Diverses Was darf es sein, Nina Öger?

Die Chefin des Touristikunternehmens Öger Tours über Platzhirsche, ganz normale Tränenausbrüche und Reisen als Chance, Vorurteile abzubauen.

Hab ich Ihnen doch gesagt!“, ruft
Nina
Öger triumphierend, als am
Nebentisch einer Runde von zehn
Herren die Vorspeisen serviert werden.
Der Platzhirsch, derjenige, der am lautesten
spricht und die Witze macht, lässt
sich Austern reichen. „Ich wusste, dass er
Austern bestellt!“, sagt sie und freut sich
über ihre Menschenkenntnis. Oder, besser,
über ihre Männerkenntnis.

Nina Öger braucht keine Austern, um
ihren Status zu zeigen. Sie weiß, dass sie
mit 700 Millionen Umsatz in der ersten
Liga spielt, Öger Tours ist das sechstgrößte
Reiseunternehmen in Deutschland. Sie
mag das Hamburger Restaurant Die
Bank – trotz der Hirsche. „Es liegt mitten
in der Stadt, ein guter Treffpunkt.“ Auch
der Catering-Service überzeugt sie: „Die
schaffen es, dass 300 Leute zeitgleich essen
können. Das muss man erst einmal
hinbekommen.“

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Entwscheidend ist die Organisation

Nina Öger weiß, wie entscheidend
Organisation
ist. Die alleinerziehende
Mutter der siebenjährigen Ada pendelt
zwischen ihrem Hauptwohnsitz in Istanbul
und der Firmenzentrale in Hamburg.
Ihr Freund, ein Banker, wohnt an einem
dritten Ort. Dazu kommen ungezählte
Kilometer
zu Hotels und Öger-Reisezielen,
Konferenzen und Geschäftsabschlüssen.

Vor 40 Jahren hatte ihr Vater Vural
Öger die Idee, für türkische Gastarbeiter
Direktflüge von Hamburg nach Istanbul
anzubieten. Ein Novum. Später kamen
Pauschalreisen in die Türkei dazu. Heute
ist Öger Tours Marktführer in diesem
Bereich. Seit 2003 ist Nina Öger Mitglied
der Geschäftsführung. Ihr Vater, der Stratege,
ist für die Ausrichtung des Unternehmens
zuständig, die Tochter managt
das Tagesgeschäft. Von Personalfragen
über den Katalog bis zur Entwicklung
familienfreundlicher
Arbeitszeitmodelle –
ihr Aufgabenbereich ist weit.

„Wer was
macht, das gleitet oft ineinander über.
Aber letztendlich ist mein Vater der Chef.
Auch mein Chef. Er hat das letzte Wort“,
sagt die 35-Jährige. Das gilt auch für die
Überlegungen, das Familienunternehmen
eventuell zu verkaufen. Immer wieder
gibt es Gespräche, zuletzt mit einem
russischen Investor, aktuell laufen angeblich
Verhandlungen mit dem Reisekonzern
Thomas Cook.

Vernunft und Gefühl statt Show

Trotz des dominanten Chefvaters ist die
Tochter mit ihrem
Aktionsradius zufrieden.
„Ich sitze
nicht in meinem
Kämmerlein und
brüte Sachen aus,
die ich unbedingt
anders machen will“,
sagt sie und lacht. „Natürlich gibt
es viele Punkte,
die ich gern anders
machen würde. Ich kann sie mit ihm
besprechen. Wenn wir sie dann nicht ändern,
hat er seine Gründe.“

Andere Geschäftsführer rücken ihr
Tun gern in die Nähe von Glanz und Gloria
und vermitteln ihrem Gesprächspartner
das Gefühl, er dürfe für einen
Moment
an ihrem eindrucksvollen Leben
teilhaben. Nina Öger hat das nicht nötig.
Sie ist eine Frau, die an ihrem Einsatz für
die Firma keinen Zweifel lässt. Eine Mittdreißigerin,
die keine Scheu hat, öffentlich
Dinge zu sagen, die der Austernschlürfer
am Nebentisch nie zugeben
würde, aus Angst, sein Managergesicht
zu verlieren.

Ein Beispiel ist die Geschichte, dass sie
geweint hat, als der Kindergarten ihrer
Wahl ihr absagte, weil sie Ada nicht
rechtzeitig angemeldet hatte. An einem
Tag, an dem sie von der Arbeit völlig geschafft
war und einfach nicht mehr konnte.
„Ich fühle mich nicht angreifbar, wenn
ich so etwas erzähle. Warum?“, fragt sie.
Für typisch weiblich hält sie ihr Verhalten
nicht. „Ich finde es einfach normal.“

Lösungen statt Brandfackeln

130 Mitarbeiter beschäftigt Öger Tours
in Hamburg. Etwa die Hälfte ist türkischstämmig.
Hinzu kommen 3000 Mitarbeiter
weltweit, überwiegend in der Türkei.
Dennoch versteht Nina Öger die Firma
nicht als binational: „Wir sind ein Hamburger
Unternehmen.“ Sie selbst definiert
sich weder als Deutsche noch als
Türkin. „Ich bin Hamburgerin“, sagt sie
mit einer Mischung aus Stolz und Selbstverständlichkeit.
Eine Haltung, die sie
auch beim Regisseur Fatih Akin wiederfindet.
„Seinen Film ‚Kurz und schmerzlos‘
fand ich sensationell. Da sind die Kulturen
aufeinandergeprallt. Nicht nur
Deutsche und Türken. Auch Deutschtürken.
Das war ein einziger Knall.“

Weniger begeistert war sie von dem
Knall, den das Vorstandsmitglied der
Deutschen Bundesbank Thilo Sarrazin
im September 2009 mit seinem Interview
in der Zeitschrift „Lettre International“
auslöste. „Das war eine brennende Fackel,
die Sarrazin in die Gesellschaft geworfen
hat.“ Zu komplex sei das Thema
Migration, als dass man es so pauschal
abhandeln könne. „Man macht es sich
mit so einer Äußerung zu einfach. Bestandsaufnahmen
kann jeder machen.
Aber wo ist die Lösungsorientierung? Wo
die motivierenden Gedanken?“ Nina
Öger sieht ihre Arbeit auch als Möglichkeit,
Vorurteile abzubauen. „Ich finde es
schön, wenn man Brücken bauen kann.
Wenn ein Reisegast glücklich aus der
Türkei zurückkommt. Wieder einer, der
das Land hoffentlich lieben gelernt hat –
oder einfach Spaß hatte.“

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