Diverses Was die Börsianer in die Flucht treibt

Finanzkrise und kaum Chancen auf sinkende Zinsen, teures Öl und der unsichere US-Häusermarkt: Das ist die Mixtur, mit der sich die Börsianer vermutlich noch bis zum Jahresende und darüber hinaus rumquälen müssen. Was die Märkte derzeit bewegt.

Der Abwärtstrend an den Börsen hat dramatische Ausmaße angenommen. Weltweit sind die Märkte auf Talfahrt. Daran kann auch der fallende Ölpreis derzeit nichts ändern. Im Gegenteil: Er verstärkt den Trend noch, da viele Börsianer dahinter eine sich weiter abschwächende Weltkonjunktur vermuten. Ungemach könnte schließlich auch noch weiter vom US-Häusermarkt und dem Bankensektor kommen. Beispielsweise ist auch noch immer unklar, ob die US-Investmentbank Lehman Brothers ihre Probleme in die Griff bekommt.

Zinspolitik

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Die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank hat die Märkte kaum überrascht. Dennoch sind die Kurse deutlich gefallen. „Viel größer war die Enttäuschung, dass es kein klares Signal für eine baldige Zinssenkung geben hat“, sagte Tobias Basse, Atienstratege von der Nord LB, der „Financial Times Deutschland“. Und: Jetzt werde es darauf ankommen, wie sich die einzelnen EZB-Ratsmitglieder in den kommenden Wochen und Monaten äußerten: Impulse für die Märkte könnten also eher von dort kommen: „Und im EZB-Rat gibt es duchaus unterschiedliche Aufassungen. Es bleibt also spannend.“ Basse rechnet damit, dass in diesem Jahr bei den Zinsen nichts mehr passieren wird. Diese Einschätzung teilt auch Ascan Iredi von der Postbank. Er glaubt, dass sowohl die US-Notenbank Fed, als auch die EZB in diesem Jahr keine Schritte mehr durchführen. Basse rechnet darum an den Märkten mit einer Seitwärtsbewegung, Iredi hingegen sieht eher noch weiteres Potenzial nach unten.

Ölpreis

Der Preis für leichtes US-Öl war kürzlich noch bei über 140 Dollar je Barrel (159 Liter). Damals war das teure „schwarze Gold“ als Belastungsfaktor für die Börsen angeführt worden. Doch der deutliche Verfall binnen weniger Wochen bis auf etwa 105 Dollar hat nur kurzfristig für gute Laune gesorgt. Die Freude darüber, dass die fallenden Ölpreise die Kosten für Unternehmen senken und die Konjunktur stützen könnte, hat sich nur kurz gehalten. Mehr und mehr kippte die Stimmung, und die Sorge machte sich breit, dass der Preisverfall auf eine geringere weltweite Nachfrage und damit eine sich abschwächende Konjunktur hindeuten könnte: „Der Ölpreis ist eben ein wichtiger Konjunkturindikator“, sagte Iredi: Die Märkte hätten realisiert, dass nach Jahren des konjunkturellen Aufschwungs nun eben auch eine Rezession möglich sei.

Basse sagte, die Börsen würden dazu neigen, sich den Ölpreis zurechtzuinterpretieren. Derzeit sei die einhellige Marktmeinung, dass der sinkende Ölpreis auf eine schwächelnde Weltkonjunktur hindeute. Vor kurzem sei er noch als Hoffungsfaktor gesehen worden.

Die Verbraucher vor allem in der Eurozone dürften ohnehin kaum von den dem Preisverfall beim Rohöl profitieren. Das zeigt sich ganz deutlich an den Tankstellen. Da gleichzeitig auch der Euro fällt, tut sich bei den Spritpreisen etwa in Deutschland kaum etwas.

US-Häusermarkt

Der US-Häusermarkt wird die Börsen wohl noch eine Weile in Atem halten. Auch wenn es nach Ansicht von Experten Anzeichen für eine Besserung gibt: „Es gibt erste Indikatoren, dass die Abwärtsdynamik an Schwung verliert“, sagte Aktienstratege Basse. Er glaubt dennoch, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist. „Es ist noch viel zu früh, die Hypothekenkrise zu den Akten zu legen.“ Schließlich könne sich der Preisverfall auch noch stärker auf das Konsumverhalten der US-Amerikaner auswirken.

Zuletzt hatte der vielbeachtete Case-Shiller-Index purzelnde Hauspreise in den USA gezeigt: Demnach fielen sie im zweiten Quartal um 15,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Im Juni lag der Index, der die größten 20 US-Metropolen erfasst, sogar 15,9 Prozent unter dem Vorjahresmonat.

Finanzkrise und Banken

Die Frage, wie viele Banken es in den USA und auch weltweit noch erwischen wird, dürfte ein wesentlicher Faktor in der Börsenentwicklung bleiben. Allerdings rechnen Experten mit einer zunehmenden Differenzierung: „Die Zeiten der Sippenhaft sind vorbei“, sagte Iredi: Die Märkte würden künftig genauer auf die einzelnen Zahlen der Kreditinstitute schauen. Allerdings rechnet er mit weiteren Pleiten in den USA. Basse schätzt, dass es auch positive Überraschungen geben könnte: „Da muss man genau hinschauen“. Das kommende Jahr werde noch stark von der Finanzkrise und den Probleme der US-Banken beeinflusst sein. Besonderes Augenmerk liege dabei auf den US-Investmentbanken. Experten blicken vor allem kritisch auf die Entwicklung bei Lehman Brothers und die Frage, ob die Bank ihre Probleme in den Griff bekommt.

Postbank-Experte Iredi schätzt, dass es bis zu den nächsten Quartalsberichten noch viel Druck und Gefahren geben wird. Die Märkte müssten bis dahin ohne konkrete Fakten auskommen: „Das bietet Raum für Spekulationen.“

In den USA sind bislang zehn Banken in diesem Jahr im Zuge der Finanzkrise zusammengebrochen. Die Zahl insolvenzgefährdeter Banken ist in den USA zuletzt auf den höchsten Stand seit fünf Jahren gestiegen. Die Aufsichtsbehörden rechnen mit weiteren Pleiten in diesem und dem kommenden Jahr. Auf einer Beobachtungsliste des Einlagensicherungsfonds standen zum Ende des zweiten Quartals 117 Banken und damit 30 Prozent mehr als drei Monate zuvor.

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