Diverses Was die Washington-Mutual-Pleite bedeutet

Es ist die größte Bankenpleite der Geschichte: Mit Washington Mutual bricht die wichtigste Bausparkasse des Landes zusammen und wird an JP Morgan verkauft. Experten fürchten jetzt um die Zukunft der Bausparkassen. Wer noch verliert, wer dagegen profitiert und was das für den Gesamtmarkt bedeutet - ein Überblick.

Nach Angaben der Aufsichtsbehörde, dem Office of Thrift Supervision, gab es keine Alternative: Washington Mutual (WaMu) musste an JP Morgan notverkauft werden. Allzu groß seien die Einlagenabflüsse gewesen: Seit dem 15. September hätten die Kunden der größten US-Bausparkase 16,7 Milliarden Dollar abgezogen. WaMu habe nicht über ausreichend Liquidität verfügt, um ihren Verpflichtungen nachzukommen; die Sparkasse habe sich daher in einem unsicheren und unsoliden Zustand bezüglich ihrer Geschäftstransaktionen befunden, teilte das OTS am Donnerstagabend mit.

Der Kollaps von WaMu ist ein weiterer trauriger Tiefpunkt der Kreditkrise. Nachdem bereits Lehman Brothers Gläubigerschutz beantragen und die Versicherungsgesellschaft AIG mit 85 Milliarden Dollar gestützt werden musste, stellt nun der WaMu-Zusammebruch – gemessen am Einlagenvolumen – die größte Bankenpleite überhaupt dar. Er übertrifft dabei noch den Niedergang von Continental Illinois aus dem Jahr 1984.

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Wie sieht die Transaktion aus?

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon erfüllt sich mit dem Zukauf in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar das langgehegte Ziel, seine Bank im Westen der USA zu einer starken Kraft im breiten Privatkundengeschäft zu machen. Schließlich verfügt WaMu über Einlagen von 188 Milliarden Dollar. Allerdings spielt er auf Risiko: Er übernimmt nicht nur das Filialgeschäft, sondern auch das Hypothekenportfolio. Das hat ein Volumen von 176 Milliarden Dollar und gilt in Teilen als ausfallgefährdet.

JP Morgan schrieb darauf bereits 31 Milliarden Dollar ab und kündigte für Freitag eine Kapitalerhöhung um 8 Milliarden Dollar an. Dimon hofft so, sich mit WaMu eine solide Bank gesichert zu haben. Die Kernkapitalquote läge, die Kapitalerhöhung berücksichtigt, bei 8,3 Prozent, teilte JP Morgan mit. Für das kommende Jahr wird damit gerechnet, dass die Akquisition das Ergebnis je Aktie um 50 Cent erhöht. Die Kosten der Transaktion werden auf 1,5 Milliarden Dollar beziffert, die Einsparungen ab 2010 jährlich auf 1,5 Milliarden Dollar vor Steuern. Jede zehnte Filiale soll geschlossen werden. „WaMu ist ein fantastisches Unternehmen. Wir haben einen Preis bezahlt, der uns schützt, selbst wenn wir falschliegen sollten“, sagte Dimon.

Analysten lobten Dimon für die Transaktion: „JP Morgan hat geduldig auf die Chance gewartet, aktionärsfreundlich zu expandieren. Damit verstärkt die Bank ihre Präsenz in attraktiven Regionen wie Kalifornien und Florida“, schrieben die Bankanalysten der Credit Suisse in einem Researchbericht. Ähnlich zustimmend äußerten sich die Experten der UBS: „Großartige Sache für JP Morgan, sowohl strategisch als auch finanziell. Die Bank sichert sich eine gigantische Einlagenbasis und korrigiert gleichzeitig das Hypothekenportfolio auf eine realistische Bewertung.“

Warum ist Washington Mutual in die Krise gerutscht?

Der Zusammenbruch von WaMu ist nicht allein die Geschichte einer geplatzten Immobilienblase. Es ist auch die Geschichte übermäßiger Ambitionen einer einzelnen Person: Kerry Killinger. Der ehemalige Vorstandschef ging in den 90er-Jahren auf Einkaufstour und baute Filialen in Städte und Gemeinden auf, die sich später als wenig rentabel erwiesen. Vor allem in Kalifornien und Florida verstärkte er die Präsenz. In beiden Bundesstaaten gilt der Häusermarkt als besonders überhitzt.

Als desaströs gilt die Entscheidung, das Hypothekengeschäft mit Schuldnern geringer Bonität – Subprime genannt – auszuweiten. Dabei nutzte WaMu vorallem „Option ARMs“. Das sind variabel verzinste Hausdarlehen mit geringer Bonitätsprüfung, die sich als ausfallgefährdet erwiesen. WaMu hielt zuletzt 53 Milliarden Dollar an solchen Krediten in den Büchern. Das reine Subprime-Engagement lag bei 16,1 Milliarden Dollar.

Verluste waren die Folge: Im vierten Quartal 2007 musste Killinger wegen steigender Ausfallraten ein Minus von 1,87 Milliarden Dollar ausweisen – es war der erste Verlust seit 1997. Im ersten Quartal folgte ein weiterer Fehlbetrag von 1,1 Milliarden Dollar, im zweiten Quartal wurde die Serie mit einem Verlust von 3,3 Milliarden Dollar fortgesetzt. Angesichts der wachsenden Kritik musste er seinen Posten als Vorsitzender des Verwaltungsrats räumen – und dann am 8. September auch als Vorstandschef zurücktreten.

Sein Nachfolger Alan Fishman startete sofort Verkaufsgespräche. Doch nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15. September zogen die Kunden vermehrt ihr Geld ab. Der Aufsichtsbehörde OTS zufolge beliefen sich die Abflüsse auf 16,7 Mrd. Milliarden Dollar. Potenzielle Interessenten wie Citigroup, Wells Fargo und Santander winkten ab.

Wie steht JP Morgan da?

„Wer zuletzt lacht“, wird sich JP-Morgan-Vorstandschef Jamie Dimon denken. Einst drängte ihn Citigroup-Chef Sandy Weill aus dem Konzern. Nun erweist sich der 52-Jährige als der eigentliche Star der Wall Street: Nicht nur sicherte er sich mit Bear Stearns und WaMu zwei gute Adresse zu einem billigen Preis, sondern seine Bank schlägt sich auch wacker durch die Kreditkrise. Während andere Rekordverluste auswiesen, arbeitete JP Morgan bisher profitabel.

Das spiegelt sich auch im Aktienkurs wider: Seit Jahresbeginn verloren die JP-Morgan-Papiere nur 0,44 Prozent. Zum Vergleich: Der Amex-Broker-Dealer-Index brach über den gleichen Zeitraum um 38 Prozent ein. Der S&P-500-Financials-Index büßte 29,5 Prozent ein.

Allerdings ist auch Dimons Zahlenwerk nicht unberührt von den Turbulenzen auf dem Kapitalmarkt. Beispiel ist das zweite Quartal. Der Gewinn von 54 Cent je Aktie war getrübt durch die angespannte Situation bei Prime-Hypotheken. JP Morgan ist besonders stark engagiert in Kalifornien. Bis Ende Juni kletterten die Ausfallraten um 43 Basispunkte auf 0,91 Prozent. Angesichts der Größe des Portfolios – 45 Milliarden Dollar – ist das nicht zu unterschätzen. Die Bank gab selbst zu, 2007 noch viel zu aggressiv Kredite vergeben zu haben – und bereue das, sagte Dimon damals. Ebenfalls besorgniserregend ist der Bestand an Übernahmekrediten von 18,9 Milliarden Dollar und an mit Gewerbeimmobilienkrediten besicherte Anleihen (Commercial Mortgage Backed Securities) von 11,6 Milliarden Dollar.

Für das dritte Quartal sind die Analysten skeptisch. Die Konsensprognose liegt bei 39 Cent Gewinn je Aktie. Gleich mehrere Rückschläge sind bereits angekündigt: Abschreibungen von 1,2 Milliarden Dollar auf Vorzugsaktien der beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac und eine 400-Miillionen-Dollar-Strafe im Zuge des Skandals um Auktionsanleihen. Gleichzeitig verschlechterte sich das Kreditumfeld, was mit einer erneuten Auftsockung der Reserven einherging.

Was bedeutet der Notverkauf für die Kunden?

Die Kunden müssen nicht um ihre Einlagen fürchten. Der Kundenbetrieb werde am Freitag wie gewohnt weitergehen, teilte die US-Einlagenversicherung FDIC mit. „Alle haben Zugang zu ihren Konten“, sagte FDIC-Chefin Sheila Bair. Der Grund: JP Morgan übernimmt das gesamte Filialgeschäft und damit auch die Einlagen.

Die FDIC muss nicht aktiv werden. Sie versicht Einlagen bis zu einer Höhe von 100.000 Dollar, bei Pensionskonten liegt die Obergrenze bei 250.000 Dollar. Allerdings ist der Fonds nach der Pleite von Indymac alles andere als prall gefüllt. Zuletzt belief sich die Summe auf rund 45 Milliarden dollar. „Allein im Hinblick auf den völlig unterdotierten US-Einlagensicherungsfonds ist die gefundene Lösung extrem wichtig. Das gilt umso mehr für die nächsten Tage, weil das gigantische Rettungspaket des Staates für den Bankensektor noch kein grünes Licht vom Kongress erhalten hat“, schrieb Martin Peter, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Was bedeutet der Notverkauf für Aktionäre und Anleihegläubiger?

Aktionäre sind die großen Verlierer. Ihr Kapital wird größtenteils ausradiert. Besonders ärgerlich ist das für die Beteiligungsgesellschaft TPG. Sie investierte gemeinsam mit anderen Anlegern 7 Milliarden Dollar in WaMu. Rund 2 Milliarden Dollar sind nun futsch. TPG-Chef David Bondermann äußerte sich enttäuscht. „Wir sind mit dem Verlust unzufrieden“, teilte Bondermann in einer Stellungnahme mit.

Nicht nur das Kapital der Aktionäre ist vernichtet, sondern auch das der Anleihegläubiger. Denn: Die Bondholder müssen sich mit den Vermögenswerten der Holdinggesellschaft Washington Mutual Inc (WMI) begnügen, die nicht Teil der Transaktion ist. Die Verbindlichkeiten von WMI beliefen sich zuletzt auf 5,7 Milliarden Dollar an nicht-besicherten Anleihen. 4,1 Milliarden Dollar davon sind vorrangig, 1,6 Milliarden Dollar nachrangig. Die Analysten von Creditsights rechnen nun vor, dass die Gläubiger im guten Fall zwischen 10 und 50 Prozent, im schlechten Fall zwischen null und 13 Prozent ihres Einsatzes zurückkriegen. Abhängig ist das von der Entscheidung der Aufsichtsbehörden: Muss die Holdinggesellschaft Kapital an die Banktochter weiterreichen oder nicht?

Was bedeutet die WaMu-Rettung für den Gesamtmarkt?

Für Marktbeobachter ist der Notverkauf erst einmal positiv zu bewerten. Er verringert die Unsicherheit, außerdem wurde ein ungeordneter Kollaps wie bei Lehman Brothers abgewendet. „Die Tatsache, dass es einen Bankkonzern wie JP Morgan gibt, der in diesen Krisenzeiten andere große Institute schlucken kann, ist unseres Erachtens positiv zu sehen“, schrieb LBBW-Analyst Peter in seinem Researchbericht.

Allerdings gibt es auch Nachteile. Gerade Aktionäre und Anleihengläubiger könnten sich zukünftig bei Kapitalerhöhungen anderer Banken zurückhalten, befürchten die Experten der UBS. „Das könnte ein starkes Signal an die Bondmärkte sein und auch die Idee des Paulson-Rettungsplanes vorwegnehmen. Das Interesse des Steuerzahlers wird geschützt auf Kosten der Aktionäre und Gläubiger“, schrieben die UBS-Analysten. „Die Folge davon könnte sein, dass eine Flucht zu den am besten kapitalisierten Gewinnern einsetzt.“

Fraglich ist zudem, was mit anderen Bausparkassen geschieht. Viele von ihnen haben dünne Kapitaldecken – und erhöhten zuletzt ihre Risikovorsorge. Zwar rechnen Experten nicht mit einer zweiten Bausparkassenkrise wie in den 80er-Jahren. Allerdings bezeichnen sie es als wahrscheinlich, dass nach dem WaMu-Zusammenbruch weitere Institute aufgeben müssen.

Was bedeutet das für den Markt für Pfandbriefe und Covered Bonds?

Die Pleite der Sparkasse ist auch ein Härtetest für den Markt pfandbriefartiger Wertpapiere (Covered Bonds): Es ist das erste Mal weltweit, dass eine Covered-Bond-Bank vor dem Aus steht. Somit wird erstmals getestet, wie es um den Insolvenzschutz dieser mit Immobilien besicherten Bankanleihen bestellt ist.

WaMu war das erste amerikanische Institut, dass 2006 mit der US-Version eines Pfandbriefs an den Markt kam. Das Volumen der Covered Bonds der Sparkasse beträgt aktuell 6 Milliarden Euro. Die Struktur dieser Wertpapiere ist sehr viel komplexer als europäische Covered Bonds.

Da Anleger sowohl der Insolvenzfestigkeit amerikanischer Covered Bonds misstrauen, als auch der Werthaltigkeit der Sicherheiten, hatten die US-Papiere schon in den vergangenen Monaten die heftigsten Verluste am internationalen Pfandbriefmarkt erlitten. Die Ratingagentur Fitch stufte in einer ersten Reaktion auf die Schließung der Sparkasse die Bonitätsnoten für die Washington Mutual Covered Bonds von AA auf BBB herab.

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