Diverses Was darf es sein, Holger Strait?

In seinem Arkadencafé liebt es der Niederegger-Chef südländisch. Bei Tapas und Marzipanleckereien spricht Holger Strait über seine Heimatstadt Lübeck, kaufmännische Tugenden und kopflose Spekulanten

Manchmal streiten sie auch miteinander.
Er und Lübeck. Einmal
habe die Stadt eine Gebühr von
ihm verlangt, weil er das Holstentor als
Firmenlogo nutzt, erzählt Holger Strait
in seinem neuen Arkadencafé. Also habe
er im Gegenzug den Bürgermeister aufgefordert,
für die Werbung zu zahlen, die
sein Traditionshaus für das Wahrzeichen
Lübecks macht. Und für den Rest drum
herum. Damit war die Sache vom Tisch.

Ein anderes Mal regten sich die
Bürger auf. 2008 erhielt das Marzipanunternehmen
von der Stadt den
Zuschlag, hier im Bogengang des
Rathauses ein Café zu eröffnen.
„Da brach in der Politik eine Revolution
aus“, sagt der 59-Jährige. Warum
schon wieder Niederegger?, protestierten
die Lübecker. Warum noch ein Lokal
für die Generation Nusstorte? Vorher
war hier ein Kiosk untergebracht, erklärt
Strait. „Es war eine schmutzige Ecke.“
Und in der Dunkelheit wurde gedealt.
Niederegger
habe die Investition allein
getätigt: „Lübeck zahlte dafür nichts.“

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„Unverwechselbar lübisch“

Von solchem „Geplänkel“ abgesehen,
führen die Stadt und das 1806 gegründete
Unternehmen eine „symbiotische
Beziehung zum beiderseitigen
Vorteil“,
sagt Strait und holt zum Beweis die
Firmenchronik „Marzipan aus Liebe“
hervor.
„Keine andere
Marke“,
schreibt darin
Ex-Ministerpräsident Björn Engholm,
sei „so unverwechselbar lübisch“ wie
Niederegger
– und wie sein Inhaber.

Ein Hanseat vom Scheitel bis zur Sohle.
Blauer Blazer, Armbanduhr, Ehering,
Krawatte in Rot-Weiß, den Farben Niedereggers
– alles solide, bürgerlich, doch
im Vergleich zu den Kaufleuten aus Hamburg
„ein wenig bodenständiger“, betont
Strait und geht zur Theke des kleinen
Cafés, in dem 30 Gäste Platz finden. Höflich
wie ein guter Gast bestellt der Chef
Tapas für uns, je „sechs Schälchen“ mit
Quiche Lorraine, Spargel, Oliven oder
Scampi für 10,50 Euro. Die große Glasfront,
in Stahl eingerahmt, gibt den Blick
frei auf den bestuhlten Marktplatz. Er
füllt sich, als die Sonne durchkommt.
Niederegger versucht es einmal anders –
mediterran statt gediegen und plüschig
wie im Stammhaus gegenüber.

Teil 2: Lehrreiche Erfahrungen

In seinem Leben habe er es
nicht weiter als 500 Meter geschafft.
In der Fabrik „direkt
neben dem Röstkessel“ geboren,
zog die Familie später ein paar
Straßen weiter. Dazwischen lagen
BWL-Studienjahre in München und
ein Job in den USA bei Xerox. Als er
13 war, starb sein Vater bei einem Verkehrsunfall.
Sein Onkel führte die Geschäfte
fort, bis er die Firma an einen
Schweizer Süßwarenhersteller verkaufen
wollte. Strait nahm Kredite auf und
zahlte ihn 1986 aus.

Diese Erfahrung sei
für ihn „besonders lehrreich“ gewesen:
Hoch verschuldet, haftete er von nun an
für die Geschäfte. „Ich habe ja keinen
Konzern im Hintergrund, der mal eben
eine Million Euro herüberschiebt.“
Seit 30 Jahren pflegt er die starke Marke.
Nur behutsam nimmt er Änderungen
vor. So lässt er das Holstentor im Logo etwas kleiner machen, dafür den Schriftzug
Niederegger etwas größer, „um den
Namen stärker zu penetrieren“.

Tradition statt Anonymität

Tradition spielt in der Anonymität der
globalen Wirtschaft so gut wie keine
Rolle. Für Strait ist sie alles. „Business is
local“, sagt er. Ein hanseatischer Kaufmann
kenne seine Partner persönlich, er
sorge für seinen guten Ruf und trage
als Stifter Verantwortung für die Region.
Alte Tugenden, die in der Finanzwelt wenig
verbreitet sind. Ist das der Grund für
die Krise? „Bei der Marzipanherstellung
ist alles bis ins Detail gesetzlich geregelt“,
sagt Strait. Anders bei den Finanzprodukten.
„Da hat der Staat den Spekulanten
zu viel Freiraum gelassen.“ Und
jetzt halte keiner den Kopf dafür hin.

Haremskonfekt

Jeden Tag testet Holger Strait die Qualität
seines „Haremskonfekts“, wie der
SchriftstellerThomas Mann das Lübecker
Marzipan einmal nannte. Das Produkt
von Niederegger gilt als besonders hochwertig,
weil den blanchierten Mandeln
nur wenig Zucker beigemischt wird.

Alle Jahre wieder

Niederegger macht 60 Prozent des
Jahresumsatzes
zu Weihnachten. In
der Hochsaison stellt die Firma täglich
30 Tonnen Marzipankartoffeln, -brote,
-herzen oder -pralinen her. Dann arbeiten
700 Menschen in der Manufaktur. Im
Sommerloch sinkt die Mitarbeiterzahl
auf 300. Seine Vorfahren hätten in dieser
Zeit „den Hof gefegt“, sagt Holger Strait.
Er erweiterte stattdessen das Portfolio.

Immer mal was Neues

Über 300 Produkte gibt es von Niederegger,
jedes Jahr kommen zehn bis 15
hinzu, vom Marzipanlikör bis zum Marzipan
Stick Espresso.

Im Dezember wird Holger Strait 60.
Dann will er mit seinen beiden Töchtern
über die Nachfolge reden. Ganz unverbindlich.
Mehr darf er darüber nicht sagen.
Ansonsten würden die beiden ihre
hanseatische Kinderstube vergessen.

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