Diverses Was darf es sein, Per Ledermann?

Der Chef von Edding hätte beinahe Schnecken in Oman gezüchtet. Heute ist er froh, doch Stiftfabrikant geworden zu sein.

Meine Produktmanager werden mir den Kopf abreißen, das ist völlig klar“, sagt Per Ledermann und lacht über sein Missgeschick. Der 34-Jährige ist gerade durch einen kleinen Test gerauscht, als er die Frage „In welchen Farben gibt es den Edding 8750?“ nicht beantworten konnte. Mit der Antwort „Industriemarker“ war er zwar schon auf der richtigen Spur, aber die Farben wollten ihm partout nicht einfallen.

Per Ledermann wäre bei „Wetten, dass..?“ fehl am Platz. Weder kann er die Farbe seiner Filzstifte am Geschmack erkennen noch am Geräusch, das sie beim Schreiben machen. Aber, und das wird seine Produktmanager sicher beruhigen, „ich kann Ihnen sagen, wie viele wir vom 8850er verkaufen: rund 150.000“. Und auch die Absatzzahlen vom Gelroller, vom Reinraummarker oder vom 4090, dem Glasmarker, kennt er genau.

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Per Ledermann ist der Sohn von Volker Detlef Ledermann, der 1960 mit Carl-Wilhelm Edding die Firma Edding gründete. Edding, das ist das Synonym für Stifte, deren Tinte nicht abgeht. Nicht von Wänden, von Möbeln, von Textilien. Edding, das ist das Hassobjekt von Verkehrsbetrieben, Hausmeistern und Gebäudereinigern. Und der Lieblingsstift von jugendlichen Graffiti-Künstlern und Schönheitschirurgen, die damit ihre Schnittmuster anzeichnen.

Vorbehalte gegen den Juniorchef

Seit 2005 ist Per Ledermann Mitglied des Vorstands und führt den Familienbetrieb, der heute nordöstlich von Hamburg, in Ahrensburg, ansässig ist. 15 Minuten vom Firmensitz entfernt liegt das Restaurant, das er ausgewählt hat. „Es ist schwierig, hier etwas Schönes zu finden, das mittags geöffnet hat“, sagt er. Die Fischerklause am Lütjensee, gleich neben dem Anwesen von Brillen-Fielmann und der Ex-Villa Rudolf Augsteins, ist so etwas Schönes. Der Aal, der gestern noch vor der Terrasse schwamm und den der Koch mit Dillsoße und Gurkensalat serviert, trifft Ledermanns Geschmack, dazu trinkt er einen Sauvignon.

Still liegt der See da. Ledermann mag das. Er ist hier aufgewachsen, hat in der Dorfkneipe Bier gezapft und in der Disco mit dem Edding-UV-Marker den Eintrittsstempel gefälscht. Nach dem Jurastudium in Hamburg ging er mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Chicago, machte seinen Master of Business Administration, war anschließend in Namibia und in Abu Dhabi, bevor er mit 29 zurückkam. Ein paar Jahre zu früh, wie er findet. „Ich wusste immer, dass ich langfristig in die Firma wollte. Aber es war auch klar, dass ich vorher in der Welt herumkommen und möglichst viel von anderen Unternehmen sehen wollte.“

Damals, kurz vor seiner Rückkehr, hatte er sich gerade entschlossen, in Oman eine Schneckenfarm zu eröffnen. Eine Schneckenfarm!? „Ja“, sagt er und lacht. „Abalone. Sehr beliebt bei Gourmets.“ Damit hätte sich gutes Geld verdienen lassen. „Mir war es wichtig, vor dem Firmeneinstieg erfolgreich zu sein. Sonst hätte es mit meinem Selbstbewusstsein nicht hingehauen.“ Dass die Edding-Mitarbeiter zunächst mit Skepsis auf ihn, den damals knapp 30-Jährigen, reagierten, findet er normal: „Wäre ich nicht der Sohn, hätte ich den Job nicht bekommen. Das muss man offen sagen.“

Carl-Wilhelm Edding hat sich schon vor 25 Jahren von seinem Geschäftspartner auszahlen lassen, Ledermann senior zog sich 2005 aus der Firma zurück. Per Ledermann nennt seinen Beruf „einen absoluten Traumjob“ – Edding ist Marktführer in Europa und konnte den krisenbedingten Umsatzrückgang 2009 durch Kostenersparnis einigermaßen kompensieren. Auch der Ausbau der Sparte „digitale Wandtafeln“, die unter dem Namen Legamaster laufen, geht voran. Trotz aller Erfolge ist der Stiftfabrikant froh, nicht wie der ehemalige Kompagnon des Vaters den Namen der Marke zu tragen: „Es muss keiner wissen, dass ich dahinterstehe.“

Per – der leise, unprätentiöse Vorname passt zu dem eher unauffälligen, fast etwas bürokratisch wirkenden Mann mit dem weißen Kunststoffstift in der Brusttasche des dunkelblauen Anzugs. Per – der Name passt auch, wenn sein Gesicht urplötzlich in jugendlichem Charme erstrahlt, wenn er an etwas Lustiges denkt. Daran, wie zwei Jungen seinen Vater einmal um zwei „U-Bahn-Stifte“ baten. Wie er mit Schulfreunden auf Island fischen war und sie für elf Euro die Nacht bei der Heilsarmee schliefen, nachdem sich die Fischgründe vor dem väterlichen Ferienhaus als zu mager erwiesen hatten. So ist das, wenn man wohlhabend aufwächst und die Maßstäbe nicht verliert: Man kann, aber man muss nicht.

Neue Märkte und treue Kunden

In den angestammten Bereichen, Büro und Industrie, „können wir nicht mehr richtig wachsen“, weiß Ledermann. Der Markt ist gesättigt. Edding hat ihn gesättigt. Also betrachtet der Chef die Welt mit der Fragestellung: „Wem kann man noch einen Stift in die Hand drücken?“ Die Antwort ist eine neue Produktlinie: „Funtastics“ heißt ein Malset für Kinder mit Stiften, Magneten, kleinen Postern. Für den Vater Per Ledermann geht es vor allem um die Markenbildung beim Nachwuchs. Dabei muss er sich um den guten Ruf seiner Produkte bei den Kids eigentlich keine Sorgen machen. Solange U-Bahnen fahren, wird die Jugend weiter auf Edding setzen.

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