Diverses Was darf es sein, Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff?

Visionäre gelten in Ostwestfalen schnell als Spinner. Erst recht, wenn sie adelige Vorfahren haben. Dagegen hilft nur eins: bodenständig bleiben.

Wüsste man es nicht besser, man hielte Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff für einen Reiseveranstalter. Ständig spricht er davon, Menschen auf eine Reise mitnehmen zu wollen. Doch er redet nicht über Urlaubsflüge oder Bustouren, sondern erklärt seine Strategie als Unternehmer: „Ich kann nicht gegen die Menschen agieren“, sagt Oeynhausen, „ich kann nur versuchen, die Leute für meine Projekte zu begeistern.“ Und die haben vor allem etwas mit Dableiben zu tun. Der 49-Jährige betreibt in Bad Driburg das Gräflicher Park Hotel & Spa. Das edle Resort im ehemaligen Kurhaushotel macht seinem Namen alle Ehre: Gelegen in einem Park, der Ende des 18. Jahrhunderts gestaltet wurde, verströmt das Haus reichlich aristokratische Noblesse.

Aber Caspar Marcus Rabe Alfred Julius Graf von Oeynhausen-Sierstorpff ist nicht nur Hotelier. Er ist auch Mineralwasserabfüller, Forstwirt, Klinikbetreiber. Und bald baut der Hobbyrennfahrer auch noch eine Autoteststrecke.

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Das Restaurant, das er ausgesucht hat, wirkt blass dagegen. Das einfache Lokal gehört zum Westfalen Culinarium, einem Museumsensemble für lokale Spezialitäten in Nieheim, 15 Autominuten von Bad Driburg entfernt. Hier gibt es Blutwurst, Sülze und würzigen Käse in vielerlei Variationen. Und Mineralwasser vom Konkurrenten Graf Metternich. Oeynhausen trägt’s mit Humor.

Wasser hat die Familie reich gemacht. Seit 1871 schon sprudelt die Bad Driburger Quelle im Besitz der Oeynhausens, und es sieht nicht so aus, als ob sie bald versiegen würde. Doch nicht alles ist so verlässlich wie das Wasser. Die diversen Gesundheitsreformen sind schuld an freien Betten in den familieneigenen Kurkliniken. Auch das 2007 für 25 Mio. Euro zum Wellnesshotel umgebaute Logierhaus leidet wie viele Luxusherbergen derzeit unter mangelnder Auslastung.

Bis in die 70er-Jahre hatte Oeynhausens Vater, Generalbevollmächtigter des Bankhauses Oppenheim, die Kurkliniken als Wochenendbetrieb geführt. Die Familie lebte in Köln-Lindenthal, „in einem Reihenhaus“, wie Oeynhausen sagt. Als er 14 Jahre alt war, siedelte man um nach Bad Driburg und wohnte fortan etwas feudaler. Oeynhausen studierte Wirtschaft, war als Unternehmensberater für Roland Berger und Ernst & Young tätig. Seit 1995 steht er in der siebten Generation der Familienholding vor.

Wollte die Werbung das Bild eines Grafen der Jetztzeit zeichnen, es wäre das des Marcus von Oeynhausen-Sierstorpff: ein großer, schlanker Mann mit angenehmem Äußeren, der mit weicher Stimme ruhige Sätze spricht. Ein Sportsfreund, der in seinem leuchtend blauen Porsche 911 der ersten Baureihe über die Hügel rauscht, seine Männlichkeit auf der Jagd und als Rennfahrer unter Beweis stellt und wie selbstverständlich einen Tag in der Woche für die Kinder reserviert. Er ist Macher und Visionär, einer, der ständig neue Ideen hat, seine Unternehmen lebendig zu halten. Vergangenes Jahr etwa hat er den Star unter den Staudendesignern, Piet Oudolf, 30.000 Pflanzen im Park arrangieren lassen. Seit dem Frühjahr nimmt er Eintritt. 5 Euro kostet ein Besuch für Touristen, 19,50 Euro die Jahreskarte für Bad Driburger. Die Gäste können im Park auch Kaffee und Kuchen verzehren.

Mitarbeiter sind informiert, wo das Unternehmen steht

Oeynhausen ist Pragmatiker. Spricht er über seine CDU-Mitgliedschaft, geht es nicht um die Partei, sondern darum, gestalten zu können, mitzureden, dabei zu sein, wenn entschieden wird. „Sie müssen in die Höhle des Löwen, um etwas zu bewegen“, sagt der Unternehmer, „letztlich müssen sie auch die Politik auf die Reise mitnehmen.“ Und die Mitarbeiter: Jeder der 1200 Angestellten erhält mit der Gehaltsabrechnung ein doppelseitig bedrucktes DIN-A4-Blatt. „Da steht drin, wo das Unternehmen steht. In der Auslastung, im Absatz, im Umsatz in Prozent zum Vorjahr und zum Budget.“ Nötige Einschnitte, sagt der Unternehmer, seien so viel leichter nachzuvollziehen.

Dass Oeynhausen fürs Mittagessen ein Restaurant mit lokaler Küche wählt, gehört zum Selbstverständnis, mit dem er seine Unternehmen führt. Schützen- und Dorffeste zu besuchen ebenso. Der Unternehmer fühlt sich mit der Gegend verbunden, einer Region, wo die Jungen weggehen und Höfe verfallen. Oeynhausen will etwas dagegen tun, hat Ideen. Und wer die hier hat, muss ansprechbar sein, will er nicht als Spinner gelten. Als gräflicher Luftikus, der nur seinem Hobby nachgehen und mit Rennautos am Bilster Berg herumheizen will.

Damit das niemand denkt, ist Oeynhausen in den letzten Jahren auf „Scheunentour“ gegangen. Mal vor 200, mal vor 20 Leuten hat er gesessen und erklärt, was oben auf dem ehemaligen Munitionsdepot der Engländer geschieht und wie er sich die Zukunft des Berges vorstellt. Bald sollen dort am Wochenende Oldtimerfreunde ihre Runden drehen und unter der Woche Autokonzerne ihre Erlkönige testen. „Ich habe die Leute gefragt, wie viel ihr Haus, ihr Hof heute wert ist. Und wie viel in zehn Jahren. Und wie viel es wert sein mag, wenn wir die Strecke bauen und sie ihre Scheune an einen Oldtimersammler vermieten können.“ Daran, dass die privaten Rennsportfreunde und Testpiloten irgendwo schlafen müssen, denkt Oeynhausen gewiss auch. Und dass er in einem nahe gelegenen Hotel einige Zimmer frei hat.

Was für ein Käse
Westfalen Culinarium in Nieheim: Die Käsestadt wartet mit sechs Mitmachmuseen auf, darunter Brot- und Schinkenmuseum sowie eines für Bier und Schnaps. Hungrige finden jedoch erst im Käsemuseum Erlösung. In dessen schlichter Schenke werden zu Nieheimer Bürgerbier Käsespezialitäten und deftige Fleischmahlzeiten gereicht.

Westfalen Culinarium
Lange Straße 12, 33039 Nieheim
www.westfalen-culinarium.de

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