Diverses Was darf es sein, Renate Pilz?

Die Schwäbin machte in 35 Jahren aus ihrem Familienbetrieb einen Weltmarktführer der Automatisierungsspezialisten. Und gut kochen kann sie auch.

Den Zwiebelrostbraten nach links, die Kalbsschäufele nach rechts. Wie zuvor schon den Salat lässt sich Renate Pilz jeden Teller von der Kellnerin reichen und verteilt ihn über den großen Tisch hinweg. Sie schenkt das Wasser ein, empfiehlt den Wein. Kleine Gesten der Macht. Dominanz in einer wohlkalkulierten Dosis, die gerade noch nicht einschüchternd, sondern fürsorglich wirkt.

Renate Pilz sitzt im Blum’s Öxle am Esslinger Marktplatz hinten im dunklen Teil der Gaststube. Sie wirkt elegant, nicht hochgestochen. Die grauen, halblangen Haare, ihre dunkle Kleidung, das schmale Gesicht, eine zierliche Perlenkette um den Hals. Die Frau hat Grazie, eine fast italienische Eleganz. Und am Kragen einen knallgelben Button mit roter Schrift: „I love S?21“. Ja, sagt sie, sie sei für „Stuttgart 21“.

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Wenn die Unternehmerin spricht, tut sie das ruhig, gerade so, dass man sie noch gut versteht. Die geschäftsführende Gesellschafterin des Automationstechnik-Unternehmens Pilz ist es gewohnt, dass man genau zuhört. Und sie spricht mit den Augen, hat einen selbstsicheren Blick. „Es braucht Hierarchie“, sagt die gläubige Katholikin, „davon bin ich überzeugt, aber es braucht kein hierarchisches Denken.“ Mit dieser Philosophie hat die 1940 geborene Tochter einer Göppinger Handwerkerfamilie Pilz in den vergangenen 35 Jahren zum Weltmarktführer mit 1300 Mitarbeitern sowie Tochterfirmen in aller Welt aufgebaut.

Im Öxle isst Renate Pilz Zwiebelrostbraten mit handgeschabten Spätzle. Den brät sie selbst gern. Allerdings, „mein erster Zwiebelrostbraten, der ging schief“. Sie wartet, antwortet erst nach einem fragenden Blick. „Zu wenig Hitze, die Poren haben sich nicht schnell genug geschlossen. Dann zu lange köcheln lassen.“ Neue Pause. „Seinen Blick, den werde ich nie vergessen. Und wie er gesagt hat: trotzdem lecker.“ Sie spricht von ihrem Mann.

Peter Pilz hat die Firma 1948 gegründet. Er stirbt 1975 bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg zur Leipziger Messe. Plötzlich steht Renate Pilz, die Hausfrau und Mutter, allein da. Mit zwei Kindern, einer Firma, ohne Ahnung vom Geschäft. Alle raten ihr zu verkaufen. Doch sie verkauft nicht, ergreift stattdessen Schritt für Schritt Verantwortung im Unternehmen. Aus Pflichtgefühl, sagt Renate Pilz. Es ging um das Lebenswerk ihres Mannes, das Erbe ihrer Kinder. Zunächst übernahm sie die Kontrolle als Vorsitzende des Beirats und arbeitete sich ein. Ab 1994 leitete sie die Firma allein, inzwischen gemeinsam mit Sohn und Tochter. „Wir sitzen in einem Raum, jeder verantwortlich für seinen Bereich.“

Die vergangenen Monate waren für Renate Pilz trotzdem anstrengend. Aber das Unternehmen in Ostfildern bei Stuttgart hat die Krise hinter sich gelassen – ohne jemanden zu entlassen. Das ist Renate Pilz, wie sie mehrmals betont, wichtig. „Kurven gab es immer. Die waren schwer genug“, sagt sie. „Aber das vergangene Jahr steckt mir noch in den Knochen.“

Auch jetzt noch arbeitet die Unternehmerin viel. Außer samstags, da ist sie wieder Hausfrau, Mutter, Köchin. „Ich gehe auf den Markt, kaufe auch die Beilagen, Gemüse.“ Knödel mache sie gern. Und Gebäck. „Mit dem Enkel, er ist fünf, habe ich gerade Weihnachtsguzel gebacken.“ Sie hat gelernt: „Die Küche bietet Atmosphäre für gute Gespräche. Da unterhält man sich anders.“ Wenn sie kocht, dann „Hausmannskost, die ganz einfachen Gerichte“.

Die Produkte ihrer Firma werden dagegen immer komplizierter: Wenn große Maschinen, Pressen oder Bänder in Autofabriken laufen, ist immer ein runder, roter Notknopf erreichbar. Auf den drücken Arbeiter in Not, alles stoppt, ohne dass was runterfällt oder kaputtgeht. Erfunden hat ihn die Firma in Ostfildern. Darum heißt er nicht nur der typischen Pilzform wegen im englischen Sprachraum „Mushroom Button“. Doch die Stärke von Pilz steckt mittlerweile hinter diesen Emergency-Mushrooms, in der Sicherheitstechnik und Sensorik für automatische Anlagen. Wenn in Fabriken gemessen, kontrolliert und korrigiert wird, meist mit Technik des Mittelständlers.

Dass sich Pilz gegen Konkurrenten wie Siemens erfolgreich behauptet hat, liegt an einer großen Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Und einer Chefin, die weiß, was sie will – und das auch mitteilt.

Ins Öxle hat Renate Pilz ihren Prokuristen Horst-Dieter Kraus mitgebracht. „Herr Kraus, was sagen Sie, werde ich manchmal laut?“, gibt sie eine Frage weiter. Ihm fällt das Messer aus der Hand: „Nein, nicht wirklich.“ Er zögert, schaut, lächelt. „Aber Frau Pilz hat einen strengen Blick.“ Er erzählt von ihrem ersten Auftritt als Geschäftsführerin in Mailand: 1994 im Saal eines edlen Hotels vor den Geschäftsführern der Pilz-Tochterfirmen in aller Welt. 20 Mann, keine Frau, und keiner hatte Renate Pilz vorher länger gesehen oder gesprochen. Renate Pilz steht auf, hält ihre erste Rede.

„Sie hat uns, wie man hier in der Gegend so sagt, auf den Topf gesetzt“, erinnert sich Kraus. „Ihre Botschaft war klar: Ich führe die Geschäfte.“ Pause. „Keiner hat gemerkt, wie nervös ich war“, sagt Renate Pilz. Und dann, als ob das genauso bedeutend gewesen wäre wie ihr erfolgreiches Debüt als geschäftsführende Gesellschafterin, als Bändigerin der männlichen Managerriege: „Die Ravioli in Safransoße damals in Mailand, die waren perfekt.“

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Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2011.

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