriff, den Rehn
manchmal benutzt. Und damit ein Verhalten
meint, das der Erkenntnis entspringt.
Etwa, dass die Menschen nicht
der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft
dem Menschen dienen muss. Dass sinnvolles
Handeln eines ist, das die Natur
nicht ausbeutet. „Was ich mache, das mache
ich gern,“ sagt er. Dazu brauche er
keine ethischen Normen, sein Handeln
entspringe der Erkenntnis. „Und ich erlebe,
dass es Millionen Menschen gibt,
die diese Art der Wirtschaft schätzen.“

Manchmal muss der Unternehmer
aber auch erleben, dass er seine Kunden
nicht zufriedenstellen kann. In Sachen
Gummibärchen etwa. Ein Thema, das
Mr. Bio gegen den Strich seines Ehrgeizes
geht. Denn trotz aller Bemühungen
ist es noch nicht gelungen, Wabbeltiere
in überzeugender Bioqualität anzubieten.
Und die Tatsache, dass 900 Produkte
nicht ausreichen, um das elementare
Bedürfnis der Kundschaft zu befriedigen,
wurmt den Kaufmann doch sehr.

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